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Der Vater schmachtete im Schuldturm, sein elfjähriger Sohn schuftete in einem Rattenloch, wo er stinkende Schuhwichse abfüllte, um mit dem Hungerlohn die verarmte Familie über Wasser zu halten. „Kinder erleben nichts so scharf und bitter wie Ungerechtigkeit“, erinnerte sich Charles Dickens später an diese Elendsjahre, die er, bereits reich und berühmt, in seinem Roman „Oliver Twist“ verarbeitete.
Selbst wer seine Romane nicht gelesen hat, kommt an ihm nicht vorbei. Mit über 320 Kinostreifen und Fernsehproduktionen ist Dickens wohl der meist verfilmte Autor der Welt. Und überall, wo Englisch gelehrt wird, steht er nach wie vor fest auf dem Stundenplan.
Geboren wurde er am 7. Februar 1812 in Landport bei Portsmouth als Sohn eines Marine-Angestellten. Kurz nach seiner Geburt zog er mit den Eltern und den sieben Geschwistern in einen Vorort Londons um. Seine anfangs glückliche Kindheit änderte sich schlagartig, als der Vater wegen nicht eingelöster Schuldscheine ins Gefängnis musste. Der tägliche Weg zu der Schuhwichse-Fabrik führte Charles Dickens durch die grässlichen Elendsviertel Londons, die er später so anschaulich in seinen Romanen schilderte.
Meister der Kurzschrift
Nach der Freilassung seines Vaters konnte er wieder zur Schule gehen und fand seine erste Anstellung als Schreiber in einer Anwaltskanzlei. Dank seiner Fähigkeiten in der gerade erfundenen Kurzschrift arbeitete er auch als Gerichts- und Parlamentsstenograf. Dadurch gewann er einen direkten Einblick in die Hintergründe der sozialen Probleme im viktorianischen England und ihre Auswirkungen auf die Betroffenen.
Bald darauf wechselte Dickens als Reporter zu einer Morgenzeitung, für die er packende Features aus allen Teilen des Königreichs schrieb. Hier entwickelte er seine minutiöse Beobachtungsgabe und seine Liebe zum Detail in seinen späteren Werken, von denen er sagte: „Ich fühle, dass Kleinigkeiten die Summe des Lebens ausmachen“.
Scharf beobachtete und humorvolle Skizzen aus dem Londoner Alltagsleben, die er unter dem Pseudonym „Boz“ veröffentlichte, begründeten ebenso wie die „Pickwick Papers“ (deutsch: „Die Pickwicker“) seinen Aufstieg zu einem gefeierten Massenschriftsteller. Satire, Humor, Exzentrik, Melodrama und eine packende Erzählkunst sind das Vehikel für seine sozialkritischen Botschaften und seine flammenden Anklagen der viktorianischen Ausbeutungs- und Klassengesellschaft wie „Nicholas Nickelby“, „David Copperfield“, „Eine Geschichte aus zwei Städten“, „Harte Zeiten“ oder „Große Erwartungen“.
Karl Marx pries seine „fein gezeichneten und beredten Schilderungen der Welt, die mehr politische und soziale Wahrheiten enthüllt haben als alle professionellen Politiker, Publizisten und Moralisten zusammengenommen.“ Obwohl Dickens in „Harte Zeiten“ die „zu Boden getretenen Fabrikarbeiter“ offen zur Revolution gegen den „grausam schwindenden Despotismus“ aufrief, blieb er der Lieblingsschriftsteller von Königin Victoria und des englischen Establishments.
Sentimentalität und Komik milderten das agitatorische Potenzial seiner Romane, aber führten wohl auch deswegen zu einer Reihe von Sozialreformen und einer Welle der Wohltätigkeit. Zur Beschreibung von sozialer Ausgrenzung wird heute noch in England der Begriff „dickensian“ verwendet. Er spielte letztes Jahr bei den Londoner Unruhen eine große Rolle, und bei der Erforschung der Ursachen wurde häufig Dickens zitiert, der schrieb: „ihr Prediger des zufriedenen ehrlichen Stolzes, geht in die schmutzigsten Tiefen tiefer Unwissenheit und tiefsten Abgrundes menschlicher Vernachlässigung und sagt dann, kann eine hoffnungsvolle Pflanze gedeihen in einer Luft, die so verdorben ist, dass der Seele helles Licht erlischt, sobald es nur entzündet ist.“
Liebe zur Schwägerin
Dickens führte eine lieblose Ehe, aus der zwar zehn Kinder hervorgingen, doch war er hoffnungslos seiner Schwägerin Mary Hogarth verfallen, deren frühen Tod er nie verwunden hat. Sie ist das Vorbild zahlreicher hoch idealisierter Frauenfiguren in seinen Romanen wie „Little Nell“, „Rose Maylie“ und „Agnes“. Ihre sentimentale Überzeichnung und Romantisierung wird von Kritikern ebenso angegriffen wie antisemitische und rassistische Zerrbilder in seinen Romanen, die Dickens freilich nach Protesten mit positiven Karikaturen entschärfte.
Nach der Scheidung von seiner Frau verbrachte Charles Dickens seine letzten Jahre an der Seite einer jungen Schauspielerin. Er starb am 9. Juni 1870 und wurde unter großer Anteilnahme der Bevölkerung im „Poetenwinkel“ der Westminster Abtei beigesetzt. Auf seinem Grabstein steht: „Er war ein Fürsprecher der Armen, Leidenden und Unterdrückten. Durch seinen Tod ging der Welt einer der größten englischen Schriftsteller verloren.“

Bewerbungen für den NN-Kunstpreis werden ab 1. März 2012 entgegengenommen. Die Teilnahmebedingungen finden Sie
hier.