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Muße für die Haut

27.04. 13:46 Uhr

Stress verursacht Juckreiz und verstärkt Neurodermitis und Schuppenflechte. Haut und Seele hängen eng zusammen: Wenn wir uns schämen, werden wir rot. Wenn wir erschrecken, werden wir blass. Wenn wir aufgeregt sind, werden unsere Hände feucht.

Bloß nicht kratzen, sondern lieber für Entspannung sorgen: Ruhe und Bewegung an der frischen Luft sind gut für die Haut.
Bloß nicht kratzen, sondern lieber für Entspannung sorgen: Ruhe und Bewegung an der frischen Luft sind gut für die Haut.
Foto: photocase.com

Auch Stress kann auf die Haut einwirken: Er schwächt das Immunsystem und die Haut wird anfälliger für chronische und akute Krankheiten..

Eine ganze Reihe von Hautproblemen können so verstärkt oder sogar verursacht werden, erklärt Kurt Seikowski, Psychologe an der Klinik für Dermatologie des Uni-Klinikums Leipzig und Mitglied des Arbeitskreises Psychosomatische Dermatologie. Stress sei ein wichtiger Faktor bei vererbten Krankheiten wie Schuppenflechte und Neurodermitis.

Die durch juckende Quaddeln gekennzeichnete Urtikaria oder Nesselsucht sei zu 80 Prozent psychisch bedingt. Ebenso gibt es stressbedingten Juckreiz, oft bei sehr trockener Haut, der auch ganz ohne Ausschlag auftreten kann. Häufig treten stressbedingte Hautprobleme bei Menschen über 40 auf, die nicht einsehen wollen, dass ihre Leistungsfähigkeit abnimmt. „Sie überfordern sich und es kommt zu einem Entspannungsdefizit“, erklärt Seikowski. Dass Hautprobleme sich auf die Psyche auswirken, ist schon lange bekannt: Die Deutsche Dermatologische Gesellschaft hat herausgefunden, dass schwere Erkrankungsformen, die Patienten mit ständigem Juckreiz oder entstellendem Ausschlag quälen, die Lebensqualität ähnlich einschränken wie Herzkrankheiten oder Diabetes. Dass umgekehrt psychische Probleme sprichwörtlich unter die Haut gehen können, wurde jedoch lange wenig beachtet.



„Heute ist das alte Vorurteil – hier ist etwas zu sehen, also kann es nicht psychisch sein – vom Tisch“, sagt Seikowski. Jüngere Hautärzte seien sehr offen für psychosomatische Zusammenhänge. Allerdings hätten gerade die niedergelassenen Mediziner wenig Zeit, den psychischen Problemen eines Patienten nachzugehen. „Ein guter Hautarzt schickt den Patienten aber weiter zum Psychologen oder Psychotherapeuten.“

Oft könne man mit relativ einfachen Mitteln helfen: „Wenn die Hautprobleme auf reine Entspannungsdefizite zurückgehen, aber keine psychischen Defizite vorliegen, wirken zum Beispiel Autogenes Training und Progressive Muskelentspannung sehr gut“, sagt Kurt Seikowski. An der Universitäts-Hautklinik Heidelberg hat man die positiven Effekte von Entspannungstechniken schon lange erkannt. Seit 13 Jahren gibt es dort die „Balsam-Gruppe“, ein stationäres Angebot für Patienten. „Besonderes Augenmerk legen wir auf psychologische und psychosoziale Komponenten“, sagt Katharina Wettich-Hauser, Krankenschwester und Koordinatorin der Gruppe. Die Kursleiter bringen den Patienten Atemübungen, Progressive Muskelentspannung, Autogenes Training und Qi Gong bei oder üben mit ihnen imaginäre Fantasiereisen.

Genutzt wird das Angebot vor allem von Patienten mit Schuppenflechte und Neurodermitis, erzählt Wettich-Hauser, seltener auch von Patienten mit Hand- oder Fußexzemen, vereinzelt von frisch Operierten. „Ein ganz großer Anteil von ihnen leidet unter Stress.“

In Gesprächen nach den Entspannungsstunden würden die Probleme konkret angesprochen: Überlastung im Job oder Streit in der Familie. Auch einen Walking-Kurs hat die „Balsam-Gruppe“ im Programm, denn Bewegung an der frischen Luft hilft den Patienten sehr, sowohl psychisch als auch körperlich.

Allerdings heilen bestimmte Hauterkrankungen auch mit Expertenhilfe nicht immer völlig aus. „Vererbte Leiden wie Neurodermitis oder Psoriasis kann man nur lindern. Sie treten dann seltener oder weniger intensiv auf“, sagt Psychologe Seikowski. Juckreiz oder Urtikaria könnten indes durchaus für immer verschwinden. Im Rahmen einer Studie bestätigten die Patienten aus der Heidelberger „Balsam-Gruppe“, dass sich ihr Stressempfinden und ihr Stressmanagement deutlich verbessert hätte. „Der Juckreiz geht zurück, der Schlaf wird besser und auch das Selbstbewusstsein im Umgang mit der Krankheit steigt“, erzählt die Koordinatorin. Voraussetzung ist natürlich, dass ein Patient offen dafür ist, seiner Krankheit nicht nur mit konventionellen Mitteln zu begegnen.

Wichtig für den Heilungsverlauf ist, dass die Patienten die Entspannungstechniken auch nach Abklingen der Beschwerden fortführen. „Autogenes Training sollte man ein Leben lang machen“, sagt Kurt Seikowski, „denn wenn man aufhört, kommen die Beschwerden meistens wieder.“ 





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