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Das Verkümmern des Kauapparates ist nicht die einzige Veränderung, die der menschliche Körper in den letzten Jahrtausenden durchgemacht hat. „Unsere Vorfahren konnten noch vor 7000 Jahren zwar Rindfleisch essen, aber keine Kuhmilch trinken“, erklärt der Paläogenetiker Joachim Burger von der Universität Mainz. Doch dann entwickelte sich in Europa die Landwirtschaft mit Rinderhaltung. So setzte sich ein Gendefekt durch, mit dessen Hilfe Homo sapiens fortan Milch verdauen konnte. Wegen dieser Mutation haben die meisten Europäisch-Stämmigen keine Probleme mit Milch, während in Afrika 80 bis 100 Prozent an Laktoseunverträglichkeit leiden.
Dafür haben wir in Europa und Nordamerika wohl bald immer mehr orthopädische Probleme. Christopher Ruff von der School of Medicine in Baltimore hat 100 fossile Beinknochenfunde aus den vergangenen zwei Millionen Jahren der Menschheitsgeschichte geröntgt und dabei herausgefunden, dass mit dem Beginn der Zivilisation ein Knochenabbau eingesetzt hat. „In den letzten 4000 Jahren reduzierte sich die Knochenstärke um 15 Prozent – das ist ungefähr der gleiche Wert, für den vorher fast zwei Millionen Jahre benötigt wurden“, so Ruff.
Der Mensch ist also im evolutionären Schnelldurchlauf immer graziler geworden – allerdings nur vom Skelett her betrachtet. Denn die dünneren Knochen müssen mehr Fett tragen als früher, und da sind gesundheitliche Probleme wie Arthritis und Arthrose vorprogrammiert.
Mysteriös ist, dass uns derzeit eine neue Schlagader im Arm wächst, nämlich die Arteria mediana. Im embryonalen Stadium findet man sie noch in jedem Menschen, doch nach der Geburt bildet sie sich meist zurück. Der Humanbiologe Maciej Henneberg von der australischen University of Adelaide hat nun entdeckt, dass zu Beginn des 20. Jahrhunderts zehn Prozent der Menschen die Arteria mediana in ihrem Arm hatten, knapp ein Jahrhundert später waren es schon 30 Prozent. Offenbar ist es aus evolutionärer Sicht sinnvoll, den durch Handwerk oder Arbeit an der PC-Tastatur stark belasteten Fingern eine zusätzliche Blutversorgung zu gönnen. Doch diese Entwicklung hat auch Nachteile: Im Arm müssen so sehr viele Nerven- und Blutbahnen auf engstem Raum klar kommen – eine zusätzliche Arterie kann da zu Beschwerden führen.
Die Zivilisation hat auch unseren Hormoncocktail durcheinandergeschüttelt. In der Steinzeit waren Frauen einen Großteil ihres Lebens schwanger oder stillend, was sich deutlich auf ihren Östrogenlevel niederschlug. Heute haben sie – zumindest in unseren Breiten – weniger Kinder, und wenn, dann stillen sie kürzer oder gar nicht. Und sie verhüten oft per Anti-Baby-Pille. Sie sind also viel größeren Östrogenmengen ausgesetzt. Das ist eine der Hauptursachen dafür, dass derzeit jede achte Frau in ihrem Leben an Brustkrebs erkrankt.
Evolutionsbiologen denken auch darüber nach, wie der Mensch der Zukunft aussieht. Vermutlich werden die Frauen kaum noch Brüste (wegen des Krebsrisikos viel zu gefährlich) und die Männer immer weniger Muskeln (braucht man am Schreibtisch kaum noch) haben. Die Beine werden immer kürzer und die Kiefer immer mickriger.
Möglicherweise wird alles ganz anders. Denn Hauptantriebsmotor der Evolution ist die ziellose Mutation im Erbgut – und dabei kann so ziemlich alles herauskommen.

Bewerbungen für den NN-Kunstpreis werden ab 1. März 2012 entgegengenommen. Die Teilnahmebedingungen finden Sie
hier.