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Blühendes Kunstbiotop

Karlshof in Ellingen zeigt hochkarätige Ausstellung - 05.05.2012

Blick in den Gewölbekeller mit Franz Weidingers  Arbeit „Back to Black – ein Buch für Amy Winehouse“.

Blick in den Gewölbekeller mit Franz Weidingers Arbeit „Back to Black – ein Buch für Amy Winehouse“. © Weckmar


Kunst, Natur und Architektur wollten Sandra Weckmar und ihr Mann Gunar Gronauer verbinden, als sie den brachliegenden Karlshof 2008 erwarben und umsichtig sanierten. Die Ausstellung „1 + 9“, die Weckmar gemeinsam mit Kunsthistorikerin Christiane Lischka-Seitz kuratierte, löst den Anspruch auf hohem Niveau ein. Und sie erinnert – passend zum 350. Jubiläum der Nürnberger Kunstakademie – daran, dass Ellingen einmal Akademie-Standort war und der Künstlerschmiede im Deutschordensschloss von 1944 bis 1954 Unterschlupf bot.

Wie  Bewegung sich Raum erobert, zeigen  Korbinian Hubers Arbeiten.

Wie Bewegung sich Raum erobert, zeigen Korbinian Hubers Arbeiten.


Der mit Abstand Älteste im Bunde, der 90-jährige Herbert Bessel, absolvierte sein Studium komplett in Ellingen, die anderen neun Teilnehmer studierten am heutigen Sitz der Akademie am Nürnberger Tiergarten. Bessel bildet mit einer exquisiten Auswahl seiner reduzierten, poetischen Arbeiten – darunter sehr elegante, neue Pinselzeichnungen auf Japanpapier, die an fernöstliche Meditationsbilder erinnern – denn auch das ruhende Zentrum einer quicklebendigen Ausstellung.

Die findet auf der weiten Freifläche, im Gewölbekeller des Wohnhauses und in der Scheune wunderbare Auftrittsorte. Der Schwerpunkt liegt diesmal auf (Holz-)Bildhauerei. Schon von weitem weist Korbinian Hubers in dynamischer Bewegung erstarrte große Vierergruppe den Weg zur Kunst. Als wären sie hier unter den Kastanienbäumen „gewachsen“, so muten daneben Hubert Baumanns offene Kugeln aus rostigem Altmetall an, in denen Figurenfragmente und Fundstücke zu fantastischen Innenleben verschmelzen.

Den kleineren Skulpturen bietet der Gewölbekeller einen intimen Schutzraum, der wie geschaffen ist für Franz Weidingers aus dem rauen Holz hervorgeholte winzige Menschlein. Die Haltung antiker Säulenfiguren nachahmend stehen sie in ihren hölzernen Behausungen so klein und zart und doch so stark und lebendig da, dass ihre Wirkung geradezu ergreifend ist. In seinen jüngsten Arbeiten macht Weidinger sie zu Protagonisten aufklappbarer Bücher, die, wie das „Buch für Amy Winehouse“, von Leben und Tod erzählen.

Einen markanten Kontrast dazu bilden die Holzskulpturen von Klaus Hack, die sich zwischen expressiver Figuration und architekturhafter Abstraktion bewegen. Gleichermaßen wuchtig wie filigran wirken der „Babel“-Turm oder das „Schreikleid“. Christian Rösner ist mit seinen Bronzeminiaturen vertreten, in denen Mensch und Tier äußerst heikle Verbindungen eingehen. Korbinian Huber lässt dem unbändigen Bewegungsdrang seiner Figuren im kleineren Format freien Lauf. Und wieviel Spannkraft auch in der geometrischen Abstraktion liegt, zeigt Joseph Stephan Wurmer mit seinen die Balance von Form und Leerraum auslotenden Holzskulpturen.

Neben diesem konzentrierten Blick auf die Vielfalt zeitgenössischer Bildhauerei, gibt es in der großen Scheune ein spannendes Zusammentreffen mit anderen künstlerischen Positionen. Christine Nikols von floralen Formen, bunten Kreisen und Schleifen schier überbordende Gemälde, die pure Malfreude und sprühende Energie vermitteln, treffen da auf Christian Rösners hölzernen Mann mit überlanger Flinte, dem seine Beute längst im Nacken sitzt.

Oben unterm Scheunendach hat Aja von Loeper einen luftigen Platz für ihre teils über drei Meter langen, blütenweißen Papierarbeiten gefunden, deren sich mächtig vorwölbende, reliefartige Oberfläche allein durch die Bearbeitung mit einem kleinen Holzkeil entsteht. Welcher Kraftakt damit verbunden ist, lassen ihre Fotografien erahnen. Extrem vergrößerte Makro-Aufnahmen von winzigen Ausschnitten der Oberflächenstrukturen ihrer Papierkunst erscheinen wie Dünenlandschaften oder aufgewühlte Wassermassen.

Florian Tuercke entführt mit seiner Videoinstallation „sonic ride Turku“ auf einen Bilder- und Klangtrip, der den Besucher in einen wunderbaren Trancezustand versetzen kann und bringt damit auch die multimediale Kunst ins Spiel. Eine rundum gelungen Schau. Für Kunstfreunde ist der Karlshof in diesem Frühjahr definitiv eines der attraktivsten Ausflugsziele.

Karlshof 1, Ellingen; bis 10. Juni, Mi./Do./Sa./So. 14–18 Uhr; www.kunstprojekte-karlshof.de

  

REGINA URBAN

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