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Es riecht nach Grillhähnchen, Bier und Schweiß, die Bodenbretter des Kerwazeltes kleben beim Laufen leicht an den Schuhsohlen. Die schwüle Luft steht, die Bedienungen hetzen in Dirndln von Biertisch zu Biertisch. Doch anstelle einer Blaskapelle steht in der Mitte des Zeltes ein Boxring. „Heute Morgen haben wir ihn hergefahren, später bringen wir ihn wieder zurück“, sagt Herbert Hoffmann. „Bevor hier abends Remmidemmi ist, müssen wir draußen sein.“
67 Jahre alt ist der stellvertetende Box-Abteilungsleiter des TSV Stein, aber fit wie ein Turnschuh. „Ich mach’ dir immer noch dreißig Liegestütz in dreißig Sekunden“, sagt er und stellt seine Hände mit den Fingerspitzen auf den Biertisch. „Früher hätt’ ich sie dir auf den Kuppen machen können.“
Doch so wie früher ist es nicht mehr. Das Zelt ist nicht einmal halb gefüllt, auch die Steiner Mannschaft kann nicht mehr in jeder Gewichtsklasse einen Boxer stellen. „Schwergewichtler hatten wir lange nicht mehr, bei denen war immer das lauteste Gegröhle“, erinnert sich Hoffmann. Fünf aktive Boxer gibt es noch, dazu einen Jugendlichen und mehrere Gastboxer aus Weißenburg oder Ansbach. „Das müsst ihr mal schreiben, dass wir dringend Nachwuchs suchen“, bittet Herbert Hoffmann.
Seine Aushängeschilder, Victor und Arthur Martern, hat ihm der Sauerland-Boxstall nach Hamburg weggelockt, weitere Talente haben die Steiner nach Schlägereien in der Stadt herausgeworfen. „Was wir hier machen, ist sauberer Sport, da brauchen wir keine Chaoten.“
Das Problem ist, dass erst recht seit diesen Vorfällen kaum noch jemand nachkommt. „Heute will sich niemand mehr quälen“, schätzt der Abteilungsleiter, der selbst in seinem Leben so oft wieder aufgestanden ist. Erst die Kinderlähmung, später der plötzliche Tod der Frau, dann die Insolvenz von Grundig, wo er sich bis zum Abteilungsleiter hochgearbeitet hatte.
Im Kerwaring geht es in einem Freundschaftkampf gegen Berlin, was etwas kurios klingt, haut man sich ja gegenseitig auf die Nase. „Wir bezahlen denen die Fahrt, das Hotel und 40 Euro pro Kampf“, verrät Hoffmann. „Da zahlen wir drauf, aber fürs Kerwaboxen ist es uns das wert.
„Noch nicht verweichlicht"
Schon zu seiner Zeit war das Boxen zur Kirchweih das Saison-Highlight, das Zelt war proppenvoll und Schutzhelme gab es auch noch nicht. „Eben noch nicht so verweichlicht“, nennt es Herbert Hoffmann, einst in Stein Weltergewichtler. „Ich hatte Talent, aber keine Disziplin. Ich bin halt trotzdem noch abends fort gegangen.“
An einem dieser Abende in der Kneipe war Hoffmann entdeckt worden, als er einen pöbelnden Gast „mit einer Watsch’n, dass s’ nur so gschebbert hat“ auf den Hosenboden geschickt hatte. Trotz Fußgelenkslähmung brachte er es auf 80 Kämpfe, 48 davon hat er gewonnen. Vielleicht waren es mehr, aber „beschissen wurdest du damals schon von den Kampfrichtern.“
Plötzlich stellt der 67-Jährige den Maßkrug beiseite und steht von der Bierbank auf. „Mein Vorteil war, dass ich Linksausleger war, damit war die Lähmung kein Problem“, sagt er, geht in Grundstellung und schickt linke Geraden durch die dicke Kerwasluft. „Machen Sie das mal 30 Sekunden lang, dann wissen Sie, was die Jungs da oben leisten.“ Kein Bundesliga-Fußballer, ist er sich sicher, würde ein Training bei ihnen in Stein durchstehen. „Viermal die Woche drei Stunden, jede Übung im 30-Sekunden-Takt: Seilspringen, volle Schläge in den Sandsack, Liegestütz...“
Hoffmann hat sich wieder hingesetzt, eine Schweißperle rinnt seine Schläfe herab. Er guckt zum Ring und man merkt, es tut ihm ein bisschen weh, dass das alles nicht mehr so ist wie früher. Am Nachbartisch isst ein Rentnerehepaar ein Hähnchen, kleine Jungs spielen zwischen den Bänken fangen. Im Ring setzt es Aufwärtshaken gegen einen seiner Schützlinge.
„Zu meiner Zeit“, sagt Hoffmann, „haben wir noch Sonntagvormittag geboxt. Da war hier Halligalli beim Frühschoppen.“ Nun boxen sie Samstagmittag, wenn vor dem Zelt Schausteller die Autoscooter putzen und die Buden schrubben. Sonntags ist dafür jetzt Kerwa-Umzug. „Dabei müssten wir Sportler doch mehr wert sein als diese Kerwa-Burschen“, sagt Herbert Hoffmann und nimmt einen Schluck Bier. Dann zeigt er zum Ring. „Wenn man nie da oben stand, kann man sich gar nicht vorstellen, wie lange drei Minuten manchmal sein können.“

