45 Minuten lang war Jens Hegeler am Samstag praktisch immer da, wo auch nur ein Hauch von Bundesliga zu erahnen war. Hegeler fischte irgendwo im Mittelfeld mit seinen langen Beinen schier unerreichbare Bälle vom Fuß eines Gegenspielers, er köpfte gefährliche Flanken aus dem eigenen Strafraum, er düpierte Abwehrspieler an der gegnerischen Grundlinie — und Hegeler erzielte nach 15 Minuten sein erstes Bundesliga-Tor. Kurzum: Hegeler war überall, seine unbändige Lust auf die Bundesliga war nicht zu übersehen.
Man kann das verstehen, bislang war die Beziehung zwischen Jens Hegeler und der Bundesliga ja nicht mehr als eine flüchtige Affäre. Insgesamt drei Kurzeinsätze für Bayer Leverkusen, von denen der längste auch noch von einer Gelb-Roten Karte beendet wurde — Hegeler blieb fast nichts anderes übrig, als sich nach Augsburg in die Zweite Liga ausleihen zu lassen. Er und die Bundesliga brauchten eine Auszeit.
In Nürnberg wollte er den Neuanfang schaffen, er kam nun immerhin als Zweitliga-Stammspieler an den Valznerweiher — die Bundesliga sollte sich ihm nun nicht länger nur in kurzen Momenten offenbaren. Im Pokal, den Hegeler im vergangenen Jahr mit Augsburg bis zum Halbfinale hatte kennenlernen dürfen, musste er vor einer Woche noch auf der Bank Platz nehmen.
Dafür durfte er gleich im ersten Bundesliga-Saisonspiel von Beginn an auf dem Platz stehen — und hatte sichtlich Schwierigkeiten, seine überbordende Energie zu kontrollieren. Die Folge: In der zweiten Halbzeit war der 22-Jährige oft auch dort, wo die Bundesliga auf einem Bundesliga-Spielfeld entfernter nicht sein kann — womit Hegeler allerdings nicht alleine war. Mehmet Ekici, neben Timmy Simons der einzige tatsächliche Bundesliga-Debütant, musste sich entkräftet auswechseln lassen.
Auch ihm geriet der Auftritt im Borussia-Park ab und an noch zu ungestüm. „Ekici und Hegeler haben am Ende ihren Läufen Tribut gezollt“, analysierte Dieter Hecking deshalb später, „da müssen sie noch ihren Rhythmus finden.“
Wenn diese Suche immer so verläuft wie in Mönchengladbach, dürfte aber auch der Club-Trainer zufrieden sein. Ekici und Hegeler gehörten nicht nur in der ersten Halbzeit zu den auffälligeren unter den Gäste-Spielern. Während Ekici noch mit einem Fernschuss am Pfosten scheiterte, durfte sich Hegeler sechs Minuten später feiern lassen. Juri Judt hatte aus vollem Lauf geflankt, der alleingelassene Hegeler aus knapp sechs Metern per Kopf entspannt zur Führung getroffen. „Schon als der Ball vom Kopf losging“, erzählte Hegeler später, „hatte ich ein gutes Gefühl.“
Das gute Gefühl dürfte nach dieser Vorstellung auch in Nürnberg überwiegen. Das war nicht von Beginn an so: Hegeler ist einer der Leihspieler, deren Dasein im Umfeld des Clubs zumindest kontrovers diskutiert wird.
Bei Hegeler, der in einem Jahr von Bayer zurückbeordert, andernfalls vom Club verpflichtet werden könnte, dürfte sich die Frage nach der Identifikation zumindest in der Woche bis zum Heimspiel gegen den SC Freiburg nicht mehr stellen. Eher dürfte interessant werden, ob Hegeler die Woche dazu nutzt, sich an seine Stellenbeschreibung zu gewöhnen.
Hecking hatte ihn ja nicht mit der Maßgabe auf das Feld geschickt, so lange überall aufzutauchen, bis die Füße nicht mehr tragen. „Eigentlich sollte ich als Sechser spielen“, sagte Hegeler, „ich muss da alles noch ein bisschen dosieren, dass ich die Puste halte.“
Wenn dann die Torgefahr darunter leidet, könnte Hegeler das zumindest unter einer Voraussetzung verkraften: „Wenn ich jetzt 33 Mal kein Tor mehr schieße, wir dafür aber die Klasse halten, bin ich zufrieden.“ Zufrieden kann er auch sein, dann doch noch die kompletten 90 Minuten durchgehalten zu haben, seine Bundesliga-Einsatzzeit hat er damit immerhin verdreifacht. Und seine Sprache, immerhin, ist jetzt schon endgültig auf Bundesliga-Niveau.
„Das ist schon ein anderes Tempo als in der Zweiten Liga“, konstatierte Hegeler brav, „beide Mannschaften hatten zum Schluss keine Power mehr, deshalb ist es ein verdientes Unentschieden.“ In mancher Hinsicht gewöhnt man sich manchmal auch in ganz frischen Beziehungen viel zu schnell aneinander.
