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An dieser literarischen Gestalt dürften Zeit-Autorin Iris Radisch, der US-Schriftsteller Jonathan Safran Foer und all die anderen, die derzeit in ihren Publikationen für fleischloses Leben eintreten, Gefallen finden: Megan, eine der Protagonistinnen in Rolf Lapperts packendem neuen Roman, stellt schon im Alter von vier Jahren das Fleischessen ein, weil sie die Tiere einfach viel zu sehr liebt, als dass sie sie verspeisen könnte. Mit sieben gewinnt das extrem naturverbundene Mädchen den Wissenschaftswettbewerb an seiner Schule mit einem Aufsatz zum Jagdverhalten der Zwergohrfledermaus. Doch so harmlos bleibt ihr Einsatz für die Umwelt nicht: Megan wird zur militanten Tierschützerin.
„Sie liebte alles. Tiere, Bäume, Blumen, eben alles. Außer vielleicht Menschen“, sagt ihr Bruder Tobey, ein gescheiterter Rockmusiker. Er macht sich zu Beginn des Romans auf die Suche nach seiner Schwester, die verschwunden ist, und strandet auf einer entlegenen philippinischen Insel, von woher er das letzte Lebenszeichen der Frau ohne Freunde erhielt.
Hier trifft der Mittzwanziger auf eine absonderliche Welt voller Rätsel und Gefahren: Affen im Anzug, die beten und mit Messer und Gabel essen, Menschen, die ihn töten wollen, und eine aufgelassene Forschungsstation, wo einst die Kommunikation zwischen Menschen und Primaten untersucht und revolutioniert werden sollte. Und jetzt? Was geht in den heruntergekommenen Laboren vor sich? Was hält die Handvoll (Ex-)Wissenschaftler, eine scheinbar verschworene Gemeinschaft „Schiffbrüchiger“, auf der Insel und womit finanzieren sie ihren Lebensunterhalt? Sind sie Gäste oder Gefangene auf dem exotischen Eiland? Und welche Rolle kommt ihm selbst zu? Tobey geht diesen Fragen nach, versucht Schein und Wirklichkeit, Wahrheit und Lüge zu durchdringen und kommt auf diesem Weg ziemlich weit.
Die ganze Wahrheit aber kennt nur Megan. In seinem spannend und klar komponierten Roman begleitet Rolf Lappert zunächst Tobey bei seinem abenteuerlichen Aufenthalt auf der Insel, blickt im Mittelteil auf die Kindheit des früh von der Mutter verlassenen Geschwisterpaares auf einer Farm in Irland zurück und schickt den Leser dann zurück auf die exotische, weitab von Schifffahrtswegen gelegene Insel, deren Gerüche und Wege, Pflanzen und Klima, Ruinen und Bewohner man dank atmosphärisch dichter, detailreicher und äußerst anschaulicher Schilderungen schon so gut kennt. Jetzt geht es um Megans Ankunft und Schicksal dort.
Mit düsterem, ruhigem Grundton und einer wohltuenden Prise Humor hat Lappert eine Mischung aus Abenteuergeschichte, Robinsonade, Kindheitsroman und Thriller geschrieben. Wie schon in seinem prämierten Vorgängerroman „Nach Hause schwimmen“ geht es auch diesmal um das Prägende tragischer Kindheiten. Das Verhältnis des Menschen zur Natur, speziell zu den Primaten, ist ein weiteres zentrales Thema. „Am meisten fasziniert mich an der Beziehung zwischen Mensch und Tier die Tatsache, dass wir nicht miteinander reden können“, sagt der Autor in einem Interview und hebt genau dieses Manko in seiner Geschichte glaubwürdig auf.
Über Wortkärtchen kommunizieren Affen mit Menschen - auch über ihre Gefühle und Erinnerungen. Der Autor selbst ist übrigens Vegetarier und steht auf dem Standpunkt: „Solange keine Menschen zu Schaden kommen, ist meiner Meinung nach jedes Mittel erlaubt, gegen Tierquälerei und Umweltzerstörung vorzugehen. So gesehen ist Megan meine Heldin, die das tut, wofür ich zu feige war und bin.“ Starke Worte und ein starker Roman, der angesichts der aktuellen Debatte über sorgsameren Umgang mit der Tierwelt genau zum richtigen Zeitpunkt kommt.
Rolf Lappert: „Auf den Inseln des letzten Lichts“. Hanser Verlag, München, 544 Seiten, 24,90 Euro.

Bewerbungen für den NN-Kunstpreis werden ab 1. März 2012 entgegengenommen. Die Teilnahmebedingungen finden Sie
hier.