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Andreas Séchés bezaubernder Japan-Roman „Namiko und das Flüstlern"

In der Ruhe liegt die Kraft: - 01.04.11

Nürnberg  - Beim Stichwort Japan denkt man fast nur noch an die Atomkatastrophe. Eine verständliche, aber sehr eingeschränkte Sichtweise. Geradezu ein Gegenmodell zur aktuellen Berichterstattung in den Medien liefert der neue Roman „Namiko und das Flüstern“ von Andreas Séché.


Japanische Gartenkunst, Zen und die Liebe sind die Themen von Andreas Séché.
Japanische Gartenkunst, Zen und die Liebe sind die Themen von Andreas Séché.
Foto: colourbox.com
Japanische Gartenkunst, Zen und die Liebe sind die Themen von Andreas Séché.
Japanische Gartenkunst, Zen und die Liebe sind die Themen von Andreas Séché.
Foto: colourbox.com

Für viele Europäer ist Japan ein ebenso fremdes wie faszinierendes Land. Die Deutschen haben die Japaner (das heißt vor allem die japanische Wirtschaft) schon immer mit einer Mischung aus Bewunderung und Misstrauen beobachtet. Die Vorurteile schlagen sich auch in Medienberichten nieder, die schon die atomare Apokalypse an die Wand malen. Viele deutsche Journalisten wundern sich über die erstaunliche Disziplin und scheinbare Gelassenheit, mit der „die Japaner“ auf die Katastrophe von Fukushima reagieren.

Mit der aktuellen Situation in Japan hat Andreas Séchés Buch, das zufällig genau zum Zeitpunkt der Naturkatastrophe mit den verheerenden Folgen erschienen ist, nicht das Geringste zu tun. Und doch kann man daraus mehr über die Kultur und die Mentalität der Japaner lernen als aus so manchem Zeitungsartikel. Der gelernte Journalist Séché (Jahrgang 1968) hat selbst lange im Land der aufgehenden Sonne gelebt und seine Erfahrungen in seinem Debüt-Roman verarbeitet. Nicht zufällig ist der Ich-Erzähler ein deutscher Reporter, der einen Artikel über die Gärten von Kyoto schreiben soll und von Japan nicht mehr loskommt.

Schuld daran ist – wie sollte es auch anders sein? – eine rätselhafte, junge Frau. Die Germanistik-Studentin Namiko spricht den Deutschen in der alten Kaiserstadt Kyoto an, um ihm die Geheimnisse japanischer Gärten und Schriftzeichen zu erklären: Kargheit und Konzentration auf das Wesentliche, die die Gartenkunst prägen, beruhen auf Prinzipien des Zen-Buddhismus.

Mit Namikos Hilfe lernt der Reporter, die Stille im Großstadttrubel, die leisen Töne im Alltag zu entdecken. Sie konfrontiert ihn auch mit traditionellen Koans, paradoxen Anekdoten, in denen die Regeln der Vernunft außer Kraft gesetzt sind.

Ganz langsam, Stück, für Stück, beginnt sich das Weltbild des selbstgewissen Europäers zu verändern. Und ebenso langsam entwickelt sich eine zarte Liebesgeschichte zwischen ihm und Namiko. Zusammen fahren sie mit einem alten Traktor durch Wälder, fliegen ans Meer und erkunden die Natur, „die den Menschen noch mit jeder kleinen Welle, mit jedem leisen Windstoß und mit jedem Regenschauer in der Gewalt hatte“. Vergangenheit und Gegenwart, Altes und Neues, Tradition und Moderne scheinen auf merkwürdige Weise miteinander verbunden – wie ihnen ein chinesisches Schriftzeichen auf einem Leuchtturm klar macht.

Namiko mit den blauschwarz schimmernden Haaren erobert heimlich, still und leise das Herz des abgebrühten Reporters, der sein bisheriges Leben immer mehr in Frage stellt. Soll er nach Hamburg zurück und wieder in den alten Trott fallen? Oder soll er bei Namiko bleiben und in der für ihn fremden Kultur ganz von vorne anfangen? Mit dem Kopf kann er diese Entscheidung nicht treffen. Doch wie immer er sich entscheidet: Das Glück bleibt eine flüchtige Angelegenheit und lässt sich nicht fassen.

Andreas Séché hat eine poetische Liebesgeschichte der besonderen Art geschrieben, die philosophischen Exkurse erinnern dabei an die besten Romane von Paulo Coelho. Ein Buch über die Kraft der Stille und die Entdeckung der Langsamkeit in diesen lärmenden, hektischen Zeiten.

Andreas Séché: Namiko oder das Flüstern. Roman. Verlag ars vivendi, Cadolzburg. 176 Seiten, 16,90 Euro.