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Manfred Heidrich feiert die Sensation auf seine Weise. Er lässt ein großes Stück Sahnerolle auf seinen Teller fallen, dann setzt er sich hin und isst. Minuten zuvor hat der Software-Entwickler aus Forchheim dem Schachprofi Predrag Nikolic in über vier Stunden Spielzeit ein Remis abgekämpft. Fast 350 Leistungspunkte lagen zwischen beiden — man stelle sich vor, der FC Bayern spielt beim Bayernligisten Jahn Forchheim nur unentschieden. „Ich habe keine großen Taktiken erarbeitet, ich habe einfach das gespielt, was ich kann“, sagt Heidrich bescheiden.
Bescheidenheit ist das Stichwort für die Forchheimer Schachspieler in ihrer zweiten Bundesligasaison der Vereinsgeschichte. Nur drei Tage lang hatten sie Zeit, um für Zweitligameister Erfurt einzuspringen, der auf den Aufstieg verzichtet hatte. Heidrich, der auch Vorsitzender ist, hat in einer Rundmail gefragt, ob sie das machen wollen mit der Bundesliga. Jetzt rotieren sie sogar mit der Reservemannschaft, damit jeder mal mitspielen kann.
Im alten Forchheimer Rathaussaal sitzt wie bei einer Abiturprüfung ganz vorne ein Oberaufseher. Vor ihm stehen in Reih’ und Glied die Tische mit den Spielbrettern. Es ist der erste von zwei Liga-Heimwettkämpfen für den Aufsteiger.
Im Vorraum, wo es selbstgebackenen Kuchen, Kaffee und belegte Brötchen gibt, sitzt Udo Güldner. Immer wenn die knarzende Holztür zum Spielsaal aufgeht, dämpft er seine Stimme. „Großmeister haben normalerweise keine großen Ansprüche. Aber beim Schach sind sie Diven“, sagt er. Der langjährige Vorsitzende weiß das aus der ersten Bundesligasaison 2002. Damals stieg Forchheim sieglos wieder ab. „Man muss realistisch bleiben. Wir haben auch heuer überhaupt keine Chance.“ Der Reiz liege im Erlebnis, sich Auge in Auge mit den Großen des Schachs messen zu dürfen. „Bei uns zahlen Spieler sogar etwas dafür, um sich am Brett vermöbeln zu lassen.“
Der Etat liegt bei rund 25000 Euro, keiner bekommt fürs Schachspielen Geld, aber es gilt, hohe Reise- und Hotelkosten für den einzigen Bundesligaverein Bayerns zu bezahlen. Die teuren, internetfähigen Spielbretter hat man sich geliehen. „Für unseren Etat würde sich ein Großmeister nicht einmal eine Saison lang ans Brett setzen“, vermutet Güldner. In Forchheim sind sie zufrieden damit, sich mit bescheidenen Mitteln ihr Abenteuer zu finanzieren. Das, obwohl der Verein, dessen Geschichte bis ins Jahr 1878 reicht, vor sieben Monaten noch ums Weiterleben kämpfte. Erst in der zweiten außerordentlichen Versammlung fand sich eine neue Vorstandschaft. In ihr ist Rainer Stephan jetzt Stellvertreter. „Das ist schon toll“, sagt er, seinen 110 Mitglieder starken Verein jetzt zwischen all den großen Namen zu lesen. In Hockenheim ist Ex-Weltmeister Anatoly Karpow am Brett, in Baden-Baden die Nummer zwei der Welt, Viswanathan Anand.
In Forchheim sind sie dagegen stolz auf ihren Nachwuchs. Léon Mons, ein hagerer 17-Jähriger mit Wuschelkopf, hat mit sieben Jahren bei Udo Güldner mit Schach begonnen. Er reist bald zu seiner zweiten Junioren-WM. Alexander Seyb (21) kommt aus Großenseebach, Johannes Zwanzger (29) aus Kirchehrenbach. Sie alle schlagen sich achtbar, es reicht für drei Remis gegen Großmeister.
Es ist fast Abend, als Rainer Stephan noch den Analyseraum zeigen möchte. Die abgetretene Holztreppe knarzt, geschnitzte Fresken zieren die Wände. „Fränkisch modern mit altem Kern — der Forchheimer Slogan passt vortrefflich“, sagt er und zeigt auf den Beamer, der Live-Partien an die 1402 erbauten Wände wirft. Mehrere Tausend Zuschauer sehen gerade online zu, in den Rathaussaal kommen nur 25.
Forchheim unterliegt Solingen und auch Wattenscheid mit 2:6. „Egal. Jeder Punkt, den wir holen“, sagt Stephan, „fühlt sich wie ein großer Sieg an.“

