„Die meisten Paare sind an das enge Zusammenleben einfach nicht mehr gewöhnt“, sagt Inga Bethke-Brenken, Co-Autorin des Ratgebers Aufbruch in den Ruhestand. Schließlich habe man sich jahrelang nur abends und am Wochenende gesehen. „Bei vielen älteren Paaren herrscht immer noch eine klassische Rollenverteilung: Der Mann ist bis zur Rente voll berufstätig, während sich die Frau um Kinder und Haushalt kümmert“, schildert die Autorin Christine Swientek ihre Beobachtungen. Nach dem Auszug der Kinder gestalten die Frauen ihren Alltag jahrelang lang selbstständig und frei.
Nun ist der Partner plötzlich den ganzen Tag zu Hause und scheint seine Liebste regelrecht zu überwachen. „Der Ehemann fragt dann beispielsweise, warum man so lange beim Einkaufen gebraucht habe, wohin man jetzt schon wieder gehe und wann es Mittagessen gibt – und seine Frau fühlt sich dadurch kontrolliert“, erklärt Swientek.
Auch die Tatsache, dass der andere nun im Haushalt mitmischt, sorgt oft für Konflikte. „So manche Hausfrau hat über die Jahre hinweg ihre ganz eigene Vorstellung von Sauberkeit und Ordnung entwickelt“, sagt Inga Bethke-Brenken. Frauen müssten viel Toleranz aufbringen, um zu akzeptieren, dass der andere die Dinge nun anders macht. Viele empfinden solche Veränderungen auch als Kritik an ihrer bisherigen Haushaltsführung.
Die eigentliche Ursache solcher Konflikte ist nach Ansicht der Expertinnen ein fehlender Lebensplan im Alter. „Bisher waren die Aufgaben immer klar verteilt. Im Ruhestand haben viele Menschen zum ersten Mal die Möglichkeit, ihr Leben völlig frei zu gestalten“, sagt Bethke-Brenken. So mancher sei mit dieser Freiheit jedoch überfordert und fühle sich nutzlos.
„Den ganzen Tag einen Menschen zu ertragen, der sich permanent langweilt, ist allerdings auch nicht leicht“, sagt Christine Swientek. Diese Situation könne sehr bedrückend und anstrengend werden und führe manchmal noch zu einer späten Scheidung.
„Der Renteneintritt steht seit langem fest — man kann ihn deshalb sehr gut vorbereiten“, betont Swientek. Sie empfiehlt Paaren, bereits vorab genau zu überlegen, wie sie die Zeit nach der Berufstätigkeit gestalten wollen. Viele träumen von weiten Reisen oder davon, sich intensiv ihrem Hobby zu widmen. „Aber wenn man nicht wirklich konkrete Pläne schmiedet, besteht die Gefahr, dass man seine Träume niemals verwirklicht“, sagt die Autorin des Buches „Ins wilde, weite Land des Alterns“.
Bethke-Brenken empfiehlt Paaren, im Ruhestand gemeinsam neue Lebensziele zu entwickeln – oder sich an alte zu erinnern. Ein großes Fest oder die Neugestaltung des Hauses – es gebe viele Projekte, die man im Alter angehen könne. „Es ist erfrischend für die Partnerschaft, gemeinsame Erlebnisse zu planen“, sagt die Therapeutin. Wichtig sei allerdings auch, die Kommunikation untereinander wieder bewusster zu pflegen und sich über die jeweiligen Bedürfnisse auszutauschen. „Paare müssen im Alter oft lernen, wieder miteinander zu sprechen“, sagt Bethke-Brenken.
Christine Swientek empfiehlt Paaren, im Ruhestand darauf zu achten, dass jeder seinen Freiraum behält. „Nur weil der Partner nun nicht mehr berufstätig ist, muss man nicht ab sofort alles gemeinsam machen“, sagt sie. Es sei wichtig, dass beide Partner auch getrennt etwas unternehmen. „Das trägt dazu bei, dass jeder zufriedener ist und es außerdem mehr Gesprächsstoff gibt, der den gemeinsamen Alltag interessanter macht.“ Um Konflikte zum Thema Haushalt zu vermeiden, sei es sinnvoll, die Arbeit konkret untereinander aufzuteilen und festzulegen, wer für Kochen, Rasenmähen oder Badputzen zuständig ist.


Bewerbungen für den NN-Kunstpreis werden ab 1. März 2012 entgegengenommen. Die Teilnahmebedingungen finden Sie
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