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Schon die zweite Dienstreise als Trainer des 1.FC Nürnberg führte Dieter Hecking dahin zurück, woher er ins Fränkische gekommen war, nach Hannover. Am 30. Januar 2010 trafen sich zwei Abstiegskandidaten im Niedersachsenstadion, Nürnberg gewann dank dreier Tore von Albert Bunjaku mit 3:1 gegen Hannover 96 und rückte, als Tabellenvorletzter, bis auf einen Punkt an 96 heran.
Für Hecking war es der erste Sieg als Nürnbergs Trainer, für den Club der erste Schritt zur Rettung. Am Ende der Saison stand Rang 15 für Hannover und Rang 16 für Nürnberg; ein Jahr später waren beide Vereine weit oben notiert: Hannover feierte mit Rang vier das beste Resultat seiner Bundesliga-Historie, Nürnberg wurde überraschend Sechster. Am Freitag, fast auf den Tag genau zwei Jahre nach dem Treffen in der Zittersaison, sieht man sich wieder. Hannover ist mit 24 Punkten Siebter, Nürnberg mit nur drei Punkten weniger Zwölfter.
Es sieht nach einer Begegnung zweier sehr verwandter Klubs aus, ganz falsch ist der Eindruck auch nicht. Beide Städte sind etwa gleich groß, beide Fußballvereine haben vor Jahrzehnten Meistertitel gewonnen und feierten ihre größten Erfolge vor der Bundesliga-Gründung. Beide spielten – sogar im selben Jahr, 1996/97 – zwischendurch aber nur drittklassig. Nürnberg kehrte rasanter zurück aus der Regionalliga, fiel aber wiederholt tief, weshalb es einen ganz entscheidenden Unterschied gibt: Hannover 96 spielt jetzt seine zehnte Bundesligasaison hintereinander, der 1.FC Nürnberg seine dritte – entsprechend sind die sportlichen und finanziellen Ressourcen verteilt.
Die Unterschiede sind auf den ersten Blick nicht groß, es sind immer nur Nuancen im Tabellenbild. Sportlich trennte beide Mannschaften meistens wenig, aber Hannover hat sich mit seiner kontinuierlichen Bundesligazugehörigkeit mehr Substanz erarbeitet. Als Nürnberg nach dem Abstieg 2008 vor dem nächsten Neuanfang stand, konnte sich Hannover erstmals Transferausgaben von sechseinhalb Millionen Euro leisten.
Dass sich die Niedersachsen im Oberhaus etablieren konnten, ist auch ein Verdienst von Dieter Hecking. Von September 2006 bis August 2009 half er als erfolgreicher Trainer entscheidend mit, seinen Heimatklub auf ein Niveau zu führen, das Nürnberg erst noch erreichen muss. „96 ist sehr gut positioniert“, sagt Hecking vor dem Wiedersehen, „sie haben eine Klassesaison hinter und den nächsten Schritt vor sich“ – mit Europacupspielen als neuer Erfahrung, womit, wie Hecking meint, auch die Erwartungshaltung steige: „Und das ist dann der Spagat, unter dieser Belastung noch stabiler zu werden – den Ehrgeiz haben sie.“
„Wenn es diesmal nicht so gut läuft“, sagt Hecking auch, „werden sie Zehnter“ – es ist ein Satz, den er, eines Tages, vielleicht ganz gerne auch über den 1.FC Nürnberg sagen würde. Diesen Ehrgeiz hat der Trainer selbstverständlich, in der sportlichen Entwicklung hat Nürnberg mit Hecking – wie schon 2006 und 2007 mit Hans Meyer – seine finanziellen Voraussetzungen sogar schon überholt. Aber das Fundament reicht noch nicht aus, um ohne Substanzverluste einfach darauf aufzubauen.
Man nimmt immer nur einen Teil des Erarbeiteten mit in die nächste Spielzeit. Mit Ilkay Gündogan verließ der beste Spieler den Club, im kommenden Sommer nimmt Philipp Wollscheid Abschied. Begabte Sportler wollen sich auf immer höherem Niveau beweisen, das ist der Wettbewerb. Und wenn, wie jetzt während der laufenden Transferperiode, Profis wie die Wolfsburger Lakic und Helmes oder Hoffenheims Ibisevic zum Marktplatz ziehen, muss Nürnberg nicht mitbieten. „Natürlich wären das auch für mich vielleicht interessante Spieler“, sagt Dieter Hecking, „aber dafür reichen die finanziellen Voraussetzungen nicht.“
Mit enormem sportlichen Aufwand machen Vereine wie Nürnberg – oder auf höherem Niveau Hannover 96 – vergleichsweise kleine Fortschritte und müssen dabei mehr und mehr gegen Konkurrenten bestehen, hinter denen Weltkonzerne stehen. „Schwer zu vermitteln“ sei das der Fangemeinde manchmal, „und wir wollen ja alle mehr erreichen – meine Arbeit ist es, das unter den Gegebenheiten Schritt für Schritt zu tun“, sagt Hecking; die Vorgaben vom Verein seien klar und offen. Vedad Ibisevic zum Beispiel geht wohl zum VfB Stuttgart, der die abgelaufene Saison weit hinter Nürnberg abschloss und aktuell nur um einen Punkt besser notiert ist – aber seit 34 Jahren Erstligist.
Ob es frustrierend sein kann, immer wieder an Grenzen zu stoßen? Dieter Hecking lächelt. Nein, sagt er – das Aufbauwerk bereite ihm Freude, in der Infrastruktur und im Nachwuchsbereich habe der 1.FC Nürnberg zum Beispiel Hannover sogar schon überholt, und es gebe neben den finanzstark aufgestellten Branchenführern auch Vereine wie den strukturell näher mit Nürnberg verwandten SV Werder Bremen. „Dort“, sagt Hecking, „sind sie jahrelang diesen Weg gegangen“, auch am Mönchengladbacher Wiederaufbau könne man sich ein wenig orientieren.
Die Voraussetzungen dafür haben sich während der Nürnberger Konsolidierungsjahre erheblich verbessert, Nürnbergs Nachwuchsförderung hat sogar ein wenig Furore gemacht. Aber es bleibt ein Weg der vielen kleinen Schritte. Übermorgen steht der nächste fußballerische Vergleich mit Hannover an. Erfahrener sei das Team von 96, sagt Hecking, reifer, aufgestellt um eine gute Achse, „mit einem Jan Schlaudraff, der seine beste Saison spielt“. Schlaudraff kam für zwei Millionen Euro vom FC Bayern München. Aber das alles lässt sich wettmachen, hofft Dieter Hecking – in neunzig Minuten auf einem Fußballplatz ohnehin immer. Und jedes Spiel ist ein kleiner Baustein für das Fundament.

Mo. 21.05.12
Fr. 18.05.12
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