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Die deutschen Fernsehsender machen deshalb, was sie immer tun, wenn ein Quotengarant zu ehren ist: sie zeigen Mehrteiler. Dass ihr Star in Filmproduktionen noch so einsatzfreudig wie je ist, zeigte er bereits zu Beginn dieses Jahres, als er ohne Double rüstig im Taucher-Neopren vor der Küste Neuseelands aufgetreten ist. Der Fernsehfilm "Das Geheimnis der Wale" war dem engagierten Darsteller ein Anliegen, weil darin auf die Gefährdung der Meeressäuger aufmerksam gemacht wurde. Die Popularität und Autorität für Umweltthemen und Menschenrechte einzusetzen, ist dem Mann, der bis heute "jeder Art von Macht misstrauisch gegenüber steht", wichtig geworden. Für sein Engagement und für sein Lebenswerk hat ihm die Gutenberg-Universität in Mainz, an der er in den 50er Jahren Philosophie, Psychologie und Theaterwissenschaft studiert hat, die Ehrendoktorwürde verliehen. Mario Adorf, als Sohn eines süditalienischen Chirurgen und einer Deutschen 1930 in Zürich geboren, lebte schon lange bevor der Europa- Gedanke Politiker beschäftigte, in diesem Staaten-Großraum als überall anerkannter Star.
Nachdem er die Falckenberg-Schauspielschule in München absolviert und nebenbei in Paul Mays "08/15" als Landser Wagner sein Filmdebüt gegeben hatte, wurden bald die internationalen Studios auf den romanischen Typen mit den dichten Augenbrauen aufmerksam. Der Schauspieler war auf die Bösewichte abonniert. Mario Adorf brillierte in Robert Siodmaks "Nachts, wenn der Teufel kam" als Bruno Lüdke. Diese Rolle des satanischen Frauenmörders aus dem Jahr 1957 ist ihm heute noch eine der wichtigsten. Seinem großen Publikum freilich blieb er als der Fiesling Santer in Erinnerung, der Mann, der in "WinnetouI" Nscho-tschi erschoss, Winnetous betörende Schwester. Obzwar für die Bühne ausgebildet und im Theater der 60er und 70er Jahre in mehr als 70 Rollen eingesetzt, kam im Laufe der Jahre mehr und mehr seine Vorliebe für die Haudegen der Leinwand durch.
Das liegt, wie Adorf in seinen "unordentlichen Erinnerungen", der Autobiographie "Himmel und Erde" (Goldmann-Verlag) resümiert, durchaus in seiner turbulenten Kindheit und Jugend im Eifelstädtchen Mayen begründet. Dort bestritt seine Mutter Alice den Unterhalt für sich und den Jungen durch Näharbeiten. Mario wurde im Benediktinerinnenstift am Ort erzogen. Er sah die Mutter nur an Wochenenden. Die Kriegswirren überstand er in Mayen. Der Bub assistierte bei Hausschlachtungen und half auf Bauernhöfen mit. Ein wohlwollender Lehrer setzte bei der Mutter den Besuch des Gymnasiums durch. Mehr als 200 Kinofilme und rund 90 Fernsehfilme hat Mario Adorf mit seiner darstellerischen Präsenz geprägt. Er drehte mit Billy Wilder und Sam Peckinpah, mit Dino Risi, mit Claude Chabrol und mit großen russischen Regisseuren. In seiner Biographie erinnert er sich köstlicher Episoden über die Dreharbeiten mit Stars wie Sean Connery, Claudia Cardinale und einem ewig unzufriedenen Hardy Krüger in der ehemaligen Sowjetunion zur Zeit des kalten Krieges. Die deutschen Jungfilmer wie Volker Schlöndorff ("Blechtrommel") und Rainer Werner Fassbinder ("Lola") vermittelten dem hochkarätigen international renommierten Star wieder so etwas wie Heimatbindung. Egon Günther verpflichtete ihn für die Siegfried-Lenz-Verfilmung "Heimatmuseum" - und dann kam auch schon das Fernsehen mit denkwürdigen Partien, aus denen Mario Adorf jeweils Sternstunden zu gestalten wusste.
Zum Beispiel in Helmut Dietls "Kir Royal", jener Serie, in der Adorf als rheinischer Industrieller Haffenloher den Klatschreporter Schimmerlos mit seinem Reichtum korrumpiert: "Ich scheiß Dich zu mit meinem Geld." Ein paar Jahre später schrieb Dieter Wedel für den Charakterdarsteller weitere TV-Highlights mit "Der große Bellheim", "Der Schattenmann" und "Die Affäre Semmeling". Helmut Dietl bringt den Film "Rossini" in die Kinos, in denen Mario Adorf als italienischer Gastwirt endlich wieder den Südländer herauskehren kann. Neben seiner Biographie hat Mario Adorf sechs Bücher veröffentlicht. Zum 80. Geburtstag ist die Kurzgeschichten-Anthologie "Ein Mann spielt um sein Leben" (Kiepenheuer & Witsch) erschienen. Ein altersweiser Autor erinnert sich an Begegnungen mit ungewöhnlichen Menschen, in Rom, in Venedig, an der Côte dAzur. Die sehr persönlich geprägten Short-Storys verraten viel darüber, wie sehr einer für seinen Beruf gelebt hat, der ihm vom ersten Tag an Berufung war.
Der Europäer Adorf lebte 40 Jahre in Rom, viele Jahre in Paris und in Südfrankreich. Italien ist ihm nicht mehr geheuer, seitdem dort Medienmogul Berlusconi die Staatsgeschäfte führt; er kam zurück nach München. Mit seiner Akribie konnte der Perfektionist die Meister hinter der Kamera manchmal zur Weißglut bringen. "Ein Automechaniker, der saubere Fingernägel hat, ist nicht echt", sagt er. "Man sollte sein Handwerk beherrschen und nach größtmöglicher Glaubwürdigkeit streben". Ins Regiefach drängte es ihn übrigens nie, weil die Produktionsbedingungen es seiner Ansicht nach nicht mehr ermöglichen, "wirklich mit Schauspielern zu arbeiten." Stattdessen spielt er, ohne Rücksicht auf die Anzahl der Lebensjahre, mit ungebrochener Begeisterung. In Kürze kommt "Gegengerade - Niemand siegt am Millerntor" in die Kinos. Der Senior, der stolz darauf ist, "die 80 geschafft zu haben, ohne ein Greis zu sein", spielt einen Bierbudenbesitzer auf dem Gelände des FC St. Pauli. Altern ist für Mario Adorf "eine Sache der Kontrolle ohne jede Emotion. Ohne Bitterkeit. Und vor allem ohne diese Seniorenheiterkeit, die vortäuscht, dass Altwerden schön ist."
Die ARD zeigt am Freitag, 10. September, um 20.15 Uhr an einem Abend den Zweiteiler "Der letzte Patriarch" mit Mario Adorf. Das ZDF wiederholt ab heute Samstag, 4. September, und am 11. September ab 12.05 Uhr den Vierteiler "Der große Bellheim".

Bewerbungen für den NN-Kunstpreis werden ab 1. März 2012 entgegengenommen. Die Teilnahmebedingungen finden Sie
hier.