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Begonnen hat alles mit dem Keramikladen, damit hat er sie alle verblüfft. Nicht, dass Rainer Hilf zum Geschäftsführer eines kleinen Einzelhandels geworden wäre. Der Laden ist damals lediglich auf dem Papier entstanden. „Richten Sie einen Keramik- oder Tabakladen ein!“ — für eines sollten sich die Studenten damals, vor mehr als 40 Jahren, im Aufnahmeverfahren des Innenarchitekturstudiums entscheiden. Aus heutiger Sicht ist Hilfs Entwurf gar nicht so ungewöhnlich. Für seine Zeit aber, Ende der 60er Jahre, war der Laden eine Revolution. Hell, luftig, mit viel Platz, einem Regalstecksystem, das jederzeit verändert werden konnte, und großzügigen Schaufenstern, durch die Waren von außen gut zu sehen sind.
Statt des Keramikladens hat der Nürnberger Rainer Hilf im Laufe der Zeit viele andere Projekte zwischen Berlin und Ingolstadt, zwischen Weiden und Paris verwirklicht, die zu sehen und zu begehen sind. Er gestaltete Kursäle und Behindertenwohnheime, er konzipierte Wohnhäuser und Freizeitanlagen, plante Museeen, sakrale Räume und Restaurants. Heute ist Hilf 68 Jahre alt, Ehrenpräsident des Bundes deutscher Innenarchitekten und — noch immer tätig. Zuvor hat er jahrelang als Präsident der deutschen Innenarchitekten Gesetzesvorlagen mitgeprägt und Ministerien beraten. Er hat sich für die Verbesserung der Wohnverhältnisse in Deutschland eingesetzt und an der Hochschule Studenten für die Innenarchitektur sensibilisiert.
Seine Meinung ist nach wie vor gefragt. Doch Hilf ist keiner, der sie laut und vernehmlich kund tut. Viel eher ist er einer, der beobachtet, Eindrücke sammelt, überlegt und dann mit großer Präzision die Dinge benennt. Wenn er einen Raum betrachtet und beurteilen soll, dann macht er dies — um ein schönes, modernes Wort zu benutzen — ganzheitlich. Und auch ein bisschen psychologisierend.
Wo also trifft man so jemanden zum Gespräch? Soll der Ort gediegen, eher schräg, ganz modern oder völlig normal sein? Vielleicht im Nürnberger Café Lorenz, immerhin ein Ort, der bei Gästen bisweilen für Aha-Effekte sorgt, bekannt ist für seine innovative Gestaltung. Ob er das ebenso sieht?
Bitte, eine kurze Einschätzung des Raumes, Herr Hilf. Der erste Eindruck — gut! Viele Naturmaterialien, handwerkliche Verarbeitung, Massivholz, angenehme Raumaufteilung, interessante Farbgestaltung. Doch, halt! Da sind die steilen Rückenlehnen der Sitzbänke, die irgendwie ziemlich unbequem scheinen, der Heizkörper vor dem Fenster stört, und die Garderobe ist ja auch so eine merkwürdige Mischung aus Kunst und Gebrauchsgegenstand. Hilf seziert die Räume, in denen er sich aufhält, präzise wie ein Operateur, der mit dem scharfen Messer Schicht um Schicht freilegt.
Keine Wohnung, kein Amtsgebäude, kein Geschäft, das Hilf noch betreten kann, ohne ins Grübeln über die Innengestaltung zu verfallen. Das ist kein Vergnügen. Bisweilen leidet er darunter, empfindet fast schon körperlichen Schmerz, wenn die Farben nicht passen oder eine Wohnung zum Bersten vollgepfropft ist. Auch ein schönes Bild an die falsche Wand genagelt, zwickt ihn. Und wenn das Licht fies von oben kommt — au weia! Aber diese Krankheit teilt er mit den Kollegen seiner Zunft. „Wir können wahrscheinlich alle nirgendwo mehr ganz entspannt sein“, gesteht Hilf schmunzelnd.
Ein Gebäude, eine Wohnung einzurichten, in der Menschen sich aufhalten, leben sollen, ist keine einfache Aufgabe. Befragungen wollen ergeben haben, dass sich die Mehrzahl der Deutschen mit Raufasertapeten, wahlweise apricot- oder vanillefarben gestrichen, umgibt. Dazu kommen: ein Glastisch, Deckenfluter, Schrankwand, eine Vitrine mit allerlei Nippes, und an der Wand ein gerahmter Druck, der eine Sommeridylle zeigt.
Als dieser Prototyp des deutschen Durchschnittswohnzimmers, das in einer Werbeagentur nachgebaut wurde, der Öffentlichkeit in einer Fernsehsendung vorgestellt wurde, war die Empörung der Zuschauer groß. Nicht wenige wollten ihr Mobiliar sofort versteigern, zumindest aber ihr Zuhause gründlich erneuern. Hauptsache anders, wer will schon so sein wie alle?!
Du bist, wie du wohnst, stimmt dieser Satz, Herr Hilf? „Ja, durchaus. Denn um für einen Menschen die Wohnung einzurichten, muss man ihn kennenlernen. Vorlieben und Abneigungen herausfinden, Gewohnheiten und Lebensumstände.“ Dazu gehört Einfühlungsvermögen.
Und auch den Außenraum muss man miteinbeziehen in die Planungen. Gibt es einen schönen Blick aus dem Fenster, der betont werden kann? Besser noch: Öffnen sich die Räume nach draußen, in einen Park oder Garten? Das ist wichtig, denn die Natur, sagt Hilf, ist der größte Lehrmeister. Wer draußen mit offenen Augen spazieren geht, der kann so viel entdecken — und lernen. „Ich gehe deswegen gerne durch den Nürnberger oder Fürther Stadtpark.“ Schillerndes Licht und wechselnde Schatten, eine Vielzahl von Farben, Formen und stets stimmige Proportionen. „Oft wird der Gesamteindruck erst dann schlechter, wenn der Mensch gestaltend dazukommt“, sagt Hilf — und besser, wenn man einen Experten hinzuholt. Doch die Angehörigen seiner Zunft haben nicht den besten Ruf.
Teuer und unnötig seid ihr Innenarchitekten, heißt es. Das stimmt so nicht, protestiert Hilf. Manchmal genüge es ja bereits, nur wenige Anstöße für Verbesserungen zu geben. Von Einrichtungsshows im Fernsehen hält Hilf dagegen wenig. „Das ist Inneneinrichtung light“, moniert er. Da würden lediglich Modetrends aufgenommen, mit guter Gestaltung habe dies jedoch wenig zu tun. „Die Einrichtung sollte zeitlos sein. Ähnlich wie die Mode. Statt sich jede Saison neu einzukleiden oder auszustatten, ist es sinnvoller, etwas zu kaufen, das dem eigenen Stil entspricht.“
Er lobt die skandinavischen Länder. Das Design ist dort zu Hause. Doch nicht nur als teures Objekt in der Wohnung. Auch die Alltagsgegenstände sind wohlgestaltet anzusehen, durchdacht und zugleich praktisch. Wer mit schönen Dingen aufwächst, tut sich später leichter, zu unterscheiden, was passt und was in einer Wohnung nichts zu suchen hat, ist sich Hilf sicher.
Eine einsame Deckenlampe im Raum beispielsweise. Dunkle Farben in kleinen Zimmern. Zu wuchtige Möbel bei wenig Platz.
„Die Einrichtung muss Spannung erzeugen“, betont Rainer Hilf. Wenn alles ineinander übergeht, Ton in Ton unauffällig bleibt, dann ist das zwar kein Fauxpas, aber doch sehr langweilig. Wer hingegen die richtigen Materialen gut kombiniert, grob und fein, glatt und flauschig, Glas und Holz, der schafft Kontraste, die eine Wohnung lebendig und zum Wohlfühlen machen.
Dann kann man einen wie Rainer Hilf getrost einladen — ohne dass er unruhig zu werden beginnt.

Bewerbungen für den NN-Kunstpreis werden ab 1. März 2012 entgegengenommen. Die Teilnahmebedingungen finden Sie
hier.