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Ich bin so schön , ich bin so toll, ich bin der Anton aus Tirol...

Wenn sich Lieder als Endlos-Schleife im Kopf festkrallen: Wie entsteht eigentlich ein Ohrwurm - und wie wird man ihn wieder los? - 08.12.2007

Spässla g’macht: Man nehme ein Ohr, einen bunten «Wurrli»-Weingummiwurm und das Ganze ergibt dann einen . . . Montage: Frank Klimmeck

Spässla g’macht: Man nehme ein Ohr, einen bunten «Wurrli»-Weingummiwurm und das Ganze ergibt dann einen . . . Montage: Frank Klimmeck


Die Diagnose ist eindeutig: Hier treiben Ohrwürmer ihr Unwesen. Aber was steckt dahinter, wenn einen ein Song verfolgt? Das Phänomen ist schwierig zu erforschen, denn wie will man etwas untersuchen, von dem man nicht sagen kann, wann es auftaucht? Schließlich tauchen Ohrwürmer nicht auf Kommando auf.

Axel-Achim Lorenz, Direktor des Musikinstituts Lorenz in Nürnberg, erzählt, dass bestimmte Lieder in seinem Musikgeschäft öfter nachgefragt werden als andere: «Die ganzen spanischen Sommerhits gehen besonders gut. Und DJ Ötzi. Das sind alles Stücke mit Ohrwurmcharakter.»

Aber was ist «Ohrwurmcharakter»? Lorenz beschreibt das so: «Wenn sich ein Lied gleich zum Mitsingen eignet und eingängig ist, dann hat es Ohrwurm-Potenzial». Man brauche nur Leute beobachten, die mit Kopfhörern durch die Stadt gehen: Manche singen oder summen mit. Jemanden so mitzunehmen, schafft nicht jeder Song. Auch in der Musikschule von Axel-Achim Lorenz wünschen sich die Schüler Ohrwürmer. «Sie haben dann einfach mehr Freude am Üben», sagt er.

Rhythmisch unkompliziert

Alle Ohrwürmer haben eine ähnliche Struktur: «Sie haben eine einfache Melodie, ein bequemes Tempo, eine angenehme Singhöhe und sind rhythmisch unkompliziert», sagt der Neurophysiologe Professor Eckart Altenmüller. Der Direktor des Instituts für Musikphysiologie und Musikermedizin an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover hat sich eingehend mit Ohrwürmern beschäftigt. Dazu hat er eine Reihe Menschen nach ihren Ohrwurmerfahrungen befragt: «Ohrwürmer sind sehr individuell. Es ist in der Studie kein Lied zweimal genannt worden.»

Im Gehirn gibt es ein Melodiengedächtnis, das sich eingängige Lieder merkt. Besonders anfällig für Ohrwürmer ist jemand, der besonders entspannt oder müde ist, sagt Altenmüller. Etwa ein Schüler, der gerade eine schwierige Prüfung hinter sich gebracht hat. Dann kann sich ein gerade zufällig aufgeschnapptes Lied spielend ins Melodiengedächtnis einprägen oder aus diesem «abgespielt» werden.

Egal, ob «Aufnehmen» oder «Abspielen»: Der Ohrwurm schlägt immer in Situationen zu, in denen das Gehirn einfach nichts Besseres zu tun hat. Eine tiefere Psychologie steckt jedenfalls nicht hinter den musikalischen Würmern, ist sich Altenmüller sicher. Das Unterbewusstsein schickt also keine tiefgründige Botschaft, wenn einen «Anton aus Tirol» nicht mehr loslässt. (Irgendwie beruhigend!)

Pop- oder Techno-Wurm?

Ein Ohrwurm ist höchstens die Bitte des Gehirns um mehr Beschäftigung. Auch die Theorie, dass nur die Lieder zum Ohrwurm werden, die man nicht mag, lässt sich nicht beweisen. «Meist sind Ohrwürmer sogar Lieder, die man sehr gerne hört. Bis sie einen irgendwann nerven», weiß Eckart Altenmüller.

Einen Song gern und viel zu hören, ist die beste Voraussetzung für einen Ohrwurm. Einmal hören reicht meist nicht. Aber zum Glück beschallen Radio und Musikfernsehen uns ja pausenlos mit den aktuellsten Titeln. «Wir haben das schon in gewisser Weise in der Hand», sagt Alex Hajek, der Programmdirektor von Radio Energy in Nürnberg.

«Das Radio kann Hits machen, einfach indem es einen Song in die Herzen der Hörer spielt.» An das Züchten von Ohrwürmern denkt dabei natürlich keiner. Ein Hit muss ja auch nicht zwangsläufig ein Ohrwurm werden. «Aber so was wie ‚Vayamos Companeros’ hat doch jeder mitgepfiffen», meint Hajek.

Auch in der Techno-Musik kann es Ohrwürmer geben, bestätigt Tobias Koch alias DJ Romanto. «Die Sounds und Melodien sind oft sehr eingängig. Das ist es auch, was ein Stück irgendwann zum Hit macht.» Als DJ Romanto produziert er allerdings selten welche. «Man spielt nichts mehr so lange. Fast jede Woche gibt es neues Musikmaterial, da bleibt nicht so viel hängen.»

Ein persönlicher Ohrwurm fällt dem DJ spontan nicht ein, aber an ein Rezept den Plagegeist wieder loszuwerden: «Man muss das Lied zu Ende singen. Egal ob laut oder im Kopf. Am Ende ist man es los.»

Alternativ lässt sich der Ohrwurm auch mit einem anderen Lied bekämpfen, sagt Alex Hajek. Aber Vorsicht: «Das kann nach hinten losgehen», warnt der Energy-Programm-Macher: Vielleicht geht einem dann das andere Lied nicht mehr aus dem Kopf . . . NICOLE FORSTNER 

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