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Bilderbuch für Anspruchsvolle
Lustige Texte zu noch lustigeren sinnfreien Fotos zu schreiben, ist gerade en vogue. Die Bildlegende jedoch zu einer Kunstform zu erheben, das ist schon einen Schritt weitergedacht. Max Goldt, mehrfach ausgezeichneter Schriftsteller und Autor für verschiedene Zeitungen und Magazine, schafft diesen Sprung mühelos. Was würde uns beim Betrachten des Klingelschilds eines Mehrfamilienhauses einfallen? Wenig. Vielleicht würden wir darüber räsonieren, warum dieser Name mit Bleistift und jener ordentlich gedruckt ist. Oder wir würden die Bewohner aus dem 8. Stock um ihren Ausblick beneiden. Max Goldt hingegen denkt sich eine sehr hübsche, sehr skurrile Geschichte zu den Mietern aus. Es scheint, als lebten tatsächlich hinter grauen Mietshausmauern Kim Wilde, Stargeiger Helmut Zacharias und Handballprofi Stefan Kretzschmar zusammen. "Gattin aus Holzabfällen" (Rowohlt Berlin, 18,95 Euro) heißt dieses wunderbare Bilderbuch, Goldts erstes, das jedem, der vergilbte, auf den ersten Blick völlig belanglose Fotos vergnüglich findet, nur ans Herz gelegt werden kann. Goldt erfindet kleine, feine Texte zu Fotos, die in jedem Familienalbum nur noch Kopfschütteln hervorrufen würden. Etwa Papas Hintern von hinten auf einem viel zu kleinen Klappstuhl. Oder das Foto, das einen im Patchworkmuster gehaltenen Boden zeigt, im Hintergrund sieht man eine Frau stehen. Dazu fällt einem eigentlich gar nichts mehr ein. Max Goldt schon.
Elvis lebt, das steht fest. Es geht also skurril auf der Bücherliste weiter. Aber zu Beginn noch eine Anmerkung zum Buch selbst. Es ist unverschämt quietschfarben, schimmert Pink-Perlmutt und ist mit silberner Schrift bedruckt. Kann man so etwas unbehelligt in der U-Bahn lesen? "Mein innerer Elvis" (Schöffling & Co., 17,95 Euro) heißt der neue Roman von Jana Scheerer und verweist schon mit seiner grellen, kitschigen Aufmachung auf den, um den es geht: Elvis Presley. Er ist das Idol der dicken, fast 16-jährigen Antje, die für ihre Schwärmerei von Eltern und Freunden verlacht wird. Bei einem Urlaub in den USA wittert sie ihre Chance, Elvis nah zu kommen und ihn in Graceland zu treffen. Denn sie glaubt fest, dass er ihr etwas Wichtiges zu sagen hat. Und so nimmt sie Reißaus. Scheerers Familienroman ist auch ein Roadmovie, wunderbar verrückt und urkomisch zugleich. Die Figuren sind ganz schön plemplem, wie du und ich bisweilen auch. Und ganz nebenbei tritt Scheerer dem beflissenen Bildungsbürgertum kräftig eins vors Schienbein. Ob Antje Elvis am Ende wirklich trifft - wir verratens nicht!
Bleiben wir bei den Absurditäten, die die Bücherwelt zu bieten hat. Leonie Swann hat ihren zweiten Schaf-Thriller vorgelegt. "Garou" (Goldmann, 19,95 Euro) umfasst immerhin 414 Seiten und viele, viele Schafe. Mit Schäfchenzählen hat "Garou" jedoch nichts gemein. Wie bereits im ersten Thriller ermittelt die Schafherde von Glennkill - nun aber gemeinsam mit ihrer neuen Schäferin Rebecca. Unheimlich ist es in Frankreich, wo die Schafe im Schatten eines abgelegenen Schlosses Winterquartier bezogen haben. Plötzlich liegt ein Toter am Waldrand, und dann scheint es auch noch einen Loup Garou, einen Werwolf zu geben. Oder ist doch alles nur ein Hirngespinst? Wer dachte, Schafe könnten nur blöken und hätten wenig Ahnung vom Leben, der irrt. Und wer schon immer mal wissen wollte, was ein Schaf denkt, der ist bei "Garou" genau richtig. Miss Maple ist wohl das klügste Schaf von allen und kombiniert schärfer als Sherlock Holmes. Mopple the Whale hingegen hat ein unglaubliches Gedächtnis. Nun heißt es nur aufpassen und nicht durcheinanderkommen bei all den wolligen Protagonisten, denn jede Menge Ziegen mit komplizierten Namen mischen ebenfalls noch mit. Aber dafür sind ja alle Personen, pardon: Tiere, am Anfang des Buches aufgelistet.
Vielleicht das schönste Buch in dieser kleinen Empfehlungsliste. Katharina Hackers neuer Roman "Die Erdbeeren von Antons Mutter" (S. Fischer Verlag, 17,95 Euro) ist keine abwegige Geschichte. Vielmehr eine aufwühlende, melancholische Erzählung, fast schon novellenartig, ob ihrer Kürze, in der eines im Mittelpunkt steht: die fortschreitende Demenzerkrankung von Antons Mutter. Jahrelang hatte sie ihrem Sohn - Arzt in Berlin-Kreuzberg - aus der Provinz selbstgemachte Erdbeermarmelade geschickt. Doch in diesem Jahr hat sie sogar vergessen, die Früchte zu pflanzen. Und so ist man mittendrin, in einer Welt voller sonderbarer Begebenheiten. Die Idylle, in der Anton bislang zu leben schien, mit gutem Einkommen, einem kleinen, sympathischen Freundeskreis, scheint dahin. Nicht nur, weil die Mutter nicht mehr die alte gutmütige Frau ist. Auch, weil sich mit Antons Kennenlernen von Lydia eine Bedrohung in das Leben einschleicht, die alles Gewesene in Frage stellt.

Bewerbungen für den NN-Kunstpreis werden ab 1. März 2012 entgegengenommen. Die Teilnahmebedingungen finden Sie
hier.