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Ja, die Liebe ist ein rebellischer Vogel

Die neue „Carmen“ im Nürnberger Opernhaus tut niemandem weh: Ein Sängerfest am Grenzzaun - 04.04. 16:11 Uhr

Nürnberg  - Zündende Kastagnetten, schmetternde Trompeten-Fanfaren, feurige Fandango-Tänze: Kaum eine Oper ist so klischeebehaftet wie „Carmen“. Regisseur Laurent Laffargue versetzt die tödliche Liebesgeschichte im Nürnberger Opernhaus in die Gegenwart und bedient ansonsten alle Erwartungen. Eine Aufführung zum Mitsummen.


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Nürnberg hat eine neue "Carmen". Georges Bizets populärer Opernklassiker wird von Regisseur Laurent Laffargue an die Grenze zwischen den USA und Mexiko versetzt. Doch der realistische Ansatz hat Tücken. (Fotos: Jutta Missbach/Staatstheater)

In Daily-Talk-Zeiten sind Beziehungen, die die Drei-Monats-Marke überschreiten, schon eine halbe Ewigkeit. Insofern ist das revolutionäre Potenzial des Frauenbildes, das in der zugeknöpften zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in „Carmen“ steckte, sicher weitgehend verpufft. Eine Frau will nicht nur Projektionsfläche von Männersehnsüchten sein. Sie nimmt sich das Recht, ihr eigenes Ding zu drehen. Ob ökonomisch oder sexuell. Wann sie will. Wie sie will. Wo sie will.

Sie kann nicht ohne die Kerle. Sie genießt deren absolute Aufmerksamkeit. Sie spielt virtuos und auch berechnend mit ihren Reizen. Doch Besitzansprüche sind ihr total zuwider. Ja, die Liebe ist eben ein rebellischer Vogel. Und doch ist Carmen eine große, aufrichtig Liebende. Sie weiß, der erste Weg von Don José nach vierwöchigem Arrest, wird zu ihr führen und sie will die Wiederbegegnung mit dem ihr verfallenen Sergeanten zum Fest machen. Doch der hat seinen Kopf nicht frei und schwankt zwischen Trieb und Dienstpflicht.

Der Dauererfolg von „Carmen“ kommt nicht von ungefähr: Es ist einfach ein ungeheuer gut gestricktes Stück, dessen Konflikte logisch und zwingend sind, dessen Charaktere über das Typenhafte — gerade auch in der in Nürnberg gezeigten Dialogfassung — hinausgehen und das zeitlose Wirklichkeit transportiert. Letzteres haben die Ausstatter Philippe Casaban und Eric Charbeau mit ihren schlichten Schiebewänden und dem schmucklosen Grenzzaun-Areal umgesetzt. Nur Lillas Pastias Taverne punktet mit etwas üppigeren Mobiliar. Ansonsten belässt es Ressgieur Laffargue beim Arrangieren des Personals: Die Kinder werfen etwas zu lange mit Müll oder lagern sich allzu pittoresk in den Sand, der Aufmarsch der Stierkämpfer gerät zu einem ganz unironischen folkloristischen Volksauflauf, aus der Militärwache wurde eine Polizeimannschaft und ebenso bedeutungsschwanger wie wenig sinnhaft tollt oder klettert Gevatter Tod permant durch die Szenen. Das muss ja tödlich ausgehen: Am Ende ersticht der hier bereits mit Micaëla verheiratete Don José Carmen nicht, sondern richtet sie mit drei Gewehrkugeln.


Kein Zweifel, wer die Arena als Sieger verlässt: Bastiaan Everink als Toreador Escamillo.
Kein Zweifel, wer die Arena als Sieger verlässt: Bastiaan Everink als Toreador Escamillo.
Foto: Jutta Missbach
Kein Zweifel, wer die Arena als Sieger verlässt: Bastiaan Everink als Toreador Escamillo.
Kein Zweifel, wer die Arena als Sieger verlässt: Bastiaan Everink als Toreador Escamillo.
Foto: Jutta Missbach

Bis es so weit ist, verleiht Jordanka Milkova der Titelfigur ein erotisch aufgeheiztes, selbstbewusstes Profil, ohne in jeder Sekunde die femme fatale zu geben. Die drahtige Bulgarin zeigt mit ihrem erdigen, gehaltvollen Mezzo, weshalb die Namenswahl – Carmen bedeutet Lied – nicht ohne Grund erfolgte: Von der Eingangs-Habañera bis zum Schluss-Duett bedient sie viele vokale Farben und bleibt auch szenisch im Fokus, selbst wenn sie am Rande sitzt.

Was ungewöhnlich ist: Micaëlas Sex-Appeal ist der Zigeunerin absolut ebenbürtig. Hrachuhí Bassenz konturiert hier keine naive Dorftrutsche vom Lande, sondern eine von starken Gefühlen getriebene Liebende. Ihre Arie „Je dis que rien ne m‘epouvante“ im 3. Akt gehörte zu den stärksten Momenten des Abends.

Eifersuchtsattacken

Zwischen den Frauen steht Don José, den der Amerikaner Michael Putsch sehr entschlossen und druckvoll anlegt. Von der intimen Innerlichkeit der Blumenarie bis zu seinen späteren Eifersuchtsattacken bleibt genügend Raum für kernigen Tenorschmelz und exaltierte Ausbrüche.

Bastiaan Everink markiert von der Figur wie vom sängerischen Format her einen Muster-Escamillo. Der niederländische Bass-Bariton stattet Don Josés Nebenbuhler durchaus maskulin, aber eben nicht nur mit machohafter Arroganz aus. Auch das übrige Ensemble, darunter Melanie Hirsch als Frasquita, Esen Demirci als Mercédès, samt dem klangvollen Chor engagieren sich sehr beherzt.

Mit dem unaufgeregt lenkenden Marc Tardue agiert ein äußerst „Carmen“-erfahrener Dirigent. Der 59-jährige Amerikaner entwickelte die populäre Partitur recht authentisch, ohne allzu große Überraschungsmomente oder individuelle Akzentuierungen. Er kann sich auf ein verlässliches, gerade auch bei den Bläsern und im Schlagwerk sehr präsentes Team stützen. Nachdem er 2009 beim Heidenheimer „Vampyr“ mit den Nürnberger Symphonikern zusammenarbeitete, darf er nun auch die Philharmoniker in die Liste seiner Gast-Verpflichtungen aufnehmen.

Weitere Vorstellungen: 5., 7., 11., 21. und 24. April, 15. und 21. Mai, 5., 12. und 24. Juni, 20. Juli; Karten: Tel. 0911/2162298.

  





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Theaterstücken, Opern, Operetten und Ballett.
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Kurzbeschreibung:
Das Nürnberger Staatstheater bietet Oper, Ballet, Schauspiel und Konzerte. Aufführungsorte sind neben dem Opernhaus das Schauspielhaus mit Kammerspielen und BlueBox. Das Schauspielhaus wurde nach einer Generalsanierung Ende 2010 wiedereröffnet.