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Dass es ein Wochenende ohne Bundesligaspiele war, fiel nicht weiter auf in Nürnberg. Ein einzelner Hauptdarsteller, getragen von in der jüngeren Vereinsgeschichte nahezu beispiellosem Geltungsdrang, füllte die Lücke hemmungslos aus. Die multimediale Selbstinszenierung eines pensionierten Realschullehrers und Radioreporters hätte den Eindruck hinterlassen können, der ganze Club habe erst dank des Herrn Koch überhaupt wieder eine Zukunft, und betrachtet man die Ausführungen des am Sonntag neu in den neunköpfigen Aufsichtsrat gewählten Heilsbringers, müsste man sich zum einen fragen, wozu es die anderen acht Herren dieses Gremiums braucht, zum anderen, wie es einen 1.FC Nürnberg ohne Koch überhaupt geben konnte.
„Dazu könnte ich auch etwas sagen“, sagt Dieter Hecking auf Anfrage dazu, ist aber vor allem „froh, dass ich kein Vereinspolitiker bin“. Hecking ist Trainer und in dieser Eigenschaft kein Lautsprecher, jede Art der Selbstinszenierung ist ihm fremd – und seine Fußballer fallen auch nicht gerade mit einem ausgeprägten Drang zum öffentlichen Auftritt auf.
Bisher ist der 1.FC Nürnberg nicht ganz so schlecht damit gefahren, zuerst einmal die anstehende Arbeit ordentlich zu verrichten, weshalb Dieter Hecking vorschlägt, es weiter damit zu halten. „Man sollte“, sagt er, „das Eine oder Andere einmal abwarten“ – im speziellen Fall sind es die nächsten Wochen, die anspruchsvolle Prüfungen bereithalten für eine Mannschaft, der nebst dem Kapitän Raphael Schäfer dessen erster Stellvertreter Per Nilsson und dessen dritter Stellvertreter Javier Pinola verletzungsbedingt fehlen. Erfahrung ist derzeit ein Solo-Part für Timmy Simons, weshalb es sich ganz gut trifft, dass für das Auswärtsspiel heute beim VfL Wolfsburg immerhin Christian Eigler wieder bereitsteht.
Mit 27 Jahren sowie 244 Erst- und Zweitligaspielen ist Eigler derzeit beinahe schon ein ausgewiesener Routinier, die restliche Nürnberger Mannschaft bringt es – nimmt man Simons und Markus Feulner aus – in ihrer aktuellen Zusammensetzung insgesamt nicht auf diese Zahl an Profispielen; in der Defensive ist Philipp Wollscheid mit 27 Bundesligaeinsätzen elf Monate nach seinem Debüt bereits der erfahrenste Spieler. Interessant ist da ein Blick auf die Ersatzbank des Gegners, auf der sich heute voraussichtlich illustre Prominenz versammelt: Hasan Salihamidzic, einst Champions-League-Sieger mit dem FC Bayern, Thomas Hitzlsperger, 52 Länderspiele für Deutschland, Aliaksandr Hleb, ehedem Profi beim FC Arsenal und beim FC Barcelona, Ex-Nationalspieler Patrick Helmes und der frühere Nürnberger Jan Polak, 47 Mal tschechischer Nationalspieler, sind Reservisten beim VfL Wolfsburg.
Helmes kam im Sommer 2010 für vergleichsweise günstige fünf Millionen Euro, Diego (fünfzehn Millionen), Simon Kjaer (zwölf) waren damals kostspieliger, dafür nach einem Jahr auch schon wieder weg. Vor dieser Spielzeit investierte der VfL 21 Millionen Euro in neue Spieler, davon alleine neun für Christian Träsch.
Die jüngere Transfergeschichte des VW-Klubs würde selbst routinierte Vereinspolitiker schwindlig machen: Für die Italiener Christian Zaccardi und Andrea Barzagli beispielsweise zahlte man 21 Millionen; an Spieler wie Karim Ziani (sieben Millionen, 15 Einsätze), Rever Alves Araújo (fünf Millionen, null Einsätze) oder Tuncay Sanli (viereinhalb Millionen, vier Einsätze) erinnern sich noch nicht einmal Insider mehr. Die Transferausgaben seit dem Meistertitel 2009 summieren sich auf hundert Millionen Euro; Nürnberg investierte im selben Zeitraum etwa viereinhalb Millionen.
Seit dem Wiederaufstieg gewann Nürnberg trotzdem drei der vier Spiele gegen den VfL, die jüngsten beiden Auswärtsspiele jeweils durch Tore in der Nachspielzeit. Im März war Per Nilsson der späte Treffer geglückt. Es sei, sagte er hinterher, ein Verdienst der Mannschaft, und: Einzelne müssten nicht im Mittelpunkt stehen.

Mi. 23.05.12
Di. 22.05.12
Di. 22.05.12
Mo. 21.05.12