|
Anmeldung
Diese Funktion steht nur registrierten Usern zur Verfügung.
Loggen Sie sich bitte hier ein oder registrieren Sie sich kostenlos! |
![]() |
Passwort vergessen
Wenn Sie Ihr Passwort vergessen haben können Sie hier ein neues Passwort anfordern. Geben Sie bitte hierzu Ihre E-Mail-Adresse ein!
|
Der Wein ist gut, das Essen auch. In überschaubarer Paarkonstellation trifft man sich zum ritualisierten Beisammensein. Man tauscht gehobene Allgemeinplätze aus, die wie in überdurchschnittlich guten Stammtischrunden funktionieren. Man kann sogar damitumgehen, wenn einer unter die Gürtellinie zielt. Man kennt sich gut. Die Party hat immer recht. Keiner raucht mehr, weil die Ghettoisierung der Raucher obskure Züge angenommen hat. Eine nahm sogar ihre Kippen in einer Plastiktüte mit nach Hause wie ein Hundebesitzer die Exkremente seines Lieblings. Da ist man lieber wie die meisten. Man redet über den Ausländeranteil in England, über gesunde Ernährung, Orangenmarmelade, Treibhauseffekt oder Recycling-Angewohnheiten.
Man fragt sich, ob Thatcher schuld ist oder Blair. Das Setting ist very british. „Wenn wir beim Euro mitmachen würden, dann wäre das Pfund weniger wert.“ Und wenn dem Wein mehr zugesprochen wird, gibt es auch Diskussionen über den Unterschied von Sex und Liebe, weil nämlich die Lust nachlässt mit den Jahren.
Dies ist das fast durchgehende Thema der zehn Erzählungen, in die diese Partydialoge eingeblendet sind, damit das Grundrauschen der gesellschaftlichen Diskurse die Texte grundiert. Antihelden, in denen wir uns wiedererkennen, auch hier, Durchschnittsleben, geprägt von Vorsicht und Anpassung, Leben, die nach außen in Ordnung zu sein scheinen. Doch messerscharf, scheinbar unspektakulär leuchtet Barnes die Risse unter der Oberfläche aus.
Genau beobachtet er seine Protagonisten aus der englischen Mittelklasse und konstatiert immer wieder, wie mit der Zeit die Liebe verschwindet, weil die Menschen eben so sind, wie sie sind. Der Lehrer Geoff zum Beispiel, ein passionierter Wanderer, kann unterwegs mit seiner neuen Bekannten das Belehren nicht lassen.
Ein anderes Paar ist im achten Jahr der Ehe dazu übergegangen, sich praktische Geschenke zu machen. Mit höchster Präzision wird herauspräpariert, wie aus abweichenden Vorstellungen über die Gartengestaltung leise die Entfremdung wächst. „Das Leben … bedeutet vor allem einen allmählichen Verlust des Vergnügens“, weiß eine in die Jahre gekommene Schriftstellerin.
Abwehrstrategien zur Selbstverteidigung stehen auch im Zentrum der Texte des zweiten Teils. Sie drehen sich um das Leben bzw. Weiterleben mit Behinderungen und deklinieren die jeweilige Abwesenheit eines der fünf Sinne durch. Verluste also auch hier, wobei drei historische Erzählungen den zeitlichen Rahmen erweitern und die Stoffe in größere Zusammenhänge bringen. Defizite an Nähe werfen den Einzelnen auf sich zurück.
Seine enorme Suggestivkraft bezieht Julian Barnes nicht aus dem vordergründig Lauten, vielmehr kreist er meisterhaft, oft mit weisem Humor latente und nur scheinbar geringe Unstimmigkeiten ein, bis die vermeintlichen Normalitäten in Schieflage geraten sind. „Die Ehe ist eine Zwei-Personen-Demokratie“, formuliert einer sein Ideal. Doch sind Menschen ein Teil der Natur, wo es zu den Überlebensgesetzen gehört, sein Territorium zu behaupten. Julian Barnes führt auf die entsprechenden Kampfplätze hinter den Fassaden.
Julian Barnes: Unbefugtes Betreten. Aus dem Englischen von Gertraude Krueger und Thomas Bodmer. Kiepenheuer & Witsch, Köln. 294 Seiten, 19,99 Euro.

|