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Bewegend, schön und erschreckend

Zwischen Liebe, Hingabe, Hass und Aggression: Sport zu Beginn des Jahres 2012 - 02.01. 07:00 Uhr

NÜRNBERG  - Die Fußball-Europameisterschaft und die Olympischen Spiele werden die Höhepunkte des Sportjahres 2012 sein. Es wird Sieger geben und Verlierer. Was das bedeutet, ist eine andere Frage – ebenso wie die, wohin sich der Sport entwickelt.

Olympische Ringe – und ein Pokal für Joachim Löw?
Olympische Ringe – und ein Pokal für Joachim Löw?
Foto: dapd
Olympische Ringe – und ein Pokal für Joachim Löw?
Olympische Ringe – und ein Pokal für Joachim Löw?
Foto: dapd

Man kann sich viel wünschen für ein neues Jahr – und sogar sicher sein, dass ein großer Wunsch in Erfüllung geht. Jedenfalls, wenn man Magdalena Neuner ist. Die junge Frau wünscht sich den Abschied vom Sportbetrieb, sie nimmt den ihren in neuneinhalb Wochen – dann findet die Biathlon-Weltmeisterschaft in Ruhpolding statt, es wird der erste Höhepunkt des Sportjahres 2012; anschließend wird man Magdalena Neuner nicht mehr so oft sehen.

Aber das viele Geld! Ach, das viele Geld. Das war ein oft gehörter Einwand gegen Neuners Rücktritt, geäußert nicht selten von Menschen, die im selben Atemzug erklären, dass Geld doch nicht das Wichtigste sein dürfe im Leben. Wenn man es freilich haben kann … Auch das ist der Sport: eine Geldmaschine, und wahrscheinlich verändert der marktorientierte Sport dann auch die, die ihn beobachten.

Sport - oder TV-Spektakel?



Biathlon ist kein schlechtes Beispiel. Militärpatrouillenlauf hieß die anspruchsvolle Übung früher, aber nur ausgewiesene Kenner wussten, worum es ging, nur wenige Sportler betreiben Biathlon. Dann kam das Fernsehen und übertrug alles. Mit dem Fernsehen kam das viele Geld, mit dem Geld kamen die Marktschreier. Athleten wie Magdalena Neuner konnten Millionäre werden, aber stellten sich vielleicht trotzdem die Frage, was eigentlich noch der Inhalt dieses Treibens ist und was nur grelle Verpackung.

Es ist ein besonders bizarrer Beleg für die Diskrepanz zwischen der tatsächlichen Bedeutung eines Sports und dessen Inszenierung; in der Lebenswirklichkeit der meisten Fernsehzuschauer kommt Biathlon ja gar nicht vor. Ob sich jeder sicher ist, dass er sich für Biathlon interessiert? Oder eher für ein Fernsehspektakel? Wetten, dass … Neuner zum Abschluss noch viel Gold holt?

Es ist nicht lange her, da sollte das Skispringen dieses Spektakel werden, die Formel 1 des Winters, wie es ein Privatsender zu verkaufen gedachte. Die Glitzerwelt der Formel 1 hat nichts gemeinsam mit dem eher bescheidenen Winterbetrieb. Auch Skispringen ist eher eine Sache für Spezialisten, wer stand schon je auf einer Schanze. Sven Hannawald, der talentierteste unter den Springern, hielt es nicht mehr aus, psychisch angeschlagen wollte er nur noch heraus aus dieser Pseudo-Welt – und gerade sieht man, am Beispiel des jungen Springers Richard Freitag, wie das gehen kann. Vor ein paar Wochen kannte ihn niemand, jetzt sollte er ein Favorit für die Vierschanzentournee sein – sein ehrenwerter zehnter Platz zum Auftakt musste dann als beträchtliche Enttäuschung gelten.

Das Schöne am Sportbetrieb ist, neben dem Zusammenspiel von Physis und Ästhetik, wie sehr er Menschen berührt, bewegt – ob es sich nun um Biathlon handelt oder die Formel 1. Das Schreckliche am Sportbetrieb ist, wenn er dann zum bombastisch inszenierten Circus Maximus gerät. Den Daumen hoch und herunter: Aus einem vermeintlichen Anrecht auf Unterhaltung resultieren enttäuschte Erwartungen, das ist der Druck, von dem so oft die Rede ist, und Hannawald ist nicht der Einzige, der daran zu zerbrechen drohte.

Die Sommerspiele in London und die Fußball-Europameisterschaft sollen die sportlichen Höhepunkte des Jahres 2012 werden.
Die Sommerspiele in London und die Fußball-Europameisterschaft sollen die sportlichen Höhepunkte des Jahres 2012 werden.
Foto: dpa
Die Sommerspiele in London und die Fußball-Europameisterschaft sollen die sportlichen Höhepunkte des Jahres 2012 werden.
Die Sommerspiele in London und die Fußball-Europameisterschaft sollen die sportlichen Höhepunkte des Jahres 2012 werden.
Foto: dpa

Verbale Aggressionen

Ein besonders bizarres Beispiel ist natürlich auch der Fußball – ein faszinierendes Spiel, mit dem fast jeder irgendwie aufgewachsen ist, aktiv oder passiv. Kein anderes Spiel bewegt so viele Menschen, und kein anderes steht so auffällig für eine zunehmend verzerrte Wahrnehmung der Lebenswirklichkeit. Es fehlte in keinem Neujahrsgruß der Branche der Wunsch, es möge menschlicher miteinander umgegangen werden. Menschlicher – man hat sich fast gewöhnt an diesen Sprachgebrauch, obwohl man jedesmal von neuem darüber erschrecken müsste.

Aber die ganz und gar menschliche Lebenserfahrung, dass es schiefgehen kann, dass das eifrigste Bemühen nicht immer Erfolg zeitigt, gilt immer weniger, seit der Fußball mit einer Bedeutung übefrachtet wird, die er nicht hat, und wer sich fragt, wo die Menschlichkeit verloren geht, muss nur ins Internet schauen. Der Ausbruch der Gewalt beginnt mit Worten; was sich in den meisten Foren – betrieben von überwiegend jungen Menschen, denen man Empathie und Begeisterungsfähigkeit eigentlich besonders zutrauen würde – an Rohheit, Niedertracht und Freudlosigkeit findet, erlebt seine Fortsetzung in den Aggressionen rund um die Stadien, die heute Arenen heißen; in Zeiten des Circus Maximus.

Wünsche und Sehnsüchte auf den Fußball, den Sport zu projizieren, ist eine wunderbare Sache, die Bilder weinender Fans nach großen Spielen gehen zu Herzen. Verlieren gehört zur Idee des Sports, der für sich reklamiert, eine Lebensschule sein zu können. Was man früher Ritterlichkeit nannte, heißt heute Fairness – und ist dabei, zur altmodischen, etwas faden Vorstellung zu werden in Zeiten, da Verlierer Versager sind und überall Schuldige gesucht werden, da Begriffe wie nobel und edel auf Autos oder Uhren angewandt werden und Börsenspekulanten Vorbilder sind. Die Begrifflichkeiten geraten durcheinander: Welche Schuld haben Sportler auf sich geladen, wenn ein Ziel nicht erreicht worden ist? Wenn sie Erwartungen nicht erfüllen?

Noch neuneinhalb Wochen: Magdalena Neuner macht Schluss.
Noch neuneinhalb Wochen: Magdalena Neuner macht Schluss.
Noch neuneinhalb Wochen: Magdalena Neuner macht Schluss.
Noch neuneinhalb Wochen: Magdalena Neuner macht Schluss.



Die Fußball-Europameisterschaft in Polen und der Ukraine wird der eine Höhepunkt des Jahres sein, der andere sind die Olympischen Spiele in London. Olympia hält sich für die Keimzelle der hehren Ideale des Sports und hat daraus ein PR-Instrument gemacht. Es ist die Bühne für manche Disziplinen, die man alle vier Jahre überhaupt nur wahrnimmt; Sportarten, in denen man viel findet, was man verloren glauben könnte: Idealismus, Leidenschaft, Freude, sogar Freundschaft, Anteilnahme, Mitleid – aber auf einmal sollen auch Bogenschützen oder Kanuten Helden werden oder Versager.

Nur spielen

Hingabe, Freude: Man findet es im Fußball und in der Formel 1 auch, im Kern, der Fußball hat es während der WM 2006 in Deutschland gezeigt, im abgelaufenen Jahr hat die Dortmunder Meistermannschaft ein ganzes Land damit begeistert. Und wahrscheinlich wäre die große Mehrheit des Publikums dankbar dafür, würde man Sport einfach nur Sport sein lassen.

Nur spielen. Das Schöne bewundern, Schwächen begreifen.

Magdalena Neuner hat gesagt, dass die Erfahrung Olympia, die Winterspiele in Vancouver 2010, wo sie sich vorgeführt fühlte wie eine Reklamefigur aus Plastik, in ihren Entschluss zum Rücktritt führte. „Zwischen Hoffen und Bangen“, nennt die Deutsche Presseagentur ihren Ausblick auf das sogenannte Sportjahr 2012. Das kann wohl sein. Es wäre allerdings auch eine Überschrift für die Geschichte der Menschheit. 



VON HANS BÖLLER

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