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Den großen Knall gibt’s meist im Urlaub

07.07. 13:43 Uhr

Sonne, Strand und Streit: Viele Paare geraten sich in die Haare, weil ihre Erwartungen an die Ferien zu unterschiedlich sind.

Sie will die Stadt erkunden. Er will an den Pool und Cocktails trinken. Wenn jeder andere Bedürfnisse hat, wird’s schwierig.
Sie will die Stadt erkunden. Er will an den Pool und Cocktails trinken. Wenn jeder andere Bedürfnisse hat, wird’s schwierig.
Foto: DAK

Das Schlimmste ist die Werbung, die von den schönsten Tagen des Jahres schwärmt. Das empfinden viele Urlauber fast schon als Bedrohung. Hauptsächlich Paare wissen, dass Ferien tückisch sein können, vor allem solche mit den vier S-Zutaten: Sonne, Strand, Sex – und Streit.

So wie Ulrike und Daniel, bis vor kurzem noch ein Ehepaar mit zwei Kindern. Im vergangenen Sommer flogen sie an die türkische Riviera. Weitab vom Alltag brach sich lange Aufgestautes plötzlich Bahn. Die Konflikte — im Alltag unter den Teppich gekehrt — waren in der Fremde unausweichlich. Nach der Rückkehr reichte das Paar die Scheidung ein.

Ulrike wollte am Pool liegen, Bücher lesen, mit Kindern und Mann hin und wieder an den Strand gehen, abends gemütlich Wein auf der Terrasse trinken, Gespräche führen, viel schlafen. Ruhe war ihr Bedürfnis.



Daniel suchte die Abwechslung. Tauchen wollte er, Mountainbike fahren, mit dem Mietauto die Riviera erkunden, antike Stätten besuchen, mit seiner Frau einen zweiten Frühling erleben. Sein Motto hieß Programm. Der halbwüchsige Sohn war begeistert, die kleine Tochter grantig. Es bildeten sich Fronten: Mutter und Tochter, Vater und Sohn. „Da war der Urlaub im Eimer“, sagt Daniel.

Das kommt in den besten Familien vor. Der Urlaub wird zum Minenfeld der Beziehungen, weil er mit höchst unterschiedlichen Erwartungen überfrachtet ist. Paare, vor allem kinderlose, sind oft nicht mehr daran gewöhnt, den ganzen Tag zusammen zu sein. Statt der statistischen zehn Minuten Gespräch pro Tag haben sie jetzt stundenlang Zeit, aber nicht mehr genügend Themen.

„Raus aus dem Urlaub, rein in den Stress“, sagt Egon Humpeler, Arzt in Bregenz, Professor in Innsbruck. Seit Jahren beschäftigt er sich mit Fragen wie: Was sind die Grundvoraussetzungen für einen erholsamen Urlaub? Wie lange sollte man Urlaub machen? Besser aktiv sein oder einfach nichts tun? Ans Meer oder in die Berge reisen?

„Die Hälfte der Urlauber erreicht den erwarteten Erholungsgrad nicht“, weiß Humpeler, „nahezu drei Viertel verspüren die Liegestuhldepression.“ Immer seltener machen Menschen regelmäßig Urlaub. Jede dritte Ehescheidung wird nach einer gemeinsamen Reise eingereicht.

Seine langjährige ärztliche Praxis hat Humpeler gezeigt, was die Folgen sind. Der Experte hält individuell zugeschnittene Urlaubsberatung inzwischen für wichtig. „Urlaub wurde ursprünglich zum Krafttanken als eine Zeit der verstärkten Achtsamkeit sich selbst gegenüber eingeführt. Das ist bis heute der Sinn.“

Das größte Problem ist meistens, dass unbefriedigte Bedürfnisse in dieser Zeit herausbrechen. Darauf sind die meisten Urlauber nicht vorbereitet. Schon zu Beginn der Ruhephase meldet sich die Psyche. Oft brechen Konflikte auf, an die man nicht mehr gedacht oder als längst erledigt betrachtet hat.

Besonders gefährdet sind Reisen von Paaren mit erwachsenen Kindern, weil höchst unterschiedliche Abläufe geklärt werden müssen. Krisenanfällig sind auch Ferien im Spa oder an allen Orten, wo die Seele baumeln soll, aber eigentlich nicht baumeln will. Aktivurlauber dagegen haben meistens mehr Erfolg. Sport oder Wanderausflüge wirken ausgleichend auf die Beziehung.

Doch auch auf die Urlaubslänge kommt es an. Ferien unter einer Woche hält der österreichische „Wanderpapst“ Egon Humpeler für geradezu gefährlich. Das Optimum seien drei Wochen.

Ein paar Tipps hat der 64-Jährige noch parat: Urlauber sollten es langsam angehen. Erholung funktioniert nicht auf Knopfdruck. Der „Motor“ der üblichen Betriebsamkeit muss langsam heruntergefahren werden. Je länger der Urlaub dauert, desto effektiver, belebender und entspannter kann er werden. Wer Ferien macht, sollte seine Erwartungen nicht zu hoch ansetzen.

Freie Zeit mit Partner, Familie oder Freunden kann nur schön werden, wenn man einander individuelle Freiräume lässt. Im Urlaub hat das Wort „Leistung“ nichts verloren.

Wandern ist das beste Breitbandtherapeutikum für den Körper und beruhigt das vegetative Nervensystem. Doch man muss nicht immer in die Ferne schweifen. Urlaub daheim auf Balkonien kann auch entspannend sein.

Das beste Mitbringsel: Wer aus den Ferien zurück nach Hause kommt, sollte lieb gewonnene neue Angewohnheiten in den Alltag einführen. Urlaub ist eine Steigerung von Erlauben. Das heißt, man sollte sich etwas leisten, wofür man sonst nie Zeit hat. 





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