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Zurück in den Mutterleib

Ulfilas Meyer untersucht das Phänomen „Geborgenheit“ - 01.02.2014

Autor und Psychologe aus Nürnberg: Ulfilas Meyer. © privat


Die Qualität mancher Bücher lässt sich an der Qualität ihres Anhangs ablesen. Was hat der Autor sonst noch zum Thema gelesen? Ist er auf dem aktuellen Stand von Forschung und Diskurs? Kennt er die Standardliteratur? Hat er einen Überblick über andere Medien wie Zeitungen, Fernsehen, Internet? Und schließlich: Gelingt es ihm, seine Theorie mit dem realen Leben zu verbinden? Einen Transfer herzustellen?

Bei Ulfilas Meyer wird man bei der Antwort auf diese Fragen in vielerlei Hinsicht fündig. In seinem neuen Buch „Geborgenheit — Unsere Suche nach dem inneren Halt“ fehlt das Interview mit Bayern-Star Mario Götze („Es ist nicht einfach, glücklich zu sein“) ebenso wenig wie der populäre Werbespruch eines dänischen Möbelhauses oder die Talkrunde im „Nachtcafé“ beim SWR.

Doch auch die Hirnforschung kommt zu Wort, Psycho-Klassiker wie C.G. Jung, Erich Fromm, Fritz Perls oder der von Meyer besonders geschätzte Peter Schellenbaum. Dazu Zitate von Bruce Springsteen, Wir sind Helden oder Bob Dylan, um nur einige zu nennen. Die ganze Schatztruhe zum Thema wird geöffnet und schnell wird klar, wie aktuell und omnipäsent es ist.

Greifen wir also hinein ins volle Menschenleben, wie schon von Goethe empfohlen. (Auch er wird von Meyer immer wieder aufgerufen als Gewährsmann.) Ein Beispiel für Geborgenheit ist zweifellos die Wohnung. Interessant, welche Überlegungen der Autor dazu am Beispiel des smart home anstellt, jenem technischen Wunderding, das dafür sorgen soll, dass wir es schön kuschelig haben, wenn wir heim kommen. Dazu schaltet es selbständig die Heizung ein, lässt die Jalousien runter, nimmt Fernsehsendungen auf und vieles mehr. Wann ist man zuletzt so wunderbar versorgt worden? Richtig, im Mutterleib! Und Ulfilas Meyer dürfte nicht Psychologe sein, wenn er das nicht erkennen würde.

„Psychoanalytiker sehen darin den Versuch, den mütterlichen Uterus zu reproduzieren, weil die Wohnung zu einem Teil von uns wird“, schreibt er. Und weiter: „Diese Verschmelzung erlaube die symbolische Rückkehr in den behütenden und versorgenden Mutterbauch oder zumindest die nachträgliche Idealisierung und Stilisierung dieses Vorgangs.“
Und zum Thema Wohnen generell: „Es scheint klar, dass dem Wohnen eine heimatliche Bedeutung zukommt und dass wir uns fast alle irgendwie geborgen fühlen, wenn wir ungestört auf der eigenen vertrauten Couch sitzen und das tun können, was wir wollen.“

Doch Ulfilas Meyer hat in seinem gut verständlichen Buch weitere Nischen der Geborgenheit aufgespürt: das Ritual, die Heimat, die Natur, die Nähe zu Anderen, der Kontakt mit sich selbst. Sie alle können zu Höhlen werden, in denen sich der Mensch sicher und wohl fühlt.
Im Schlusskapitel widmet sich der Autor der metaphysischen Dimension des Themas. Dann geht es um Glaube, Liebe und das Gefühl, sich als Teil des großen Ganzen zu sehen. Und sei es nur, dass es andere Menschen gibt, die ebenso auf der Suche nach Geborgenheit sind. Diese fällt nicht vom Himmel, das ist eine Botschaft des Buches, sondern ist das von jedem individuell gestaltete Nest. Das ist die andere, vielleicht noch wichtigere Erkenntnis.

Ulfilas Meyer: Geborgenheit — Unsere Suche nach dem inneren Halt. Primus-Verlag. 179 Seiten, 19,80 Euro.
  

DIETMAR BRUCKNER

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