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Umjubelt: Goyo Monteros Ballettpremiere „Don Juan“

Liebe als Teufelspakt: Das Tanzstück im Nürnberger Schauspielhaus kommt beim Premierenpublikum bestens an - 23.07.2012 23:00 Uhr

Er hat sie alle schon verführt — jetzt folgt Dona Anna: Szene mit Simone Elliott und Rafael Rivero (vorn) und dem Ensemble.

Er hat sie alle schon verführt — jetzt folgt Dona Anna: Szene mit Simone Elliott und Rafael Rivero (vorn) und dem Ensemble. © Jesús Vallinas


Auch ohne die Gluck-Festspiele, für die das Stück als Auftragsarbeit entstand, und die Erinnerung an Christoph Willibald Glucks Reformballett „Don Juan“ wäre Goyo Montero wohl auf diesen Stoff gekommen. Der spanische Mythos vom Raubritter der Unritterlichkeit passt perfekt zum Faible des Choreografen für große tragische Geschichten über Liebe, Tod und Leidenschaft. Nach „Romeo und Julia“, „Dornröschen“ oder „Carmen“ nun also „Don Juan“. Dass Montero dabei auch die Brücke zu Goethes „Faust“ schlägt und seinen Titelhelden als mephistophelische Gestalt zeichnet, verweist bereits auf sein nächstes Projekt in der kommenden Spielzeit.

Die mit grandioser Verve auftrumpfende Schauspielerin Julia Bartolome verkörpert die teuflische Macht, die Don Juan zu immer neuen Liebesabenteuern treibt und zugleich sein Alter Ego ist. Sie und Juan-Darsteller Rafael Rivero (mit großer Ausdruckskraft auch als Tänzer im Einsatz) werden neben ihren Rollen gleichsam zu den Regisseuren eines Stücks, das sich von vornherein – beginnend mit dem Faust’schen Prolog auf dem Theater („Wie machen wir’s, dass alles frisch und neu/Und mit Bedeutung auch gefällig sei?“) – als Spiel ausweist.

Den diabolisch-süffisanten Zwiegesprächen, die aus dem reichen Fundus der Don-Juan-Literatur schöpfen, fehlt es nicht an gewitzter Schärfe. Doch entsteht durch die Sprechpartien eine kaum beabsichtigte Distanz. Das Ballett, das sich ganz auf die Hauptfiguren konzentriert und auch auf die Gestalt des steinernen Gastes verzichtet, gerät da zuweilen an den Rand einer illustrierenden Nummernrevue.

Dabei weiß Montero die Bühnentechnik im Schauspielhaus mit ihren flexiblen Podesten und der Drehbühne toll zu nutzen, um Fallhöhen, Abstürze und Liebestreiben ins Bild zu setzen. Das in elf Szenen unterteilte Stück beginnt nach dem Prolog als ausgelassenes Fest, zugleich Metapher für die Eroberungszüge Don Juans. Er nimmt sich jede Frau, und jeder männliche Tänzer ist letztlich Don Juan selbst. Diese in ihrer flirrenden Rasanz fast schwindlig machende Szene zur Musik des Gluck-Zeitgenossen Luigi Boccherini findet später noch zwei fantastische Steigerungen. Einmal ist es Asasello (des Teufels Gehilfe in „Der Meister und Margarita“), der zur Registerarie des Leporello aus Mozarts „Don Giovanni“ mit den Untaten seines Herrn prahlt. Und kurz vor dem Finale tanzt sich das Männer-Ensemble zu Glucks berühmtem „Tanz der Furien“ buchstablich in die Hölle hinab.

Monteros Stück hat Witz und Tempo, findet aber auch für die tragischen weiblichen Figuren starke Bilder. Den Einflüsterungen des Teufels folgend, wird die Eroberung der Novizin Dona Inés (Ana Baigorri) zur reizvollsten Aufgabe für den Verführer, nachdem er sich zuvor der Braut seines Konkurrenten, Dona Ana (Simone Elliott), bemächtigt hat. Doch für die Novizin braucht es noch mehr diabolische Überzeugungslist. Wie Dona Inés den trügerischen Liebesbeschwörungen Glauben schenkt, wie sie betend vor dem Teufel in Äbtissinnengestalt kniet und sich sehnsüchtig zwei innigen Pas de deux zuwendet, das sind ungemein eindrückliche Bilder.

Doch die Befreiung aus den Klostermauern durch die Liebe – symbolisch verkörpert von Marina Miguélez – entpuppt sich als Betrug. Weil er seinem Fluch nicht entkommt, vergeht sich Don Juan auch an Dona Inés, die stirbt und als wahre Liebende seine Seele für ihn gibt.

Das Ende bietet zwei Varianten an – eine die zum schmerzvollen „Dream of the Stabat Mater“ von Lera Auerbach zur Verdammnis führt, und eine die zum Disco-Hit „I will survive“ Reue und Vergebung verspricht. Beide haben Gänsehaut-Faktor.

Goyo Montero hat sich sichtlich um einen originellen Zugriff auf den unverwüstlichen Stoff bemüht. Nicht alles wirkt schlüssig und manches auch redundant. Dennoch ist ihm mit seiner „Don Juan“-Sicht und dem großartigen Ensemble eine zeitlose, spannende und unterhaltsame Interpretation gelungen.

Karten gibt es erst wieder für die Aufführungen in der nächsten Spielzeit. 

REGINA URBAN

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