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Tröten, Tänze und Tausende Taschentücher

Im Gespräch: Alexander Shelley über seine „Last Night“ im Luitpoldhain - 07.08.2017 16:48 Uhr

Das war’s – beinahe. Die Koffer in Nürnberg sind gepackt. Was Alexander Shelley die Zukunft wohl bringen mag? Zunächst sein neuntes Klassik-Open-Air, bei dem er in Europas größtem grünen Konzertsaal Daniel Hope zu Gast hat. Der Stargeiger wird Ende Oktober erneut mit dem Echo Klassik ausgezeichnet.Foto: Roland Fengler © Roland Fengler


NZ: Sie sehen hervorragend aus – sind Sie Jetlag-resistent?Shelley: Normalerweise schon, doch heute geht es mir nicht so gut. In 39 Stunden vom anderen Ende der Welt hierher, das war zu heftig.

NZ: Wohin führt Sie die Karriere nach dem Klassik-Open-Air?

Shelley: In eine dreiwöchige Sommerpause und damit die ersten freien Tage seit dem 1. Januar. Am Sonntag geht es nach London, Ende der Woche mit meiner Frau und Freunden nach Tansania: vier Tage Safari, eine Woche am Meer . . . Ich werde keine Noten mitnehmen, nur Bücher. Lesen und fett werden. Runterkommen. Das passt auch, endet für mich am Wochenende doch ein ganzer Abschnitt.

NZ: Sie haben mit Ottawa, London und Nürnberg drei Orchesterbeziehungen geführt. Ist das – selbst für einen Tausendsassa – keine Zerreißprobe?
Shelley: Nein, da die Orchester wie auch meine Rollen – in Nürnberg Chefdirigent, in London erster Gastdirigent, in Ottawa musikalischer Leiter des National Arts Centre Orchestra – sehr unterschiedlich waren. Doch insgesamt war es viel. Die Gastdirigate habe ich auf die Spitzenorchester reduziert . . .

NZ: Das heißt, mehr Zeit für Sie?

Shelley (kneift ein Auge zu): Ich mache ein paar Gastdirigate mehr; bin gerne ein bisschen auf Strom.

NZ: Angeblich ist zwischen Ihnen und den Symphonikern seit etwa zwei Jahren „der Ofen aus“, stimmt das?
Shelley: So ein Moment kann immer aufkommen. Es ist die Aufgabe des Dirigenten, Dinge immer wieder anzusprechen – wie bei Beziehungen sind es oft dieselben Belange, an denen man herumbohrt. Das ist schlicht nervig für das Orchester, aber in erster Linie bin ich da, um auf Qualität zu achten und nicht dafür, dass sich alle mögen. Wenn man zu lange bleibt, schadet man eher. Ein besseres Publikum als hier gibt es nicht, da könnte ich ein ganzes Leben bleiben! Doch ich habe die künstlerische Verantwortung – und es ist gesund für das Orchester, nach acht Jahren einen neuen Dirigenten zu bekommen. Ich wünsche ihm und den Symphonikern alles, alles Gute. Ich konnte meinen Nachfolger leider noch nicht kennenlernen, doch er bringt sicher die richtige Energie mit.


NZ: Was fühlen Sie spontan, wenn Sie an Ihre Nürnberger Jahre denken?
Shelley: Geborgenheit. Es war ein sicherer Ort, um zu musizieren, zu lernen, Künstler zu sein, eine Beziehung zum Publikum aufzubauen. Es gab keine Ablenkung, ging immer um die Sache. Die Stadt ist ideal, um sich wohlzufühlen. Und es gibt weltweit nicht viele Orte mit zwei Orchestern in einer Stadt dieser Größe.


NZ: Was bedeutet Ihnen dieses neunte Klassik-Open-Air?
Shelley (lacht): Ich bin genervt, dass es nicht das zehnte ist! Nun, ich werde diese Konzerte bis zu meinem Lebensende nicht vergessen: Hier ein Klassik-Open-Air zu dirigieren, ist ein Privileg. Und dann neunmal!


NZ: Da sind Sie nun Rekordhalter.
Shelley: Stimmt! Das werde ich im Blick behalten.


NZ: Wie geht Alexander Shelley auf dieses Konzert zu?

Shelley: Mit großer Vorfreude. Doch es gibt noch viele Proben und Interviews, ich muss meine Moderation vorbereiten, am Freitag kommen Freunde – viel Zeit zum Nachdenken bleibt nicht, das ist Segen und Fluch in meinem Leben. Ich bin gespannt, wie das Gefühl am Sonntagmorgen ist. Dann bin ich hier nicht mehr Chef, das Konzert ist vorbei – da ist bestimmt Wehmut im Spiel, und sicher auch ein kleiner Kater; wir werden nachher noch auf der Wiese sitzen, das gehört dazu. Doch ich reise alleine ab. Bin gespannt, was ich empfinde.

NZ: Wird Ihre Frau beim Konzert sein?

Shelley: Leider kann sie nicht. Aber wir beide sind auf einem guten Weg, sie begleitet mich jetzt auch häufig.


NZ: Das Programm ist in der ersten Hälfte rein deutsch, in der zweiten fast rein britisch . . .
Shelley: . . . es ist eine „Last Night“ im Sinne des Saisonabschlusses und auch meines letzten Konzerts – zudem ist es eine Anspielung auf die „Last Nigth of the Proms“ meiner Heimat.


NZ: Und Sie glauben, dass Sie ohne Tränen durch das Konzert kommen?
Shelley: Hm. Die „Meistersinger“- Ouvertüre liebe ich, eine unglaubliche Musik. „Pomp and Circumstance“ ist ähnlich majestätisch, leidenschaftlich, pompös – man bekommt sowieso Gänsehaut, wenn man das dirigiert. Dann bei Rózsas „Spellbound“ das letzte Mal die Wunderkerzen . . . Doch ich kann mich während des Programms nicht fallen lassen, muss jede Sekunde am Ball sein.


NZ: Das Publikum hat unter Ihrem Dirigat verschiedene Tänze aufs grüne Parkett gelegt und einen rekordverdächtigen Kanon gesungen; was erwartet die Besucher bei Ihrer „Last Night“?

Shelley: Pfeifen, Singen, eine kleine Tanzeinlage – und es sollte jeder ein weißes Taschentuch zum Winken mitbringen! In Henry Woods „Fantasia on Britisch Sea Songs“ gibt es ein Cello-Solo, bei dem sollten alle so tun, als ob sie weinen (er lacht) – das ist in Anlehnung an die Riten der Londoner „Last Night of the Proms“; oh, und Tröten sollte man dabei haben – bitte ohne anderen das Gehör zu malträtieren! – oder mit dem Mund üben, wie eine Ente zu klingen. Ich bin noch am Entwickeln.


NZ: Wow! Haben Sie für Notfälle die Badehose dabei? Noch sind sich die Wetterfrösche nicht einig.
Shelley (
grinsend): Hab ich dabei! Doch das Fernsehen zeichnet auf, da muss ich aufpassen.


NZ: Neu ist bei den Symphonikern das Abschiedsfeuerwerk, das durch die finanzielle Beteiligung der Spielwarenmesse erst möglich wurde . . .
Shelley: . . . ja, das ist grandios! Da wünsche ich meinem Nachfolger, dass beim großen Feuerwerk zwischen beiden Konzerten künftig mehr durchgetauscht wird!


NZ: Was wünschen Sie den Symphonikern?
Shelley: Einen schönen Musiksaal in den kommenden Jahren, und dass sie das Stammorchester werden; ich denke, das gehört sich so! Das braucht das Orchester zur Weiterentwicklung. Außerdem wünsche ich ihnen viele schöne Erlebnisse mit meinem Nachfolger, dass sie mit Freude auf unsere Zeit zurückblicken können, und dass sie mir verzeihen, wenn ich bisweilen genervt habe. Ich bedanke mich für wirklich bereichernde Jahre.


NZ: Würden Sie zu einem Klassik-Open-Air ans Pult zurückkommen?
Shelley: Klar – dann habe ich die zehn voll!


NZ: Was werden Sie vermissen?
Shelley: Ich kam mit 18 Jahren nach Deutschland, bin hier musikalisch groß geworden. Es ist eine zweite Heimat für mich – und ich werde hier nicht mehr in bisheriger Häufigkeit sein. Das wird mir fehlen.

Interview: Anabel Schaffer 

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