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Unentdeckte Schätze

Detektiv-Arbeit für die städtische Kunst-Sammlung Nürnberg - 12.08. 20:41 Uhr

Nürnberg  - Der Kunstbesitz der Stadt Nürnberg wächst - aber nicht durch Ankäufe, sondern durch Detektivarbeit. Erstmals wird bei einer Generalrevision jetzt auch untersucht, was genau die Stadt Nürnberg als größter Leihgeber in den Depots des Germanischen Nationalmuseums (GNM) hat. Da schlummert bislang Unentdecktes.

Ihre Arbeit gleicht mitunter einer kriminalistischen Spurensuche: Ursula Kubach-Reutter, Leiterin der städtischen Kunst-Sammlung.
Ihre Arbeit gleicht mitunter einer kriminalistischen Spurensuche: Ursula Kubach-Reutter, Leiterin der städtischen Kunst-Sammlung.
Foto: Eduard Weigert
Ihre Arbeit gleicht mitunter einer kriminalistischen Spurensuche: Ursula Kubach-Reutter, Leiterin der städtischen Kunst-Sammlung.
Ihre Arbeit gleicht mitunter einer kriminalistischen Spurensuche: Ursula Kubach-Reutter, Leiterin der städtischen Kunst-Sammlung.
Foto: Eduard Weigert

Nürnberg ist eine kunstreiche Stadt: Sie besitzt die größte kommunale Kunst-Sammlung nördlich der Alpen. Ihr Wert wird — sehr zurückhaltend — auf mehrere 100 Millionen Euro geschätzt. Allein der Bestand an Gemälden und Skulpturen umfasst zwischen 12000 und 14000 Objekte. Ganz genau weiß das niemand. Aber eine Wissenschaftlerin ist den Besitztümern seit mittlerweile 15 Jahren hartnäckig auf der Spur: Ursula Kubach- Reutter übernahm 1996 die neu geschaffene Stelle für die städtische Gemälde- und Skulpturensammlung. Bei dem Posten ging es weniger darum, die große Kollektion zu verwalten, als erst einmal zu recherchieren, was überhaupt dazugehört. Eine Aufgabe, die bis heute andauert. „Wir haben große Bestände und kennen sie nur zum Teil“, sagt Kubach-Reutter. Genau dieses Manko will sie beheben.

Anfangs eine Zettelwirtschaft

Das hier war meine Arbeitsgrundlage beim Amtsantritt“, sagt Kubach-Reutter und wuchtet einen von fünf dicken alten Folianten mit Ledereinband auf den Tisch. Darin wurden seit 1875 mit zierlicher Handschrift, mit schwarzer und roter Tinte die Erwerbungen der Stadt aufgelistet. „Aber das natürlich auch nicht vollständig“, wie die Expertin betont. In den 1930er Jahren hat man die Bücher dann (wiederum per Hand) abgeschrieben, um weitere Angaben zu den einzelnen Werken ergänzt und als Karteikartenregister verwahrt. Diese Zettelwirtschaft aus rund 12000 Belegen ist heute digitalisiert und in eine elektronische Datenbank überführt.



Große Teile der Kostbarkeiten — darunter Werke von Dürer und Rembrandt, Cranach und Veit Stoß — gab die Stadt bereits in den 1870er Jahren als Dauerleihgabe in das Germanische Nationalmuseum, wo sie sich noch heute befinden und dort zu den Glanzstücken der Ausstellung zählen. Das GNM, das die Dinge im Gegenzug verwahrt und pflegt, geht von 180000 städtischen Leihgaben in seinem Bestand aus. „Die Kollegen zählen aber auch anders als wir“, erklärt Kubach-Reutter. Bei der Stadt wird zum Beispiel der Schöne Brunnen als ein Objekt gelistet. Das GNM hat Inventarnummern für jede einzelne Brunnenfigur vergeben.

Kollegiale Zusammenarbeit

Seit zwei Jahren ist Kubach-Reutter dem städtischen Besitz auch im GNM auf der Spur. Zur Halbzeit ihrer Untersuchungen der Gemälde und Skulpturen bilanziert sie: „Allein durch das Abgleichen der Listen hat sich unser Bestand um zehn bis 15 Prozent vergrößert. Wir finden dort Dinge, von denen wir bislang keine Kenntnis hatten.“ Das kommt unter anderem daher, dass manche Kunstwerke, die im Laufe der Jahrhunderte in städtischen Besitz kamen, gleich an das GNM abgegeben wurden, ohne dass man das in den Registern vermerkt hat. Darunter sind, wie Kubach-Reutter sagt, „auch nicht ganz unbedeutende Arbeiten“.

Immer wieder tauchen bei der Recherche in den GNM-Depots zudem Werke auf, die man bislang für Kriegsverluste hielt. Und so manche Fehlstelle in den Museumslisten konnte Kubach-Reutter mit Hinweisen auf den Verbleib in städtischen Häusern füllen. „Das Projekt ist eine Win-win-Situation“, sagt sie über die neue intensive und kollegiale Zusammenarbeit mit dem GNM.

Natürlich ist dorthin nicht der gesamte städtische Kunstbesitz ausgelagert. Große Sammlungsbestände werden in den städtischen Museen gezeigt, hängen in den Büros der Referenten oder anderen Repräsentationsräumen der Stadt. Der übrige Bestand lagert in einem der fünf städtischen Depots für Gemälde und Skulpturen. Wie es sich gehört, inventarisierte man bei der Generalrevision zunächst dort — kehrte also vor der eigenen Haustür: Die städtischen Depots und Ausstellungsorte wurden mühsam durchforstet, ihr Inhalt akribisch aufgelistet und fotografiert.

Wirklich weiter brachte das die Kunstdetektive aber nicht in jedem Fall. So wie Polizisten mit Bildern von Mordopfern versuchen, die Identität der Person zu klären, so fahndet Ursula Kubach-Reutter nach Informationen zu einzelnen Gemälde und Skulpturen in ihren Depots. Denn von manchen ihrer Schützlinge weiß sie bislang nicht, wer sie wann geschaffen hat und wie sie in die Sammlung kamen.
 

Hilfe durch die Zeitung

Wie in der echten Kriminalistik hilft auch ihr bei der Recherche schon mal die Zeitung: Als sie am 16. Juni 2011 in den Nürnberger Nachrichten einen Ausflugstipp zum Schloss Hartenfels bei Torgau las, machte es klick im Kopf: „Ich wusste, dass ich das auf dem Foto abgebildete Motiv kannte. Man sieht es auf einem Gemälde in unserer Sammlung, von dem wir bislang nicht wussten, was es darstellt.“ Wieder ist sie einen kleinen Schritt weiter auf der Jagd nach gesicherten Informationen.

Mitunter läuft die kriminalistische Spurensuche aber auch genau andersherum: In einer Festschrift zur Einweihung des Nürnberger Künstlerhauses vom Juli 1910 stieß Kubach-Reutter kürzlich auf ein Foto, das die heute zum Kinosaal umgebaute Städtische Galerie zeigt. Die dort ausgestellten Werke konnte sie jetzt mit einem Abgleich von Beschreibungen in ihrer Datei identifizieren. „Es sind Teile der alten Burggalerie, die zu reichsstädtischer Zeit ausgestellt wurde, wenn der Kaiser in die Stadt kam.“

Dieses Beispiel zeigt, dass es bei der Generalrevision nicht nur darum geht, die Kunstbestände der Stadt zu orten und in ihrem monetären Wert zu taxieren: „Wir wollen die Dinge in den historischen Zusammenhang einordnen und damit ein Stück Stadtgeschichte aufarbeiten“, sagt Kubach-Reutter, die gesteht: „Dafür braucht man Geduld und Freude am akribischen Arbeiten.“ 



BIRGIT RUF

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Zum Thema
Germanisches Nationalmuseum - Eingangsbereich



Kurzbeschreibung:
Seinen Namen erhielt das Germanische Nationalmuseum (GNM) bereits bei seiner Gründung im 19. Jahrhundert: Mit "germanisch" sollte damals der deutschsprachige Kulturraum bezeichnet werden.
Heute findet man in dem vom Bund, dem Land Bayern und der Stadt Nürnberg finanzierten Museum eine Bibliothek und Sammlungen mit 1,3 Millionen Objekten.

Dürer-Ausstellung zum Frühwerk des Malers unter dem Titel "Der frühe Dürer" vom 24.5. bis 2.9.2012


Öffnungszeiten:
Ausstellungen und Schausammlungen:
Di, Do - So 10 - 18 Uhr (Obergeschosse, Gartensaal bis 17 Uhr)
Mi 10 - 21 Uhr
Spielzeugsammlung:
Di, Do - So 11 - 18 Uhr
Mi 11 - 21 Uhr

Adresse:
Nürnberg, Kartäusergasse/ Straße der Menschenrechte