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Er, der Kapitän, strebt mit seiner Mannschaft forsch zu neuen Ufern, die verzagten Passagiere aber glauben felsenfest, dass die Erde eine Scheibe ist und jeden Moment der Absturz droht. So oder so ähnlich scheint sich Mike Büskens gelegentlich als Trainer der Spielvereinigung Greuther Fürth zu fühlen.
Der 42-Jährige hat seit seinem Amtsantritt im Ronhof vor zehn Monaten vielfach versichert, wie gut ihm sein neuer Arbeitsplatz gefalle, wie sehr er das professionelle, gleichwohl noch relativ familiäre Umfeld der Mannschaft schätze und wie wunderbar es sei, in branchenuntypischer Ruhe mit so vielen jungen Talenten zu arbeiten. Das Kleeblatt: der reinste Garten Eden, wäre da nicht diese spezielle Mentalität der Paradiesbewohner.
„Wir dürfen uns nicht kleiner machen als wir sind“, lautet einer dieser Sätze, die ab und zu einen Blick in das Innenleben des gebürtigen Düsseldorfers gewähren. Der Rheinländer Büskens erfreut sich am Hier und Jetzt; der Fürther, zumindest dann, wenn er Kleeblatt-Fan ist, erwartet auf dem heimischen Sofa die nächste Niederlage.
Als Büskens kürzlich samt Familie durch die Budenstadt der legendären Michaelis-Kirchweih bummelte, erntete er so viele Schulterklopfer, dass er sich fragte, was diese ganzen Menschen eigentlich bei Heimspielen der Spielvereinigung treiben. „Wenn alle, die mir Glück gewünscht haben, ins Stadion kämen, müssten wir anbauen.“ Erwartungsgemäß herrschte beim anschließenden Besuch des VfL Osnabrück keine Platznot. Nicht mehr als 6440 Menschen wollten am Freitagabend dem Sturm der Fürther an die Tabellenspitze beiwohnen. Damit steht das Kleeblatt in punkto Zuschauerschnitt auf einem Abstiegsplatz.
„Ich weiß nicht, was wir noch machen sollen“, klagt Wolf Nanke, der ehrenamtliche Fan-Beauftragte der Spielvereinigung. „Wir machen allerhand Aktionen in Schulen und in Firmen, und da kommen die Leute auch, doch ins Stadion kommen sie nicht.“ Der 67-Jährige spürt einen generellen Trend, nach dem sich die Menschen zunehmend nur für Erstligafußball interessierten. Auch die geänderten Anstoßzeiten, Spieltage, die von Freitag bis Montag reichen, sind für Nanke ein Übel. „Aber bei uns ist der Anhang schon besonders kritisch.“
Ein Phänomen, dessen Ursprung trotz diverser Verdachtsmomente letztlich im Dunkeln liegt. Alten Zeitungsartikeln zufolge galt das Fürther Publikum schon in den 1920er Jahren, also in der Glanzzeit der Spielvereinigung, als auffällig anspruchsvoll und begeisterungsresistent. Das Verpassen der Bundesliga anno 1963, der Absturz bis in die Landesliga Mitte der 1980er Jahre und sieben fünfte Plätze in jüngerer Vergangenheit dienten allen Pessimisten als Beweis dafür, dass letztlich auch schief läuft, was schief laufen kann.
Mike Büskens freilich mag die Enttäuschung über den siebenmal verpassten Aufstieg nicht teilen. Alles Vergangenheit. „Wir schämen uns ja fast dafür, dass wir so oft Fünfter geworden sind.“ Er sieht die sieben Millionen Euro Jahresetat, die ihm zur Verfügung stehen, neben den gut 30 Millionen, die beispielsweise der nächste Gegner, Hertha BSC, in den sportlichen Erfolg investieren darf. „Die Berliner“, so Büskens, „spielen in einer anderen Liga.“ Und ob er das will oder nicht: Ein bisschen klein macht er sich und das Kleeblatt mit solchen Vergleichen dann doch.
Inzwischen treibt das dauernde Anrennen der Fürther auf die Beletage des deutschen Fußballs sogar fern der Heimat bizarre Blüten. So berichtet Wolf Nanke, dass andernorts immer mehr neue Fan-Klubs der Spielvereinigung entstehen. 31 sind es inzwischen insgesamt, fast doppelt so viele wie vor ein paar Jahren. In der Nähe des Bodensees gibt es etwa die „Kleeblatt-Schwaben“. Als sich Nanke nach deren Motivation erkundigte, erhielt er zur Antwort: „Wir haben einen Fan-Klub gegründet, weil ihr uns leid tut.“
