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Deutscher Meister — warum denn nicht?

Größer, schneller, besser: Die Ice Tigers starten am Freitag angemessen selbstbewusst in die neue Saison - 02.09. 13:30 Uhr

NÜRNBERG  - Das kicker-Sonderheft zum Start der Fußball-Bundesliga ist grandios, zweifelsohne. Die Vorschau-Hefte zur National Hockey League (NHL) aber sind das weltweite Referenzmedium. Am Freitag (19.30 Uhr) starten die Thomas Sabo Ice Tigers in eine neue Spielzeit in der Deutschen Eishockey-Liga (DEL) und wir haben uns ganz frech an der Arbeit der Kollegen orientiert – eine kanadische Vorschau.


Die Lichtgestalt: Nürnberg wird eine starke Mannschaft aufs Eis schicken — Torhüter Patrick Ehelechner kann sie zum Meister machen.
Die Lichtgestalt: Nürnberg wird eine starke Mannschaft aufs Eis schicken — Torhüter Patrick Ehelechner kann sie zum Meister machen.
Foto: Michael Matejka
Die Lichtgestalt: Nürnberg wird eine starke Mannschaft aufs Eis schicken — Torhüter Patrick Ehelechner kann sie zum Meister machen.
Die Lichtgestalt: Nürnberg wird eine starke Mannschaft aufs Eis schicken — Torhüter Patrick Ehelechner kann sie zum Meister machen.
Foto: Michael Matejka

Milchmädchen sagt man nach, solche Rechnungen anzustellen: Die Ice Tigers haben im Frühjahr das entscheidende Viertelfinalspiel in Hannover denkbar knapp mit 3:4 verloren. Hannover wurde danach überlegen Deutscher Meister. Nürnberg hat seinen ersten Meistertitel also lediglich um ein Tor verpasst.


Ryan Bayda
Ryan Bayda
Foto: Stefan Hippel
Ryan Bayda
Ryan Bayda
Foto: Stefan Hippel

Mit einem Milchmädchen hat Björn Barta nun so gar nichts gemein, dafür hat er das Pech, gut mit Hannoveraner Spielern befreundet zu sein. So gut, dass er mit den neuen Deutschen Meistern sogar in den Urlaub gefahren ist. In der Türkei ist er des öfteren zum Nachrechnen gezwungen worden. Auch der fleißige Außenstürmer wird irgendwann zu dem Ergebnis gekommen sein, dass in einer neuen Rechnung wieder zwei unkalkulierbare Variablen dazukommen. „Dass sowohl Berlin und Mannheim unter ihren Möglichkeiten bleiben, wird nicht mehr allzu oft vorkommen“, sagt Barta, aber er sagt es nicht verbittert, schließlich hat er jeden Tag im Training gesehen, dass Manager Lorenz Funk gemeinsam mit Andreas Brockmann erneut eine konkurrenzfähige Mannschaft zusammengestellt hat.


Tim Schüle
Tim Schüle
Tim Schüle
Tim Schüle

Größer, trotzdem schneller sind die neuen Ice Tigers, ein wenig jünger, tatsächlich aber sogar erfahrener. „Ganz offensichtlich wurde hier ein Team zusammengestellt“, stellte Clarke Wilm bereits nach dem ersten Training fest, „das recht gute Chancen hat, Spiele zu gewinnen.“ Auch die letzten, die entscheidenden, meinte der NHL-erfahrene Zugang aus Hamburg. Nordamerikaner sprechen in solchen Momenten aus, was ihre deutschen Vorgesetzten und Kollegen nur insgeheim zu denken wagen. Warum auch nicht? Diese Ice Tigers können natürlich Deutscher Meister werden – genauso wie mindestens acht andere Klubs.

Drei Wege zum Erfolg


Eric Chouinard
Eric Chouinard
Eric Chouinard
Eric Chouinard

1. Auch Patrick Ehelechner hat ein Ziel, „ein hohes Ziel“ – nur verraten will er es wie immer nicht. Deshalb, ein kurzer Rückblick: Es war ein grauenhafter Oktober 2009 für die Ice Tigers. Im November, sagte Patrick Ehelechner damals, soll alles besser werden. Und es wurde alles besser – vor allem seine Leistungen im Nürnberger Tor. Seitdem zählt der 25 Jahre alte Rosenheimer zu den besten Schlussmännern der DEL, allein dem Bundestrainer blieb das verborgen. Während der unwirklichen Weltmeisterschaft in Gelsenkirchen, Köln und Mannheim brach die Euphoriewelle, auf der Ehelechner eine Saison mühelos gesurft war, über ihm zusammen. Im Spätsommer 2010 wirkt der Posterboy der Ice Tigers unbekümmert und motiviert wie eh und je. Aber nur, wenn Ehelechner eine ähnlich famose Spielzeit gelingt, werden seine Ice Tigers sein „hohes“ Saisonziel erreichen können.


Dusan Frosch
Dusan Frosch
Dusan Frosch
Dusan Frosch

2. Die Stärke der Ice Tigers tauchte in keiner Statistik auf. Charakter ist nicht messbar. Dank ihres Charakters aber hatten sie sich nach einem Oktober voller Niederlagen an die Spitze der DEL zurückgekämpft, dank ihres Charakters war auch nach zwei Niederlagen zu Beginn des Play-off-Viertelfinales noch nicht Schluss. Seitdem haben die selbstlosen Alain Nasreddine, Tyler Mosienko und Petr Fical den Klub verlassen, zwölf neue Profis sind gekommen. Der Trainer sagt, dass man bei jedem Einzelnen auf die Charaktereigenschaften geachtet habe – Andreas Brockmann schränkt aber selbst ein, dass man den Charakter der Mannschaft erst beurteilen könne, wenn es mal nicht so gut laufen sollte.

3. Arbeitsbienen, zukünftige Nationalspieler, hochtalentierte Phlegmatiker, Kurzzeit-NHL-Stars: Nürnbergs Sturm hat allerlei Typen zu bieten – und Eric Chouinard. Der Franko-Kanadier hat den Anspruch und das Potenzial, die Abwehrreihen der DEL erzittern zu lassen. In seiner ersten Saison als Ice Tiger hat er das allerdings nur selten bewiesen. Anders als im Vorjahr ist Chouinard nun vorbereitet und gesund. Seinen Holzschläger hat er mittlerweile auch gegen ein zeitgemäßes Modell ausgetauscht. Zeit, dem eigenen Anspruch gerecht zu werden.

Neu dabei

Sebastian Stefaniszin (Iserlohn/Förderlizenz für Zweitligist Landshut), Andreas Jenike (Bad Tölz/Förderlizenz für Oberligist Bad Tölz), Fredrik Eriksson (Malmö Redhawks), Jeff Likens (Augsburg), TJ Kemp (Augsburg), Tim Schüle (Freiburg/Förderlizenz), Sean Blanchard (Frankfurt), Colin Beardsmore (Hamburg), Ryan Bayda (Wilkes-Barre/AHL), Alexander Oblinger (Dresden/Förderlizenz), Clarke Wilm (Hamburg), Vitalij Aab (Hamburg), Dusan Frosch (Köln).

Nicht mehr dabei

Petr Fical (Ingolstadt), Paul Albers (Krefeld), Florian Ondruschka (Straubing), Niklas Treutle (Hamburg), Roland Mayr (Schwenningen), Henry Martens (Dresden), Adam Svoboda (Pardubice), Alain Nasreddine (Co-Trainer Wilkes-Barre), Andre Savage (Karriere beendet), Jimmy Waite (Karriere beendet), Florian Keller (Karriere beendet), Tyler Mosienko und Dan Spang (beide in die ECHL?), Jesse Schultz, Daniel Sevo, Morten Ask, Shane Peacock (unbekannt).

Torhüter

Patrick Ehelechner ist die Nummer eins, keine Diskussion – der stille Sebastian Stefaniszin aber talentiert genug, dass sich Ehelechner nie zu sicher sein sollte. Und auch Andreas Jenike, der vorwiegend in der Oberliga Spielpraxis sammeln wird, sagt man nach, dass er durchaus die Anlagen hat, sich irgendwann in der DEL durchsetzen zu können. Übrigens: Alle drei sind nach 1984 in Deutschland geboren.

Verteidigung

Langsam, unbekannt, offensivschwach – viel hatte man der Abwehr der Ice Tigers nicht zutrauen dürfen. In 56 Saisonspielen aber haben dann nur Berlin, Wolfsburg und Düsseldorf weniger Tore kassiert. Geblieben sind, mit dem selten gemäß seiner Fähigkeiten eingesetzten Martin Ancicka und Rob Leask, nur zwei Routiniers. Außer Florian Ondruschka aber hat Manager Funk keine unverzichtbaren Verteidiger abgeben müssen, dafür mit Jeff Likens den vielleicht besten Abwehrspieler der Play-offs aus Augsburg, mit Sean Blanchard einen der herausragenden Defensivspezialisten der DEL aus Frankfurt und mit Fredrik Eriksson einen vor allem offensiv hochveranlagten, eleganten Skandinavier aus der zweiten schwedischen Liga geholt. Auf dem Papier darf man dieser Gruppe viel, sehr viel zutrauen. Doch was heißt das schon.

Angriff

152 Tore – nur Straubing, der 13., und Kassel, der Letzte, hatten noch seltener getroffen als die Ice Tigers. Das wird sich in dieser Saison grundlegend ändern, dazu muss man gar nicht erst auf die positiven Eindrücke aus der Vorbereitung verweisen. Mit Vitalij Aab, Ryan Bayda, Eric Chouinard, Brad Leeb und Clarke Wilm schickt der ehemalige Nationalstürmer Andreas Brockmann fünf Profis aufs Eis, die entweder nachgewiesen haben, 20 oder mehr Tore in der DEL erzielen zu können, oder das Potenzial dazu haben. Dazu kommen spielintelligente Angreifer wie Björn Barta, Dusan Frosch und Greg Leeb. Bei den Tigers 2011 aber ist Verteidigung der beste Angriff. Die Abwehr ist mobiler, technisch versierter als im Vorjahr, vor allem aber lässt sie Brockmann aktiver aufs Spielgeschehen einwirken. 152 Tore dürften schon im Februar übertroffen werden.

Der unbesungene Held

Adrian Grygiel kann eigentlich alles, neuerdings sogar Tore schießen. Schnell, stark in Unterzahl, fleißig, bescheiden und: immer gut gelaunt. Bei der Aufzählung der Erfolgsgeheimnisse der Tigers wird der 27-Jährige stets vergessen – zu Unrecht.

Das liebe Geld

Jahre lang hat Otto Sykora behauptet, dass er die billigste Mannschaft der DEL zusammengestellt habe – bis Thomas Sabo das Nürnberger Profi-Eishockey vor der Insolvenz retten musste. Im Herbst 2010 zählt das Team der Ice Tigers tatsächlich zu den preisgünstigsten der Liga. Gut dotierte Verträge (Fical, Nasreddine) sind ausgelaufen, neue (Aab, Beardsmore) konnten zu erstaunlichen Bedingungen abgeschlossen werden, weil es Lorenz Funk ausgezeichnet versteht, vom wirtschaftlichen Harakiri anderer Klubs zu profitieren. Bei anderen Verpflichtungen war der Manager entweder schneller (Likens) oder geduldiger (Kemp). Trotz namhafter Zugänge (Wilm, Bayda) soll der Personal-Etat sogar leicht gesunken sein. Für Nachkäufe (die Tigers können weitere drei Lizenzen an Ausländer vergeben und einen davon einsetzen) sollten wie im Vorjahr noch Mittel verfügbar sein.

An der Taktiktafel

Schön war es anzusehen, das laufintensive Spiel der Ice Tigers im Frühherbst 2009, zumindest fanden das die Trainer der gegnerischen Teams – nachdem sie gewonnen hatten. Irgendwann wollte Andreas Brockmann diese warmen Worte nicht mehr hören und verordnete seiner Mannschaft Zurückhaltung. Mit Erfolg. Nürnberg ward in fremden Eishallen plötzlich gar nicht mehr gerne gesehen. Das soll sich nicht ändern, die Ice Tigers aber werden ihr abwartendes Spiel aufgeben, wieder früher stören, die Verteidiger mutiger aufrücken, dank ihrer läuferischen Fähigkeiten aber trotzdem nicht so oft überlaufen werden wie Peacock und Nasreddine. Ihre Extremplatzierungen in Über- (Letzter mit verheerenden 13,49%) und Unterzahl (Zweiter) werden sie jedoch aufgeben müssen. Dem Power-Play werden die Cleverness von Clarke Wilm, die Finesse von Fredrik Eriksson und die Reichweite von Vitalij Aab ungemein helfen.

Der Ausblick

Die Ice Tigers sind schon im ersten Jahr nach dem Neustart den hohen Ansprüchen in Nürnberg gerecht geworden. Strukturell und sportlich wird ausgezeichnet gearbeitet – nur eines wurde vergessen: Die Nachwuchsarbeit des Stammvereins EHC 80 wird zwar finanziell unterstützt, ansonsten aber ignoriert. Das muss sich ändern – dann sind die Ice Tigers, anders als die DEL, für die Zukunft gerüstet. 





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