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Im Moment der größten Erniedrigung, als die 7000 Abraham-Fans in der ausverkauften Arena ohrenbetäubend johlten und gröhlten, als dicke Tropfen Blut über sein zugeschwollenes rechtes Auge und das Gesicht liefen, ließ Mehdi Bouadla die Fäuste sinken. Die Schultern fielen kaum merklich nach vorne, die Knie gaben ein wenig nach — die letzte Kraft wich schlagartig aus dem Körper, der acht Runden lang Aufwärtshaken, knallharte Geraden und Schlagserien wie Trommelfeuer erduldet hatte.
Bouadla hatte die Schmerzen anfangs versucht wegzugrinsen, später, als bei jedem Kopftreffer auch Tausende Schweißperlen flogen, abzuschütteln. Am Ende, als auch Blutstropfen spritzten, hatte er selbst dafür keine Kraft mehr. Je länger der ungleiche Kampf dauerte, desto mehr Substanz prügelte Arthur Abraham aus seinem Herausforderer heraus.
Kurz vor dem Knockout hatte der Körper des Franzosen ein erstes Signal gesendet. Bouadla hatte seine einzige Waffe, den Konterangriff, zum letzten Mal an diesem Abend gestartet. Oft hatte er es probiert, selten hatte es funktioniert, Abrahams Deckung war hervorragend. So trug der Weltmeister auch nur wenige Schrammen davon. Beim letzten Angriff gar keine, denn Bouadlas wuchtiger Schlag zischte ins Nichts.
Der Franzose verlor das Gleichgewicht, wackelte und sank auf die Knie. Er umgriff erschöpft Abrahams Beine, legte seinen Kopf an die Hüfte des Weltmeisters, schloss kurz die Augen. Er kniete wie vor einem Altar. Arthur Abraham blickte zum Ringrichter, hob fragend die Fäuste. Es war das groteske Bild des Kampfes, auch wenn Bouadlas Wille, während er dort auf dem Ringboden kauerte, noch einmal den Körper bezwang. Das letzte Mal an diesem Abend.
Kaum war Bouadla wieder auf die Beine gekommen, setzte Abraham zwei harte Rechts-Links-Kombinationen. Dann war es für den Körper des Franzosen, in seinem Heimatort Aulnay-sur-Bois in Teilzeit auch Bodyguard seines Bürgermeisters, ein für alle Mal zu viel geworden.
Das sah auch Arthur Abraham, der von seinem Gegner abließ und siegesgewiss rückwärts tänzelte. Ringrichter Mark Nelson kam herbei, um den ungleichen Kampf abzubrechen. Und Mehdi Bouadla überkam in diesem Moment der Leere etwas ungeniert Menschliches in diesem harten, schrillen Männersport — ungeachtet des Millionenpublikums am Fernseher, der gröhlenden Menge, der Prominenten rund um den hell erleuchteten Ring, der Models in hohen Absätzen, deren einziger Job es ist, jede Runde mit einem Schild in der Hand und einem Hüftschwung anzukündigen. Der geschlagene Bouadla, er pfiff in diesen Sekunden auf all das Getöse. Er legte erschöpft seinen Kopf auf der Schulter des Ringrichters ab und kämpfte mit den Tränen.
Arthur Abraham hatte keine große Mühe gehabt, seinen WM-Titel im Super-Mittelgewicht der WBO zu verteidigen, den er sich erst im August von Robert Stieglitz geholt hatte. Es gab also ein weiteres Happy End in dieser märchenhaften Geschichte des gebürtigen Armeniers, der vor fast
20 Jahren unter dem Namen Awetik Abrahamjan mit seiner Familie nach Bamberg gekommen war.
Für Concordia Strullendorf wurde er fränkischer Jugendmeister im Radfahren, eines Tages stand er nur mit einer Plastiktüte in der Hand, in der er sein Hab und Gut bei sich trug, bei Trainerlegende Ulli Wegner in der Boxhalle. Wegner ließ Abraham zum Sparring gegen Sven Ottke in den Ring — er überzeugte. Und seitdem ist Wegner auch sein Trainer. Abraham bekam den deutschen Pass, malte, so erzählt man es, noch auf dem Amt ein Bild vom Berg Ararat, und darf seitdem den Künstlernamen Arthur führen. Beim Boxen haben sie ihm noch ein „King“ davorgesetzt.
„Ich freue mich sehr, hier in Nürnberg hat alles angefangen, als ich für den 1. FC Nürnberg boxte. Das war manchmal in Bierzelten, wo die Leute rauchten, tranken und Hähnchen aßen“, erzählte er, als er für ein Fernsehteam den Christkindlesmarkt besuchte. Abraham hat sich durchgeboxt.
Auch kürzlich wieder, nachdem er beim Super-Six-Turnier verlor und ihn viele abschrieben. „Es war ein super Jahr für mich, ich bin zurückgekommen, habe alle vier Kämpfe gewonnen, bin Weltmeister“, strahlte Arthur Abraham nach dem Kampf im schwarzen Samtanzug bei der Pressekonferenz. Neben ihm, ein Bier in der Hand, saß Ulli Wegner und biss in ein Schinkenbrötchen. Beide möchten Mitte kommenden Jahres gegen Stieglitz den versprochenen Rückkampf einlösen, sofern der Magdeburger nicht für schwere Körperverletzung verurteilt wird — er hatte seinen Schwiegervater „aus Notwehr“, wie er beteuert, mit einem Scheitholz lebensgefährlich verletzt.
Mehdi Bouadla saß auch im Scheinwerferlicht und trank im grauen Trainingsanzug und Badelatschen eine Cola. Er wirkte erholt, möchte sein Glück nun aber in einer Gewichtsklasse tiefer probieren.
„Abraham hat stark geboxt — ich muss wegen des Ausgangs nicht vor Scham erröten“, sagte er. Dann verabschiedete er sich mit einer Umarmung vom neuen und alten Weltmeister. Er musste noch ins Krankenhaus, seine Platzwunde nähen lassen.

