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Bader: "Der Club ist ein sehr attraktiver Verein"

Der Sportvorstand über das neue Trainerduo und den besonderen Reiz des 1.FC Nürnberg - 03.01.2013 06:59 Uhr

NÜRNBERG  - Seit neun Jahren und zwei Tagen arbeitet Martin Bader, 44 Jahre alt, für den 1.FC Nürnberg. Der Jahreswechsel bescherte dem Sportvorstand keine besinnlichen Stunden. Ein Gespräch mit Martin Bader über die neuen Trainer, über den Reiz des 1.FC Nürnberg – und über wohliges Gruseln im Club.

Nürnbergs Sportdirektor Martin Bader vertraut einem Trainerduo.
Nürnbergs Sportdirektor Martin Bader vertraut einem Trainerduo.
Foto: Daniel Karmann (dpa)
Nürnbergs Sportdirektor Martin Bader vertraut einem Trainerduo.
Nürnbergs Sportdirektor Martin Bader vertraut einem Trainerduo.
Foto: Daniel Karmann (dpa)

Herr Bader, lange nichts gehört nachdem wir Weihnachten mehr oder weniger beide mit dem Club verbracht haben ...

Bader: Jetzt, da Sie es sagen ... Silvester musste es dann aber nicht auch noch sein, oder? Auf jeden Fall noch ein gutes neues Jahr!

Danke, Ihnen natürlich auch. Es liegen, nach dem jähen Abschied von Dieter Hecking zwei Tage vor Heiligabend, ein paar besondere Tage hinter Ihnen. Der Trainer sagte, es habe zwei schlaflose Nächte gebraucht bis zu seiner Entscheidung für den VfL Wolfsburg. Wie viele schlaflose Nächte hatten Sie danach?

Bader: Schlaflose Nächte – nein, das wäre übertrieben. Natürlich nimmt man so eine Geschichte auch über die Feiertage mit nach Hause, die Frage, was für den Club das Beste ist, hat dabei nicht nur mich beschäftigt, darüber habe ich mich mit vielen Verantwortlichen – im Nachwuchsleistungszentrum, im Aufsichtsrat – unterhalten. Ich habe mit unseren Führungsspielern gesprochen – und mit den Spielern, die für die neue Saison für uns interessant sind. Unsere Transferpläne sollen schließlich nicht zu Trainer-lastig sein. Als die Entscheidung in der Trainerfrage gefallen war, waren wir uns alle einig, dass wir Michael Wiesinger die bestmöglichen Einstiegschancen geben.

Dem Trainer helfen: Ist das bei einem jungen Mann ohne Bundesliga-Erfahrung als Trainer wie Michael Wiesinger anders als bei Routiniers wie Hans Meyer oder Dieter Hecking?


Bader: Meyer und Hecking haben viel mehr Informationen über den Verein gebraucht. Michael war hier in alles eingebunden, er kennt die Problemfelder, die Stärken und Schwächen. Natürlich hat er mich zum Beispiel gefragt, wie er die Zusammenarbeit mit Armin Reutershahn angehen soll oder was ihn in der Öffentlichkeitsarbeit erwartet, und natürlich habe ich ihm meine Einschätzung der Mannschaft mitgeteilt.

Ein schönes Stichwort. Die Mannschaft hat einerseits einen guten Charakter, ist aber andererseits auch nicht leicht zu führen. Eher ein bisschen reizbar, anfällig für Störungen im Betriebsklima, oder?

Bader: Das sehe ich etwas anders. Charakterlich ist die Mannschaft einwandfrei. Nach dem 1:4 in Hannover war einiges kaputt gegangen, aber das Team hat in einer schwierigen Phase eine Reaktion gezeigt und die wichtigen Spiele gewonnen – das ist eine Charaktereigenschaft. Es gibt intakte Hierarchien, die aber nicht in Granit gemeißelt sind – und wir haben einfach mehr Druck von der Bank. Bisher hatten wir zwölf, dreizehn Stammspieler, ein oder zwei Nachrücker, aber dahinter fünf oder sechs Spieler, die wussten, dass sie nur im Notfall dabei sind. Das ist heute anders. Wer bei uns auf der Bank sitzt, hat ein anderes Selbstverständnis und andere Möglichkeiten – damit schafft man Härtefälle, aber es ist ein gewolltes Problem, weil es um Qualität geht. Die Mannschaft regelt vieles selbst, manchmal musste ich mithelfen und Dieter Hecking den Rücken freihalten, da gab es nie Schlupflöcher für unzufriedene Profis. Jetzt kann und soll Michael Wiesinger neue Ideen einbringen, neue Anreize setzen.

Sie wissen, welche Frage jetzt folgt?

Bader: Wahrscheinlich die, die man Ihnen als Journalist bestimmt auch jeden Tag stellt?

Genau.

Bader: Also die Vorbehalte, ob Wiesinger hart genug ist, laut genug, ob er nicht zu anständig sei. Aber er muss doch nicht wie ein Rumpelstilzchen herumhüpfen und braucht keine Effekte. Wir haben diese Lösung nicht gewählt, weil uns nichts Besseres eingefallen ist, sondern weil wir Michael Wiesinger und Armin Reutershahn als gute Trainer kennen, denen wir die Aufgabe absolut zutrauen. Ich werbe da im Umfeld gerne für Vertrauen, dafür, ihnen eine faire Chance zu geben. Was sagen Sie denn, wenn Sie gefragt werden?

Nichts. Oder eben, dass man nie sicher wissen kann, ob etwas funktioniert.

Bader: Sicher wissen kann man das nie, es sind auch schon viele gestandene Trainer gescheitert. Aber wir haben die Entscheidung sehr genau geprüft und sind fest von ihr überzeugt.

Sie sind jetzt neun Jahre hier; von fünf Trainern, die mit Ihnen gearbeitet haben, waren drei – Wolfgang Wolf, Hans Meyer, Dieter Hecking – lange im Amt. Vermutlich wünschen Sie sich das jetzt wieder?

Bader: Ja, selbstverständlich. Sonst hätten wir jemanden geholt, der uns bis zum Sommer rettet. Aber so ist die Situation nicht – es geht ja nicht darum, etwas zu retten, der Verein ist in einer stabilen Lage. Unser Trainer-Duo arbeitet nicht auf Probe, es ist keine Interimslösung, es sind die Trainer, die wir für die besten halten – ich würde mir wünschen, wir könnten in Mai darüber reden, die Verträge zu verlängern.

Gab es denn, nach Herrn Heckings Abschied, viele Bewerber von außen?

Bader: Ja. Wir haben beide Fälle erlebt: dass wir am Boden lagen oder, wie jetzt, ein ordentliches Fundament zu bieten haben. Da sieht man schon einen Unterschied. Heute sind wir viel interessanter als vor drei Jahren, es haben sich einige Trainer ins Gespräch gebracht. Die rufen natürlich nicht selbst an, aber positionieren sich. Darunter waren namhafte Männer aus dem Ausland, ich war selbst ein wenig erstaunt.

Der Club ist attraktiver geworden?

Bader: Offensichtlich. Man kann hier etwas bewegen.

Interessanterweise stehen zwei Vereine direkt hinter dem 1.FC Nürnberg, die sich hohe Millionen-Ausgaben leisten können, ohne dieses Geld erwirtschaften zu müssen – einer hat gerade Dieter Hecking abgeworben. Ist es nicht frustrierend, unter ungleichen Bedingungen gegen Wolfsburg und Hoffenheim antreten zu müssen?

Bader: Im Gegenteil. Der 1.FC Nürnberg ist für mich der deutlich reizvollere Verein. Wir haben Emotionen, wir haben die Kraft der Tradition. Wenn wir unsere Arbeit gut machen, habe ich vor Wolfsburg und Hoffenheim keine Angst.

Es gibt keinen Grund, den Club zu verlassen, haben Sie zum Fall Hecking gesagt. Ein schöner Satz.

Bader: Ich sehe wirklich keinen. Klar, ich fände es auch toll, einmal drei, vier Millionen für einen Spieler ausgeben zu können. Aber wir sind auf dem Weg. Wir haben zehn Millionen Euro Schulden beinahe abgebaut, im nächsten Jahr gibt es deutlich mehr Fernsehgelder, wir können mehr in die Mannschaft investieren. Die wirtschaftliche Vernunft steht immer über allem, aber wir müssen uns längst nicht mehr verstecken. Dass der 1.FC Nürnberg seine Spieler gut bezahlen kann, weiß inzwischen jeder.

Und zur schönen Tradition gehören trotzdem auch die permanenten Zweifel.

Bader: Das ist unsere gelebte Herkunft. Mainz und Freiburg haben nicht diese Traumata erlebt wie wir. Was wäre denn, hätten wir vor dem letzten Spieltag als Zwölfter drei Punkte Vorsprung auf Platz 16?

Dann käme das wohlige Gruseln im Rückblick auf 1999 auf – die Erinnerung an den legendären Last-Minute-Abstieg.

Bader: Unsere Geschichte lehrt uns Aufmerksamkeit und Wachsamkeit, aber auch Selbstbewusstsein und Realismus. Ich schaue jetzt mit eineinhalb Augen nach unten, aber mit einem halben Auge auch nach weiter oben, wo wir mittelfristig hinwollen. Der 1.FC Nürnberg ist ein spannender, sehr attraktiver Verein.

Nur nicht für jeden. Wann haben Sie denn zuletzt mit Herrn Hecking telefoniert? Zu Weihnachten, als er sich verabschiedete?

Bader: Nein. Wir haben uns jetzt ein gutes neues Jahr gewünscht. Es waren drei sehr schöne gemeinsame Jahre, unser Verhältnis wird immer sehr gut bleiben. Aber sauer bin ich trotzdem – das war ich auch, als Ilkay Gündogan oder Philipp Wollscheid uns verlassen haben. Die hätte ich auch lieber lange behalten. Aber jetzt wollen wir zeigen, dass wir trotzdem unsere Leistung zu bringen in der Lage sind. 

Interview: HANS BÖLLER


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Kurzbeschreibung:
Titel, Tränen und Triumphe: Der 1. FC Nürnberg blickt auf eine bewegte, mittlerweile über 113-jährige Geschichte zurück. Seine größten Erfolge feierte der Club in den "goldenen" 20er Jahren, als alleine fünf der insgesamt neun Meisterschaften gelangen. Bis in die 60er Jahre gehörte der Verein zu den ganz großen Namen des deutschen Fußballs. Doch mit dem erstmaligen Abstieg aus dem Oberhaus 1969 begann ein jahrzehntelanges Tief. Abstiege und Skandale prägten den Verein, der sich in dieser Zeit den Ruf einer Fahrstuhlmannschaft verdiente und 1996 gar in die drittklassige Regionalliga abstürzte. Erst im neuen Jahrtausend konsolidierte sich der Verein und knüpfte mit dem DFB-Pokalsieg 2007 an alte Zeiten an - sehr zur Freude der treuen und großen Anhängerschaft des FCN.

Deutscher Meister: 1920, 1921, 1924, 1925, 1927, 1936, 1948, 1961, 1968

DFB-Pokalsieger: 1935, 1939, 1962, 2007

Ein extra Themenarchiv mit "historischen" Berichten rund um den 1. FCN finden Sie unter dem Stichwort "Club-Geschichte(n)".

Der Club-Kader in der Saison 2012/13

Galerie Kader 1. FC Nürnberg 2011/12

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