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Vor fast exakt genau einem Jahr erwartete man ebenfalls den VfL Wolfsburg. Der 1.FC Nürnberg war gerade in Fahrt gekommen; Mitte Oktober stand eine Art Stammformation. Raphael Schäfer im Tor, davor die Vierer-Abwehrreihe mit Juri Judt, Andreas Wolf, Per Nilsson und Javier Pinola. Timmy Simons war der Fixpunkt der zentralen Defensive, mit vor sich Mehmet Ekici, Jens Hegeler, Ilkay Gündogan und Mike Frantz. Ganz vorne wirbelte Julian Schieber. So gelang am 23. Oktober 2010 der dritte Heimsieg in Folge, ein 2:1 über Wolfsburg dank der Tore von Gündogan und Frantz.
Nürnberg feierte das „magische Dreieck“ der Kreativspieler Gündogan, Ekici und Schieber; „einen großen Sieg für Nürnberg“ nannte Steve McClaren den Erfolg; Wolfsburgs Trainer vermutete, dieser Club könne vielleicht sehr viel besser aussehen, als man es erwarte. So kam es, nach dem Rückspiel in Wolfsburg am 11. März, das Nürnberg durch ein spätes Tor von Nilsson in letzter Sekunde ebenfalls mit 2:1 gewann, war der Club die beste Mannschaft der Rückrunde. Aber wenn man sich am Samstag – diesmal in Wolfsburg – wieder trifft, ist nicht nur McClaren längst nicht mehr dabei. Auch der 1.FC Nürnberg wird völlig anders aussehen als noch vor erst einem Jahr.
Schäfer ist verletzt, für ihn steht Alexander Stephan im Tor. Nach dem Ausfall von Pinola ist von der Vierer-Abwehrreihe des Oktober 2010 keiner mehr übrig, das magische Dreieck gibt es längst nicht mehr. Gündogan, seit Dienstag deutscher A-Nationalspieler, kickt im Dortmunder Trikot, Schieber in Stuttgart, Ekici in Bremen. Geht man die zwölf Monate alte Stammformation durch, so wird morgen im Stadion am Mittellandkanal genau einer übrig bleiben, der wieder von Anfang an auf dem Platz steht: Timmy Simons, der aktuelle Kapitän. Der 34 Jahre alte Belgier ist die überragende Konstante in einem Club, der unter Dieter Hecking einen gewaltigen Umbruch gestemmt hat – und weiterhin mitten in einem Prozess des Neuaufbaus steht.
Dass das auf dem Platz viel weniger auffällt als beim Blick aufs wechselnde Personal, ist erstaunlich genug – und sagt einiges aus über die Arbeit des Trainers Hecking, der es unter schwierigen Bedingungen geschafft hat, seine Mannschaft so auszurichten, dass sie nicht herausragende Individualisten braucht, sondern solche in ihr wachsen. Timothy Chandler erkämpfte sich im Verlauf der abgelaufenen Saison einen Stammplatz als Rechtsverteidiger und ist heute US-Nationalspieler, Philipp Wollscheid avancierte zum Stammspieler in der Innenverteidigung, ist aktuell der Bundesligaprofi mit der besten Zweikampfbilanz – und Nürnbergs größtes Juwel.
Der interne Konkurrenzkampf, sagt Hecking, gehöre zu den Grundlagen dafür. So erkämpfte sich Almog Cohen einen Stammplatz, verlor diesen wieder und gewann ihn zurück, zuletzt glänzte auf der rechten Seite Robert Mak anstelle des bisher unverzichtbaren Jens Hegeler, für das linke Mittelfeld gibt es mit Christian Eigler, Albert Bunjaku und Alexander Esswein gleich drei Kandidaten.
Die Botschaft ist längst angekommen: Ein Club, der Klasse nicht – wie nur zum Beispiel Wolfsburg mit dem VW-Konzern im Rücken – für Millionen einkaufen kann, wird nur gut aussehen, wenn jeder am Maximum spielt. Zuletzt in Mönchengladbach (0:1) und gegen Mainz (3:3) glückte es nicht – dass das wiederum auffiel, könnte beinahe schon als Kompliment gewertet werden. Aber natürlich wäre es eher der Normalfall, bekäme Nürnberg über längere Zeit auch einmal ein paar Probleme. Dieter Hecking weiß das besser als jeder andere, aber selbstverständlich will er es darauf nicht anlegen. Auch Wolfsburgs Trainer-Rückkehrer Felix Magath soll sich ein bisschen wundern dürfen über Nürnberg.

Di. 22.05.12
Mo. 21.05.12
Fr. 18.05.12