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Woyzeck mit vielen Facetten

Das Theater Ansbach zeigt Georg Büchners Dramen-Fragment überzeugend - 04.02.2013 12:10 Uhr

Ansbach  - Pünktlich zum Büchner-Jahr schiebt das Theater Ansbach den „Woyzeck“ auf seine Studio-Bühne, in das „Theater hinterm Eisernen“.

Marie (Katja Schumann) und Woyzeck (Johannes Berg) in der Inszenierung von Steffen Pietsch.
Marie (Katja Schumann) und Woyzeck (Johannes Berg) in der Inszenierung von Steffen Pietsch.
Foto: Jim Albright
Marie (Katja Schumann) und Woyzeck (Johannes Berg) in der Inszenierung von Steffen Pietsch.
Marie (Katja Schumann) und Woyzeck (Johannes Berg) in der Inszenierung von Steffen Pietsch.
Foto: Jim Albright

Steffen Pietsch inszeniert das Tragödien-Bruchstück um ein Opfer, das zum Täter wird, kurz und bündig als postdramatische Parabel voll heftiger Effekte, starker Bilder und mit kontrolliertem Abstand zu vorschnellen Deutungen. Ein nüchtern pessimistisches Nachdenkstück in 65 Minuten.

Ausstatterin Ulrike Schlafmann hat ins beinahe industrielle Arbeitsambiente des „Theaters hinterm Eisernen“ eine Kreuzung eingebaut, den Marterplatz für den armen Woyzeck: Über einem quer liegenden, mit dunkler Erde gefüllten Rechteck knickt sich eine schiefe Bretterebene hoch. Im Erdbett sitzt die stille Hauptfigur der Inszenierung. Sie fasst in die Erde und lässt sie herunterrieseln, wieder und wieder. „Mensch, sei natürlich! Du bist geschaffen aus Staub, Sand, Dreck.“ Es ist nicht Woyzeck, der das sagt.


Regisseur Pietsch und Intendant Jürgen Eick als Dramaturg haben Georg Büchners nachgelassene Dramen-Szenen neu sortiert und auf sechs Figuren konzentriert. Zum humanen Zentrum wird „der Idiot Karl“. Pietsch stellt ihn Woyzeck als Beobachter, als Spiegelgestalt, als Mitleidsschatten, als sein Innerstes zur Seite. Das ist der wesentliche Einfall der Inszenierung. Um Woyzeck und Karl herum wütet die Welt wie gewohnt. Pietsch zitiert ihre Herzlosigkeit, ihre Kälte, ihre Gewalt-Routinen mit nicht minder routinierter Könnerschaft und gängigen Regie-Versatzstücken herbei. Die Figuren lässt er zwischen Realismus und absurden Überzeichnungen hin und her kippeln. Das kann bedrohlich wirken oder grimmig clownesk.

Das Ensemble agiert mit kalter Präzision: Katja Schumann als Marie, die verzweifelt Liebe sucht, Holger Stolz als Sado-Maso-Hauptmann, Christian Mark als olivgrüner Tambourmajor-Macker und Klaus Gramüller als Doktor in schwarzen Stiefeln.

Johannes Berg hat viele Woyzeck-Facetten: ein argloses Gesicht, erst wie eben mit Kernseife gewaschen und dann mit Erde verschmiert, von Angst und Dauerstress verzerrt, ausgelöscht. Kein Antreiber, ein Getriebener, ein ewig Gedemütigter. Im Innersten ist er stumm und hilflos wie Karl, der massig im langen Mantel neben dem Geschehen steht. So wie ihn Wolfgang Schmitz spielt, spiegeln sich Staunen, Entsetzen und Mitgefühl in den Kinderaugen dieses Mannes, ein Buddha mit Madonnenblick. In seinem Gesicht leuchtet eine ferne Utopie von Menschlichkeit auf. Aber dann ist er es, und nicht wie sonst Woyzeck, der Marie umbringt. „Jeder Mensch ist ein Abgrund“: Wolfgang Schmitz lässt einen in diesen Woyzeck-Satz hineinsehen.



Karten nur noch für die Aufführungen am 7. und 8. Juni unter Telefon: 0981/970400;

www.theater-ansbach.de

  

THOMAS WIRTH


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