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Im Winterurlaub muss man nicht verreisen, um etwas Aufregendes zu erleben. Man kann auch einfach zum Tätowierer seines Vertrauens fahren, wie Alexander Esswein zwei Tage vor Weihnachten. In Frankenthal nahe seiner Heimatstadt Worms müssen die Nadeln geglüht haben; zwölf Stunden, erzählt Esswein stolz, habe er sich diverse Motive und Sprüche in die Haut stechen lassen. Auf seinem linken Arm ist neuerdings kein Platz mehr, auf seinem rechten auch nicht mehr viel.
Es gefalle ihm einfach, sagt Esswein, der, das sei angemerkt, noch andere Hobbys hat. Und einen Beruf, der ihn zu einer kleinen regionalen Berühmtheit werden ließ in den vergangenen Monaten. Fußball-Profi ist er, in Nürnberg. Wo er in der Vorrunde dank seiner Schnelligkeit eine ganze Reihe spektakulärer Aktionen hatte, an die man sich noch länger erinnern wird.
Nett anzuschauen ist sein oft rasantes Spiel, ohne Zweifel. Wenn er sich per Hacke den Ball vorlegt oder elegant mit der Sohle streichelt, das sieht schon klasse aus. Nur bringt es der Mannschaft nicht viel. Hoher Aufwand, fast kein Ertrag. In 16 Bundesliga-Einsätzen für den Club schaffte Esswein genau ein Tor (gegen Augsburg) und null Torvorlagen, zudem traf er beim Pokalspiel in Aue. Eine ziemlich magere Bilanz, findet auch sein Trainer. „Unter dem Strich“, sagt Dieter Hecking, „kommt zu wenig dabei heraus.“
Schon richtig, entgegnet Esswein, 2010/2011 „Spieler des Jahres“ bei Dynamo Dresden und in der 3. Liga, „ich weiß, dass ich mehr kann“. Probleme kriegt er normalerweise, wenn es erst richtig interessant wird. Wenn er seinem Bewacher davongelaufen ist und sich dem Strafraum oder der Grundlinie nähert. „Ich war oft durch und hab’ dann die falsche Entscheidung getroffen“, gibt er zu, „dafür muss ich mehr Gefühl entwickeln.“
Und er ist ja noch jung, erst 21, das könnte schon etwas werden mit ihm. Talent hat er jedenfalls für zwei. Trotz seines bulligen Körpers wirkt Esswein leichtfüßig, ihm zuzuschauen macht häufig Spaß. Wie neulich im EM-Qualifikationsspiel des deutschen U21-Teams in Weißrussland, als Esswein ein Weltklasse-Tor gelungen war. Ballannahme, Ballmitnahme und Abschluss in höchstem Tempo. Das können nicht viele. Er schon.
Irgendwann, erzählt Esswein, „habe ich gemerkt, dass ich an jedem vorbeikomme“. Selbst Dennis Diekmeier, eigentlich bekannt für seine explosiven Antritte, ließ er neulich ein paar Mal stehen auf seiner rechten Seite, ging fast nach Belieben innen und außen vorbei, in Hamburg kamen außerdem Essweins Flanken. „Komplett zufrieden“ war sein Chef an jenem Sonntagabend mit ihm. Was sonst eher selten der Fall ist.
Esswein gelobt Besserung, bereits in der nahen Rückrunde will er dies auch beweisen. Seine Kritiker überzeugen. Möglicherweise künftig des öfteren als zweite Spitze neben Tomas Pekhart, da Trainer Hecking, wie berichtet, über eine Systemumstellung nachdenkt. Esswein nicht. Links? Rechts? Ganz vorn? Ist ihm wurscht. Esswein redet so, wie er manchmal Fußball spielt: Einfach drauf los, ohne viel nachzudenken.
So auch am Dienstag im Testspiel gegen De Graafschap. Esswein war eigentlich gut drin in der Partie, bis er sich zu einer albernen Tätlichkeit hinreißen ließ. Der Schiedsrichter hatte seinen Kopfstoß nicht gesehen, sonst wäre der Nürnberger vom Platz geflogen. Hecking schon. Und wechselte ihn aus. „So etwas geht nicht“, mault der Trainer am nächsten Tag, nachdem er ihn sich vorgeknöpft hatte. Ein Fußballer zwischen Genialität und Wahnsinn. „Alex kann den Unterschied ausmachen“, sagt Hecking, „seine Dynamik ist eine Waffe“ — nur dürfe er sich in seiner Entwicklung „nicht selbst im Weg stehen“. Wonach es derzeit stark aussieht, weil Esswein auch nicht gerne mit den anderen verteidigt. Hecking glaubt dennoch an ihn. „Das sind Sachen, die der Junge noch lernen wird.“
Und wer weiß, vielleicht lässt sich Esswein ja eines Tages auch das Club-Emblem eintätowieren. Auf seinem breiten Kreuz soll es noch ein paar freie Stellen geben.

Mo. 21.05.12
Fr. 18.05.12
Fr. 18.05.12