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Es duftet süß nach Popcorn, später steigt einem der Geruch von Gummi-Abrieb in die Nase. Es klappert, quietscht und knallt und brummt. Ein Baum fliegt in die Luft, eine Wellblechhütte steht kurz vor der Explosion. In der Kunst von Michael Sailstorfer drängt alles nach Expansion und Erweiterung. Wenn schnöde Alltagsgegenstände wie ein kleiner Fön sich lautstark Gehör verschaffen, dann ist das zwar einerseits vollkommen ohne Sinn, andererseits erscheinen die Dinge plötzlich so lebendig, dass man ihnen fast menschliche Eigenschaften zugestehen möchte.
Bei dem im niederbayerischen Velden geborenen Bildhauer und Objektkünstler ist die Welt in Bewegung, sein Thema heißt Transformation. Älteste Arbeit in der Ausstellung ist ein Foto aus dem Jahr 2000, das Sailstorfers ersten „Kunstanschlag“ in der Natur dokumentiert. Im Wald markierte er ein fast 25 Quadratmeter großes Rechteck, indem er jeglichen Bewuchs vom Boden und den unteren Baumstämmen entfernte. „Waldputz“ nannte er die Arbeit, die für ein Grundprinzip seiner Kunst steht: „Wie man durch das Wegnehmen von Material eine Skulptur erschafft.“
In der Installation „Zeit ist keine Autobahn“ erlebt man die Transformation ganz konkret: Vor den Wänden rotieren drei mit Motoren angetriebene Autoreifen. Statt voranzukommen, zerstören sie sich selbst, während aus dem Reifenabrieb schwarze Pulverhäufchen erwachsen. Es ist zugleich der lauteste und geruchsintensivste Raum der Schau.
Im „Porträtsaal“ geht es kaum leiser zu. Da überschlägt sich klappernd ein großer Hampelmann aus Holzplatten ohne Rücksicht auf Verluste und verbirgt die feuerrote, mit Butangas betriebene Skulptur „Auguste“ ein eiskaltes Innenleben. Der Nachbau einer von ihren Werbebotschaften befreiten Reklametafel mutiert zu einem gigantischen Neonkunstwerk mit glühend leuchtendem Augenpaar.
Knoten aus Aluminium
Etwas ruhiger geht es in den ersten Räumen zu: Auf Holzsockeln ragen Seemannsknoten in die Höhe. Die Vorlage wurde erkennbar händisch geschlungen, doch auflösbar sind die aus Aluminium gegossenen Knoten nicht mehr. Eine der atmosphärisch spannendsten Arbeiten ist eine weit ausgreifende horizontale Skulptur, die an eine dunkle Hügellandschaft ebenso erinnert wie an ein geheimnisvoll beleuchtetes Bühnenbild. Sailstorfer führt uns hier „auf die dunkle Seite des Mondes“, an einen unerreichbaren Sehnsuchtsort. An den Wänden sieht man dazu Fotos und Diaprojektionen seiner „Unterwasserskulpturen“, die er im Meer versenkt hat.
So reicht die Ausstellung, die ihrem Titel „Für immer Strom“ alle Ehre macht und voller Energie und Witz steckt, vom Mond bis auf den Meeresgrund. Im Projektraum quillt das Popcorn aus der Maschine, und ganz am Ende bläht sich die im Video winzig klein aussehende Wellblechhütte auf und zieht sich zitternd wieder zusammen. Kurz darauf wird sie explodieren, doch das zeigt uns Sailstorfer nicht mehr.
Fr. 30.09.11
Di. 27.09.11
Di. 24.05.11
Di. 25.01.11
Mo. 13.12.10