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Rätsel, Witz und Magie

Retrospektive zu Johannes Grützkes Werk in Nürnberg - 22.11. 19:45 Uhr

Nürnberg  - Was haben Otto, der Komiker, Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder und Theaterregisseur Peter Zadek gemeinsam? Sie alle gehören zum großen Kunstkosmos von Johannes Grützke, der jetzt mit einer famosen Ausstellung nach Nürnberg zurückgekehrt ist.

JOhannes Grützke vor seinem einstigen Skandal-Bild "Fünf nackte Männer" (1971).
JOhannes Grützke vor seinem einstigen Skandal-Bild "Fünf nackte Männer" (1971).
Foto: Isabelle Matejka
JOhannes Grützke vor seinem einstigen Skandal-Bild "Fünf nackte Männer" (1971).
JOhannes Grützke vor seinem einstigen Skandal-Bild "Fünf nackte Männer" (1971).
Foto: Isabelle Matejka

Seltsame Heilige sind da zugange, läuten mit einer Fahrradklingel an der Lanze den tödlichen Stich ein, spielen Himmel und Hölle mit rotem Bindfaden, der farblich schön zum Damenschuh davor passt, und krönen sich selbst mit einem Palmblatt. Willkommen in der magisch verrätselten und mitunter ganz schön witzigen Welt von Johannes Grützke!

Der Maler aus Berlin ist zurück in Nürnberg. Hier hat er zehn Jahre lang (bis 2002) an der Akademie gelehrt und sagt: „Ich bin gerne wieder in der Stadt!“ Zufall ist das nicht: Vor zwei Jahren hat er seine schriftlichen Dokumente, darunter Briefe, Skizzen und auch Kinderfotos an das Deutsche Kunstarchiv im Germanischen Nationalmuseum (GNM) übergeben — insgesamt sechs Meter Akten. Im Kunstarchiv, das nur den ganz Großen in seinen Reihen auch Ausstellungen gönnt, werden schriftliche Nach- (und Vorlässe) von Malern, Grafikern und Bildhauern verwahrt. All das ist Grützke — und noch vieles mehr: Schauspieler, Musiker, Autor, Verleger, Kostüm- und Bühnenbildner, Keramiker... Richtig bekannt wurde er mit seiner Großtat in der Frankfurter Paulskirche 1991: Grützke gewann den Wettbewerb für die Ausgestaltung der Wandelhalle mit seinem 33 Meter langen „Zug der Volksvertreter“.



Wie wird man so einem Tausendsassa in einer Ausstellung gerecht? Mit einer klaren Gliederung in sieben Kapitel und der Konzentration auf das, wofür der „weiße Mann“, dem man seine 74 Jahre nicht ansieht, steht: figürliche Malerei, mal altmeisterlich akribisch wie bei den realen oder fiktiven Historienbildern, mal mit lockerem Pinselstrich wie bei den Porträts. Immer wieder hat er sich selbst gemalt, denkt man zumindest. Grütze sieht das anders: „Das bin nicht ich, das ist meine Verwandtschaft.“ Wer es auch sei, er ist Stellvertreter der Menschheit, wird auf den Bildern zu absurden Körperhaltungen, Gesichtsausdrücken und Zeitsprüngen gezwungen. Die Welt ist ein Tollhaus!

Anzugträger bei absurdem Tun

Grützkes Outfit — weiße Jeans, weißes Oberteil, weiße Turnschuhe — erinnert mehr an einen Arzt als einen Farbarbeiter. Und so ein bisschen seziert er ja auch Gefühls-, Verhaltens-, Rollen-, Stilmuster und verabreicht demjenigen, der Allergien gegen Installations- und Videokunst hat, gekonnte Malerei in hohen Dosen. Oft ist eine Menge Humor dabei, zum Beispiel bei der „Apotheose des Händeschüttelns“ (1968), eine Karikatur der Anzugträger bei einer ihrer Lieblingsbeschäftigungen. Wenn keiner zuguckt, wie im Meeting-Raum, lassen sie aber auch schon mal gerne wie die kleinen Buben Kronkorken schnalzen oder schlagen jubilierend Purzelbäume und verkünden: „Unser Fortschritt ist unaufhörlich.“

Fortschritte für den künstlerischen Diskurs zu liefern, das haben Kritiker dem Berliner immer wieder mal abgesprochen. Von diesen Stimmen, die Avantgardistisches in seinem Werk vermissen, hat sich der selbst ernannte „Klassiker“ nie beirren lassen und blieb der figürlichen Malerei treu. Aber auch die taugt zum Skandal, wie Dokumente belegen: Anfang der 70er Jahre musste sein Gemälde „Fünf nackte Männer“, das jetzt vermutlich friedlich in Nürnberg hängen wird, aus zwei Ausstellungen in Hamburg und Bonn entfernt werden. Gegen die „Pornografie“ hatte sich heftiger Protest geregt.

Nackte Frauen in kunstvollen „Architekturpyramiden“ stehen im GNM als Gegengewicht zu den Mannsbildern — und es gibt auch einen Blick auf „Die flambierte Frau“. Im gleichnamigen Streifen hat Grützke eine Nebenrolle — ebenso wie in „Otto — der Film“. Und wenn wir schon bei Prominenten sind: Er hat sie zuhauf gemalt. Richard von Weizsäcker ließ sich ebenso von Grützke porträtieren wie Gerhard Schröder oder Peter Zadek. Mit ihm begann auch Grützkes lange Tätigkeit für das Theater.

Wer sich nach 180 Kunstwerken und 160 Dokumenten noch nicht sattgesehen hat, kann nachlegen: In der Nürnberger Galerie Atzenhofer und der Erlanger Galerie Arsprototo beginnen morgen ebenfalls Grützke-Ausstellungen. Und im GNM stellt er sich im Dezember als „Erlebnisgeiger“ bei einem Konzert vor.

GNM, Kartäusergasse 1: „Johannes Grützke. Die Retrospektive“. Eröffnung heute, 19 Uhr. Bis 1. April, Di.–So. 10–18, Mi. 10–21 Uhr. Katalog 28,50 Euro. Konzert am 7.12., 19 Uhr. Führungen: Mi. 18, So. 14 Uhr. www.gnm.de 



BIRGIT RUF

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