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Dazu fiel auch der Expertin in der Runde nichts mehr ein. Die Eltern meinten kleinlaut, sie wollten sich halt nur mal rechtzeitig informieren, ehe es losgehe mit dem ganzen Theater. Man wisse ja gar nicht, wie man sich verhalten solle.
Kein Wunder, dass die Ratgeberliteratur rund ums Thema Kind brummt. Noch dazu, wo die Jüngsten ziemlich kritisch beäugt werden: Laut einer aktuellen Allensbach-Umfrage behaupten zwei Drittel der Deutschen, wir vermittelten den Kindern keine klaren Regeln und Vorgaben, zu wenig Werte und Orientierung. Jeder zweite Deutsche meint zudem: Die Kinder hierzulande werden zu sehr verwöhnt. Woher die das alle wissen?
Kinder zählen längst zur Minderheit, denn wir bekommen sehr viel weniger Nachwuchs als noch vor Jahrzehnten. Minderheiten aber werden kritisch beäugt. Zumal, wenn sie laut lachen, kreischen, sich mal auf den Boden werfen, wenn sie nicht auf Anweisungen reagieren und ihre eigene Meinung zu dem haben, was ihnen gerade gut tun würde.
Man hat das Gefühl, als wäre eines der wichtigsten Dinge in punkto Erziehung, die Kinder möglichst rasch zu (kleinen) Erwachsenen zu machen, damit sie die anderen, älteren, nicht stören — bei was auch immer. Drill, strengere Regeln, das war der Tenor von Bernhard Bueb, dem einstigen Leiter des Internats Schloss Salem. Über seine Bücher „Lob der Disziplin“ und „Von der Pflicht zu führen“ wurde viel gesprochen.
Überhaupt kursiert die Vorstellung, die Kinder würden immer schlimmer. Oder warum werden immer mehr Beratungsstellen für schreib-, sprach-, verhaltens- oder vermeintlich sonst wie gestörte Knirpse von aufgelösten Eltern aufgesucht? Vielleicht liegt es ja einfach daran, dass die Anzahl der Praxen steigt. Angebot fördert die Nachfrage.
Nicht anders verhält es sich vermutlich mit der Ratgeberliteratur. Immerhin erscheinen jährlich rund 2000 (!) neue Bücher, die uns irgendwie helfen wollen, mit den lieben Kleinen auch schon pränatal klarzukommen. Das ist nachvollziehbar. Denn wenn Kinder plötzlich kostbares Gut sind, dann ist klar, dass einerseits die Verunsicherung unter den Eltern steigt (Wann muss mein Kind nun die ersten Sätze sprechen? Wie kann ich mein drei Monate altes Baby fördern? Wie funktionieren Einschlafen, Essen, Spielen ..?). So viele Fragen - und so Viele, die uns eine Antwort geben möchten. Andererseits fürchtet offenbar die Mehrheit in der Gesellschaft, dass die Kinder ohne ordentlichen Drill nicht mehr in der Lage sein werden, in der Lebens- und Arbeitswelt zu bestehen.
Als jüngst Amy Chua in „Die Mutter des Erfolgs“ davon berichtete, wie sie ihre Kinder zu perfekten Maschinchen gemacht hat, da teilte sich die Elternschar, besser gesagt: jene, die ihr beratend zur Seite stehen, in zwei Lager: Niemals, wollen wir so etwas unseren Prinzen und Prinzesschen antun, riefen empört die einen. „Überlegenswert“, meinten die anderen.
Gleich wie: Für beide Anhänger gibt es jede Menge Literatur — mehr aber für die Regelwütigen: Etwa die „Jedes Kind kann schlafen lernen“ — wahlweise auch „Essen oder Regeln lernen“-Ratgeber, in denen empfohlen wird, nach strengem Muster vorzugehen, um den Kindern rasch beizubringen, wie sie schon als Neugeborene pünktlich um 19 Uhr in ihrem eigenen Bettchen selig schlummern und sich ja nicht in der Nacht mucken. Sobald der Nachwuchs etwas wacher in die Welt guckt, sollten wir uns sputen, um frühzeitig mit der Förderung beginnen zu können. „Fördern statt Verwöhnen“ (Felix von Cube) heißt schließlich die Devise. Und passend dazu gibt es jede Menge Literatur. „Spaß mit Förderspielen“ (Gerda Pighin) etwa, in dessen Inhaltsverzeichnis sich auch das „Gedächtnistraining im 2. Lebensjahr“ findet. Es gibt jede Menge „Babygymnastik“ (Barbara Zukunft von Huber-Trias) und sogar die wagemutige Behauptung „Glück kann man lernen — Was Kinder stark macht“ (Ernst Fritz-Schubert).
Das alles füllt die Regale und noch mehr die Köpfe der Eltern, die gar nicht mehr wissen, ob das nach wie vor vertretbar ist, wenn ihr Kind mit zweieinhalb noch die Farben verwechselt oder — oh weia! — Windeln trägt.
Viel schlimmer freilich sind jene dran, die ein zu enges freundschaftliches Verhältnis zum Nachwuchs pflegen. Bloß nicht, warnt der Kindertherapeut Michael Winterhoff, und erläutert, was passiert: „Wenn Kinder Tyrannen werden.“ Mehr als eine halbe Million Bücher hat er bereits verkauft, diese Angst scheint also viele umzutreiben. „Bloß nicht zu viel Liebe“ (Horst Petri), sollten die Besorgten auch gleich mitnehmen, um die richtige Balance zwischen Nähe und Ferne zu ihren Kindern zu finden.
Irgendwie, so gewinnt man den Eindruck, sollen Kinder heute von Geburt an perfekt funktionieren. Sie müssen schon ganz früh ganz genau wissen, dass man „Bitte und Danke“ sagt, dass man mit Essen nicht wirft, mit schmutzigen Schuhen nicht durch die Wohnung latscht und ein bisschen freundlich und aufgeweckt durch die Welt geht. Das ist im Prinzip richtig und nicht schwer. Aber wir Erwachsene — ob mit oder ohne Kinder — müssen es halt auch vorleben und darauf vertrauen, dass Kinder sich entwickeln. Alles hat seine Zeit.
Angesichts der Fülle an Erziehungsliteratur, Therapiepraxen, Kinderyoga und Babysprache-Gruppen-Angebote kann aber selbst der Gelassenste den Überblick verlieren und vom ausgeübten Druck nervös werden. Lieber doch zwei Bücher mitnehmen? Dann doch bitte Jesper Juul, den dänischen Kinderpsychologen, der eine entspannte Meinung vertritt. Oder Jan-Uwe Rogge, der wenigstens „Viel Spaß beim Erziehen“ wünscht.
Was aber bringt der beste Ratgeber, wenn die Eltern eines nicht machen: Ihren Kinder einfach mal zuhören und zusehen. Dabei erfährt man viel. Und ganz umsonst.

Bewerbungen für den NN-Kunstpreis werden ab 1. März 2012 entgegengenommen. Die Teilnahmebedingungen finden Sie
hier.