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Frau Petersen, Sie sind parteipolitisch ungebunden, haben ein sicheres Auftreten, können gut reden und gewiss besser singen als 99 Prozent der Deutschen und sind zudem noch weiblich: Wären Sie nicht auch eine ideale Bundespräsidentin?
Marlis Petersen: (lacht) Sie haben in Ihrer Aufzählung etwas vergessen: Ich habe auch keine Ahnung von Politik. Aber vielleicht ist das ja auch ein geeignetes Kriterium...
Apropos weiblich: Mit dem „Ewig Weiblichen“ sind Sie ja gerade auf Tour und kommen mit Goethe-Vertonungen von 19 verschiedenen Komponisten ins Stadttheater Fürth. Sie haben schon so viele extreme Frauen von Lulu, Reimanns Medea bis zu Händels männerverschleißender Magierin Alcina verkörpert. Wie würden Sie das „ewig Weibliche“ definieren?
Petersen: Das ist natürlich nicht einfach. Aber wenn man sich mit den literarischen Vorlagen Goethes beschäftigt, merkt man doch, wie vielschichtig er viele weibliche Facetten zu schildern vermochte. Noch tiefer, differenzierter hat diese Goethe’sche Sicht auf die Frau eigentlich Gustav Mahler erfasst, aber leider kann ich ja keine Sinfonie singen. Was uns lehrt: Auch Männer können weibliche Sichtweisen nachvollziehen und umgekehrt.
Ottfried Fischer hat gesagt, die Reibungen der inneren Zerrissenheit produzieren erst das Glücksgefühl. Können Sie das nachvollziehen?
Petersen: Na, Glück würde ich das nicht nennen, sondern eher innere Unruhe. Aber die ist natürlich produktiv, weil sie uns weiter suchen lässt.
Ihr Fürther Konzert wird von einer Apotheke gesponsert, wie rezeptpflichtig wird Ihr Auftritt? Und was sagen Sie zu Risiken und Nebenwirkungen?
Petersen: (lacht) Wirklich? Ja, also da empfehle ich Tempotaschentücher und Johanniskraut. Aber im Ernst: Wir fordern das Publikum schon, aber mein Pianist Jendrik Springer, der sich irre gut auskennt, und ich denken, auf eine spannende Art. Denn es gibt so viel zu entdecken: Sommer, Braunfels, Reutter. Das sind Komponisten, die sich lohnen, obwohl sie so wenig beachtet werden. Manchmal singen wir ganze Liedbände einfach durch. Das ist wie bei einer Designerin, die einen Stoffladen betritt: Die stöbert sich auch durch alle Bestände und staunt und badet in Wohlgefühl.
Sie sagen von sich, dass Sie eine Spätzünderin in Sachen Oper waren und erst durch Ihre Anfängerjahre unter Eberhard Kloke auf den Geschmack gekommen sind. Verhält es sich ähnlich beim Lied?
Petersen: Ja, das stimmt. Ich habe zwar schon immer Liederprogramme gemacht, sogar in meiner Nürnberger Zeit. Aber so richtig intensiv steige ich erst seit rund zehn Jahren in dieses Repertoire ein. Das sind wirklich tiefgründige Gefilde. Und nach 17 Jahren Oper tut diese Konzentration auf das Minidrama Lied auch wirklich gut.
Mit Ihrem Liedprogramm wagen Sie sich Mitte März ja auch in die Höhle des Löwen, nämlich in die Athener Musikhalle. Glauben Sie, dass den Griechen im Augenblick der Sinn nach deutschem Liedgut mit Beethoven, Schubert und Hugo Wolf steht?
Petersen: Ich lebe in Athen und spüre dort am eigenen Leib, wie sehr die Griechen nach Kultur hungern und wie aufgeschlossen sie dafür sind. Sogar in diesen Krisenzeiten. Ein Kritiker nannte mich „Athens Darling“, und ich merke, wie sehr man mich mag. Ich glaube, die kommen weniger wegen des deutschen Liedguts, sondern einfach, um mich zu hören.
Eine extreme Frauenfigur ist sicher auch die Partie der Violetta Valéry, in der Sie 2011 in Graz debütierten. Was reizte Sie an der Produktion, die derzeit auch in Nürnberg zu sehen ist: Die Zusammenarbeit mit Peter Konwitschny oder die Möglichkeit, die Partie an einem kleineren Haus zu erarbeiten, bevor Sie sie nächstes Jahr an der Wiener Staatsoper singen?
Petersen: Eindeutig beides. Eigentlich kam mir die Violetta zu früh. Aber Konwitschny ist ein so toller Regisseur. Wir hatten schon einmal zusammengearbeitet und uns geschworen, dass wir das weiter tun müssen. Es freut mich, dass die Nürnberger die doch sehr eigenwillige Deutung so begeistert aufnehmen. Denken Sie an diesen glänzenden Einfall, die Schwester von Alfredo einzuführen. Konwitschny sagt immer, es sei ein Schwachpunkt der Oper, dass Violetta zu schnell bereit ist, auf alles zu verzichten. Durch die Einführung dieser Figur aus der literarischen Vorlage von Dumas wird das einfach plausibler.
Derzeit gastieren Sie mit dem „Radialsystem“ in Sasha Waltz’ Adaption des Brahms-Requiems in Berlin. Aber bereits Ende März kann man Sie wieder in der Meistersingerhalle mit Orffs „Carmina burana“ und Johanna Doderers „Salve regina“ hören...
Petersen: Ja, das scheint ein „fränkisches Jahr“ zu werden, Wolfgang Riedelbauch fragte mich auch für den „Fränkischen Sommer“ an, aber ich weiß noch nicht, ob das klappen wird. Und Julian Christoph Tölle kam sicher über das Doderer-Stück auf mich. Ich habe die Uraufführung und auch auf der CD-Einspielung gesungen.
Karten für den Liederabend am 24. Februar im Theater Fürth: Tel. 0911/9742400; für das Konzert am 31. März mit dem Hans-Sachs-Chor: Tel. 0911/2162298.

Bewerbungen für den NN-Kunstpreis werden ab 1. März 2012 entgegengenommen. Die Teilnahmebedingungen finden Sie
hier.