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Knallfrosch im Sozial-Panoptikum

„Ein plötzlicher Todesfall“: J.K. Rowlings Debüt in der Erwachsenen-Literatur - 05.10.2012 18:00 Uhr

Nürnberg  - J. K. Rowling will beweisen, dass sie nicht nur Harry Potter kann: „Ein plötzlicher Todesfall“ ist ihr erstes Leseangebot für Erwachsene. Um das Buch, das allein in Deutschland mit 500000 Exemplaren an den Start geht, gibt es einen enormen Medienhype, schon jetzt steht es auf Platz eins der Bestsellerlisten. Die Übersetzerinnen ins Deutsche mussten aus Geheimnisgründen an angeketteten Laptops arbeiten.

J.K. Rowling hat einen mittelmäßigen Mittelklasse-Roman geschrieben.
J.K. Rowling hat einen mittelmäßigen Mittelklasse-Roman geschrieben.
Foto: dpa
J.K. Rowling hat einen mittelmäßigen Mittelklasse-Roman geschrieben.
J.K. Rowling hat einen mittelmäßigen Mittelklasse-Roman geschrieben.
Foto: dpa

Rezensenten haben ihre liebe Platznot, gute Bücher zu empfehlen. Warum dann die Zeit und Mühe, von der Lektüre einer schlecht bis mittelmäßigen Neuerscheinung abzuraten? Wer um Himmels willen interessiert sich außerhalb des Königsreichs für den faden und widerwärtigen Gesellschaftsbrei eines englischen Provinznests? Es sei denn, J. K. Rowling hat darin herumgestochert.

Auf Rowlings neuem Buch liegt wohl die schwerste Erblast, die je eine Autorin mit sich rumschleppte. Nach der in der modernen Literaturgeschichte einzigartigen Erfolgsserie mit Harry Potter wartete man gespannt, ob sie nach dem Genrewechsel die erwachsenen Leser ebenso bezaubern kann, wie es ihr bei einem kindlichen und jugendlichen Publikum gelang.


Kalt und leblos

Der englische Titel „The Casual Vacancy“ und seine deutsche Übertragung „Ein plötzlicher Todesfall“ summieren das Buch.  Nach dem Ende der Potter-Saga füllte J. K. Rowling die „Vakanz“ in ihrem Oeuvre  mit einer literarischen Leiche. Sicherlich kann diese durchaus forensisches Interesse wecken, aber gemessen an der Vitalität ihrer vorangegangenen Werke ist das neue Opus ziemlich kalt und leblos. Der Wechsel vom Zauberstab zum „Dreck am Stecken“  ist Rowlings erstem Buch für Erwachsene nicht gut gelungen.

Wer sich vom „Stein der Weisen“ bis zu den „Heiligtümern des Todes“ durchgelesen hat, mag bei dem neuen Buch oft seine Freude an „Aha“-Effekten haben.  Es ist kein epischer Kampf zwischen Gut und Böse wie im Showdown zwischen Harry Potter und Lord Voldemort. Vielmehr sind es niederträchtige und nichtswürdige Scharmützel im englischen Provinzmief. Wer auf einen klassischen britischen Land-Krimi im Stile von Miss Marple spitzt, wird sicher enttäuscht.

  Gewissermaßen lässt Rowling wie in ihrem großen Epos wieder zwei Welten aufeinanderprallen. In diesem Buch sind es die satten  Kleinbürger des behaglichen Nestes und die Bewohner einer Sozial- oder besser gesagt Asozial-Siedlung. Dazwischen gibt es einige Grenzgänger wie eine Ärztin, ein Rechtsanwalt und ein Lehrer, die von der  selbstgefälligen Verblödung  ihrer respektablen Mitbürger bewahrt wurden.

Der Konflikt bricht mit dem plötzlichen Tode des Gemeinderates Barry Fairbrother und den Intrigen um seine Nachfolge aus. Fairbrother war anscheinend so gut, wie sein Name verspricht und machte sich für die Integration der kaputten Nachbarn ins Gemeindeleben stark. Damit prallte er gegen die Bestrebungen der Ratsmehrheit, die den Schandfleck am liebsten ausradiert hätte.

Rowling hatte mit zuweilen blendender Ironie die Klassengegensätze wiederholt in ihrer Potter-Bücher einfließen lassen. Aber im „Plötzlichen Todesfall“ zieht sie die Samthandschuhe der Kinderlektüre aus und kämpft mit knüppelharten Bandagen.

Ungeachtet dessen, dass sie in ihrem Hauptwerk ein exklusives Internat verherrlichte, führt Rowling einen Kreuzzug gegen „unsere phänomenal snobistische Gesellschaft“, wie sie in einem Interview mit dem Guardian bekannte. „Es ist die Klasse, die ich am besten kenne und eine Fundgrube für anmaßende Ambitionen, die sie so komisch macht“. Und so spottet sie über eine Frau, deren Hauptsorge es ist, zu den rosa Servietten die passenden Kerzen zu finden und lässt sich sarkastisch über den Fimmel für Bräunungscremes und exotische Sexstellungen aus.

Fett gleich fies

Für Rowling mit ihrer schlanken Modell-Figur bedeutet fett gleich fies. Wie die Dursleys in den Potter-Büchern ist auch der schurkische Vorsitzende des Gemeinderats  Howard Mollison grotesk übergewichtig und bekommt dafür von der Ärztin Dr. Parminder während einer Debatte in der Gemeindehalle eine klassenkämpferische Lektion, nachdem er die Kosten aufgelistet hat, die die „ungesund“ lebenden Bewohner der Sozialsiedlung dem staatlichen Gesundheitsdienst verursachen.

Dieses Beispiel jedoch zeigt wieder einmal die agitatorische Einäugigkeit  in Rowlings Polemik. Fettsucht ist nämlich in den unteren sozialen Schichten des Königreichs weitaus häufiger als in der Mittelschicht. Der hoch getaumelte Schmetterling der zeitgenössischen Literatur wurde mit dem „Plötzlichen Todesfall“ wieder zu einer gewöhnlichen Raupe. Rowling deutete bereits an, dass sie wieder ein Kinderbuch schreiben wird. Hoffentlich glückt diesmal die Metamorphose besser.

J. K. Rowling: „Ein plötzlicher Todesfall“, Roman. Aus dem Englischen von Susanne Aeckerle und Marion Balkenhol, Carlsen Verlag, 576 Seiten, 24,90 Euro.
  

HENDRIK BEBBER


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