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Heimat ist ja ein ambivalenter Begriff, kann Geborgenheit oder Enge und Eingeschlossensein bedeuten. Was verbinden Sie mit Heimat?
Hans W. Geißendörfer: Je älter man wird, desto mehr sind die negativen Elemente weggeschoben. Heimat heißt Rückkehr, Geborgenheit, Erinnerung, wissen, wo man hingehört. Es hat sehr viel mit Emotion zu tun. Aber wenn man jung ist, kann die Erfahrung der Enge auch schmerzhaft sein. Wenn man die Traditionen der Heimat nicht achtet, kriegt man Schwierigkeiten.
Fitzgerald Kusz: Heimat ist für mich die Sprache und die Mundart. Dazu gehört auch die fränkische Küche – als Mund-Art (lacht).
Sie haben beide die 68er Zeit aktiv miterlebt. Mit Heimat hatte die junge Generation damals nicht viel am Hut.
Kusz: Nein, der Begriff war durch den Faschismus belastet und verpönt.
Geißendörfer: Daran war aber nicht nur der schreckliche Missbrauch durch die Nationalsozialisten schuld, es war auch das Kino in den 50er Jahren. Was da als Heimat verkauft wurde, das war schon abschreckend, damit wollte sich kaum jemand identifizieren. Es war reaktionär.
Kusz: Im Jargon des SDS hätte man damals gesagt, das sind die vorindustriellen Verhaltensmuster.
Mit der „Lindenstraße“ haben Sie gewissermaßen die deutsche Heimatfilm-Serie schlechthin geschaffen. Auch nach 25 Jahren guckt immer noch ein Millionenpublikum zu. Was ist das Geheimnis des Erfolgs?
Geißendörfer: Das hat sicher damit zu tun, dass man sich mit den Figuren identifizieren kann und mit ihnen älter wird. Man kann sich in sie verlieben, man kann sie hassen, einen fiktionalen Nachbarn finden, fiktionale Freundschaften schließen, die immer wieder erlebbar sind.
„Schweig, Bub!“ könnte man als das Theaterpendant zur „Lindenstraße“ ansehen – das ist ja auch so ein Heimatstück mit Kultstatus.
Kusz: Aber es ist Theater, also ein ganz anderes Medium. Als ich das Stück 1975 geschrieben habe, war die Idee, im Gegensatz zu Horváth oder Kroetz, den unverfälschten Dialekt auf die Bühne zu bringen, keine Kunstsprache. Damit sich die Leute mit dem Geschehen identifizieren. Der Dialekt ist dafür die erste Möglichkeit, die Familie die zweite. Und dann steckt in dem „Schweig, Bub!“ ja das ganze Leben drin. Man könnte sagen, von der Wiege bis zur Bahre werden da alle Themen abgehandelt.
Der Film „Gudrun“ war Ihr erstes und bislang einziges gemeinsames Projekt. Wie kam es dazu?
Kusz: Hans hat mir damals geschrieben. In Westmittelfranken war im Wendejahr 1989 die Neo-Nazi-Bewegung sehr aktiv, bis in die Gemeinderäte hinein. Uns war klar, man muss was dagegen machen. Wir haben uns ein paar Mal getroffen, und so ist diese Geschichte entstanden, die in Prichsenstadt in der Nazi-Zeit spielt und mit einem fatalen Verrat endet.
Geißendörfer: Dass wir den Film dann in extremem Fränkisch gedreht haben, war auch Trotz: Damals sagten alle, man muss auf Englisch drehen, für den internationalen Markt. Leckt mich am Arsch, hab ich gedacht, ich dreh jetzt einen fränkischen Film. In Nordbayern lief er auch sehr gut. Auf der Berlinale haben wir ihn mit Untertiteln gezeigt. Aber der Dialekt macht die Auswertung natürlich schwierig, die ist zwangsläufig limitiert.
Ihr neuer Film, „In der Welt habt ihr Angst“, der Anfang April ins Kino kommt, spielt in Bamberg. Würden Sie ihn als Heimatfilm bezeichnen?
Geißendörfer: Es ist ein Melodram, ein Liebesfilm. Aber die Stadt ist auf jeden Fall mehr als Kulisse, sie prägt diesen Film mit, ist mit handelnd. Die Geschichte funktioniert nur in einer Provinzstadt mit Universität. Bamberg mit den Hügeln drumherum ist eine wunderbare Gegend, die wenig genutzt wird. Franken insgesamt wird in Film und Fernsehen immer noch sträflichst vernachlässigt.
Dabei haben Filme mit Regionalbezug Konjunktur. Viele fordern vehement einen Franken-„Tatort“. Der BR hält nichts davon, aber davon abgesehen: Könnten Sie beide sich vorstellen, das Projekt in Angriff zu nehmen?
Kusz: Ich lese gern Krimis, aber ich schreibe sie nicht. Das ist nicht mein Genre.
Geißendörfer: Das bring ich dir schon bei. Möglicherweise müsste man den Plot gemeinsam machen. Ich hätte da wirklich Spaß dran, aber dann richtig im fränkischen Dialekt, nix anderes. Also wenn Sie das Franken-Fernsehen dazu kriegen, einen fränkischen „Tatort“ zu finanzieren, dann schreiben wir den. Fitz schreibt ihn, ich helf ihm ein bissl, dass er das Genre kapiert. Das ist nicht weiter schwer: Pistole, Schuss, einer fällt tot um... (Kusz lacht sich tot).
Kusz: Wenn, dann müsste man so richtig schöne, skurrile Kriminalkommissare haben.
Geißendörfer: Ja, du beispielsweise, du wärst hervorragend. Aber der BR weiß schon, warum sie das nicht wollen. Wenn man es wirklich fränkisch macht, dann wird das in Hamburg nicht eingeschaltet.
Kusz: Na, ja, man kann das ja auch abschwächen.
Geißendörfer: Wir würden uns da schon was einfallen lassen. Es könnte zwei Kommissare geben: So einen alten Wurzelsepp, der nur fränkisch spricht (grinst in Richtung Kusz), und eine junge Kollegin, die kein Wort versteht. Auf die Weise wär der Dialekt schon umschifft, weil er immer wieder übersetzt werden muss...

Bewerbungen für den NN-Kunstpreis werden ab 1. März 2012 entgegengenommen. Die Teilnahmebedingungen finden Sie
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