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Der Club blamiert sich in der niedersächsischen Provinz

1. FCN lässt beim 2:3 in Havelse alles vermissen, was die Mannschaft theoretisch auszeichnet - 20.08.2012 06:57 Uhr

GARBSEN-HAVELSE  - Erst die Führung, dann der Ausgleich, und schließlich das Aus für den 1. FC Nürnberg. Der Viertligist TSV Havelse schmiss die Nürnberger nach der Verlängerung aus dem Pokal. Eine Blamage.

Das war nichts für den Club: Mike Frantz (li.) geht zu Boden.
Das war nichts für den Club: Mike Frantz (li.) geht zu Boden.
Foto: Sportfoto Zink
Das war nichts für den Club: Mike Frantz (li.) geht zu Boden.
Das war nichts für den Club: Mike Frantz (li.) geht zu Boden.
Foto: Sportfoto Zink

Aus dem Nebenraum der Sportgaststätte des TSV Havelse blickt man hinaus auf grüne Wiesen und weite Felder. Am späten Nachmittag zog gemächlich ein Traktor seine Kreise, im Schatten dösten Schafe. Aber Dieter Hecking hatte keinen Blick für das Idyll, die Landpartie ins Niedersächsische war dem Trainer des 1.FC Nürnberg zuvor gründlich verdorben worden — von seinen Fußballern.

Die waren vorher, auf dem Rasen des Wilhelm-Langrehr-Stadions, ähnlich gemächlich unterwegs gewesen, ließen sich auch von eklatanten eigenen Fehlern nicht aufschrecken — und verließen den schönen hochsommerlichen Landstrich als Blamierte. Mit 2:3 nach Verlängerung (2:2, 1:1) unterlag der Bundesligist 1.FC Nürnberg dem viertklassigen TSV Havelse — nicht etwa unglücklich oder durch seltsame Umstände bedingt, wie es ja vorkommen kann, sondern in jeder Hinsicht vollkommen verdient und sogar klarer, als es das Resultat aussagt.

„Nicht zu erklären“


Eine Woche vor dem Bundesligastart ließ Nürnberg alles vermissen, was diese Mannschaft theoretisch auszeichnen kann, unbeteiligte Neugierige, die beim Sonntagsspaziergang einen zufälligen Blick ins Stadion geworfen hätten, hätten zu keiner Zeit erraten, wer von beiden Mannschaften wohl der Erstligist sei — und wenn, dann hätten sie auf Havelse getippt.

Wie so etwas möglich ist? „Gute Frage“, sagte Nürnbergs Timmy Simons und gab eine ehrliche Antwort: „So etwas ist nicht zu erklären“ — wohl noch nicht einmal mit den angeblich eigenen Gesetzmäßigkeiten des DFB-Pokalwettbewerbs, denn die besagen auch, dass, geht der Favorit erst einmal in Führung, die Angelegenheit für den Außenseiter gelaufen ist.

"Lauter ähnliche Gegentore"

Nürnberg ging in Führung, durch einen schönen Rechtsschuss von Alexander Esswein (8.). „Vielleicht haben sie geglaubt, es locker nach Hause schaukeln zu können“, überlegte Hecking später. Aber selbst wenn, konnten sie es nur für fünf Minuten glauben. Dann trickste Marco Vucinovic die Deckung erstmals aus, flankte ungestört — und Christoph Beismann durfte genauso unbehelligt per Kopf zum 1:1 vollenden.

„Lauter ähnliche Gegentore“ durfte Nürnbergs Hanno Balitsch hernach beklagen. Der Nord-Regionalligist hatte Gefallen an dem Muster gefunden und setzte immer wieder entschlossen nach, Nürnberg wirkte vor allem in der Rückwärtsbewegung lethargisch und hatte sogar Glück, nicht noch vor der Pause in Rückstand geraten zu sein. Nach einer Stunde war es so weit. Wieder flankte Vucinovic von links, diesmal köpfte Patrick Posipal und war Torwart Raphael Schäfer erneut machtlos.

Schäfer hält den Club im Spiel

„Jeder weiß, dass es passieren kann — und es ist passiert“, sagte Simons, aber es passierte nicht einmal, nicht zweimal. Sondern dreimal. Ohne einen wiederholt glänzend parierenden Schäfer hätte Nürnberg schon 1:3 oder 1:4 zurückliegen können, als der eingewechselte Robert Mak zehn Minuten vor Schluss nach Essweins Flankenlauf per Direktabnahme zum 2:2 traf, aber in der Verlängerung wiederholte sich das Spielchen. Havelse zum Dritten, „das“, sagte Hecking, „hat am meisten genervt.“


Bilderstrecke zum Thema
Mit einer 2:3-Niederlage im DFB-Pokal beim TSV Havelse ist der 1. FC Nürnberg in die neue Saison gestartet. Die Mannschaft von Dieter Hecking agierte ideenlos und offenbarte gewaltige Schwächen in der Defensive.

Während die Profis gegen erste Erschöpfungssymptome kämpften – Javier Pinola hatte mitunter Mühe, sich auf den Beinen zu halten – legten die Viertklässler zu. Erst durfte sich Salilou Sane versuchen, Schäfer parierte — und drei Verteidiger sahen zu, wie der überragende Vorarbeiter Vucinovic, bei Eintracht Braunschweig als Profi gescheitert, sein Tagwerk mit dem Tor zum hochverdienten 3:2 (98.) krönte.

Denkmäler in Havelse

„Wir waren eigentlich schon platt, aber haben noch einmal alles herausgeholt“, sagte der Mann des Tages — und Nürnberg war so platt, dass in den 20 Minuten zu vielleicht zweieinhalb Torchancen keine mehr dazukam. „Sie haben gut gekämpft, waren defensiv gut organisiert und haben ein gutes Umkehrspiel gezeigt“, sagte Simons über den Gegner und hatte damit auch die wichtigsten Nürnberger Defizite aufgezählt.

Als nach Verlängerung Schluss war, feierte Havelse ein heißes Sommerfest. „Es ist der absolute Wahnsinn, was die Jungs geleistet haben“, sagte Trainer Andre Breitenreiter, „sie haben sich heute alle Denkmäler verdient, ich weiß gar nicht, wo wir die alle hinstellen sollten“ — der Blick aus dem Fenster, aufs weite niedersächsische Grün, hätte schon Möglichkeiten erahnen lassen. Aber auch Breitenreiter hatte keinen Blick dafür. Er wollte zurück ins Stadion, noch ein bisschen feiern.

Havelse: Meyer; Degner, Tayar, Wendel, Hansmann – Hintzke, Posipal – Vucinovic, Merkens (98. Rüdiger), Maletzki (69. Deppe) – Beismann (69. Sane).

Nürnberg: Schäfer; Chandler, Klose, Antonio, Pinola – Balitsch (72. Pekhart), Simons – Frantz (63. Mak), Gebhart (63. Kiyotake), Esswein – Polter.

Schiedsrichter: Robert Kempter (Sauldorf).Zuschauer: 3506 (ausverkauft).Tore: 0:1 Esswein (7.), 1:1 Beismann (13.), 2:1 Posipal (59.), 2:2 Mak (80.), 3:2 Vucinovic (97.).Gelbe Karten: Hintzke, Deppe – Esswein, Pekhart, Pinola.

Bilderstrecke zum Thema
Harmlos, verunsichert, müde: Nach dem blamablen 2:3 in Havelse gab es in unserem Voting für die Spieler die Quittung - jede Menge schlechter Noten.

  

VON HANS BÖLLER


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Titel, Tränen und Triumphe: Der 1. FC Nürnberg blickt auf eine bewegte, mittlerweile über 113-jährige Geschichte zurück. Seine größten Erfolge feierte der Club in den "goldenen" 20er Jahren, als alleine fünf der insgesamt neun Meisterschaften gelangen. Bis in die 60er Jahre gehörte der Verein zu den ganz großen Namen des deutschen Fußballs. Doch mit dem erstmaligen Abstieg aus dem Oberhaus 1969 begann ein jahrzehntelanges Tief. Abstiege und Skandale prägten den Verein, der sich in dieser Zeit den Ruf einer Fahrstuhlmannschaft verdiente und 1996 gar in die drittklassige Regionalliga abstürzte. Erst im neuen Jahrtausend konsolidierte sich der Verein und knüpfte mit dem DFB-Pokalsieg 2007 an alte Zeiten an - sehr zur Freude der treuen und großen Anhängerschaft des FCN.

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