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In der Kabine der Turnhalle 1 der Veit-Stoß-Berufsschule Nürnberg ist es kalt, Willi Langes Begrüßung umso wärmer. Der Leiter der Wintersportabteilung des Tuspo freut sich, mich zu sehen. Sein beruhigend gemeintes „Versichert sind Sie über den Verein“ bewirkt jedoch das Gegenteil.
Wie, versichert? Ich bin hier, um am Skigymnastik-Training teilzunehmen. Da dachte ich vorab nicht an mögliche Verletzungen, sondern an meinen alten Herrn. Der ging vor zwanzig Jahren einmal die Woche in einem rosafarbenen 80er-Jahre-Trainingsanzug zur Skigymnastik. Ich hatte ihn immer in Verdacht, das Ganze sei mehr so eine Stammtischgeschichte im griechischen Lokal nebenan. Der Sport schien auf jeden Fall nicht im Vordergrund zu stehen. Aber gut, ich lasse mich gerne vom sportlichen Aspekt überraschen.
Übungsleiter Klaus Betz klatscht in die Hände. „Und langsam los!“ Wir beginnen im Spaziertempo im Kreis zu laufen. Schön gemütlich, denke ich, so kann es weitergehen. In der Halle ist es auch kalt, da kommt die Bewegung gerade recht. Mit mir haben sich acht Teilnehmer zum Training eingefunden. Normalerweise sind es doppelt so viele, hat mir Willi Lange versichert. Die andere Hälfte zieht die Bergluft dem Hallenduft vor und macht gerade Skiurlaub.
Betz legt eine Kassette ein (für die jüngeren Leser: ein Magnet-Tonband-Träger, Vorläufer der CD). „Rock around the clock“ dröhnt durch die Halle und aus dem Spaziergang wird ein schneller Lauf. Mein Atem beschleunigt. Seit ich meine Vereinssportkarriere an den Nagel gehängt habe, ist meine Fitness nicht mehr die beste. Genauer gesagt kauert sie seitdem in einer dunklen Ecke. Ich musste mir für das Training extra eine Sporthose kaufen. Bei einer Größe von 1,76 Metern wiege ich 85 Kilo. Für einen optimalen Body-Mass-Index müsste ich 20 Jahre älter sein. Mein Gewicht liegt natürlich an den schweren Knochen. Ich habe als Kind nämlich sehr viel Milch getrunken.
Seit mehr als 40 Jahren wird bei der Tuspo trainiert, was man als Skifahrer braucht: Kondition, Beweglichkeit, Koordination und Reaktionsvermögen. Vielleicht hätte man der Gruppe vom Alter her nicht mehr auf Anhieb elegantes Wedeln auf verschneiten Hängen zugetraut. Aber: „Carving-Ski kommen Senioren sogar entgegen“, sagt Skilehrer Klaus Betz. „Die kürzeren Ski und die Taillierung unterstützen die Schwünge. Und der Stand ist breiter, die Haltung aufrechter, das macht Skifahren altersunabhängig.“ Die Belastung für die Gelenke sei sogar geringer als beim Joggen.
Mittlerweile üben wir Schwünge und die Abfahrtshocke, wie damals bei Manfred Vorderwülbeckes Teleski. Hansi Hinterseer, Rosi Mittermeier, Toni Sailer: Die damaligen Skiasse gaben sich im dritten Programm die Klinke zur fiktiven Hahnenkammabfahrt in die Hand. Das ist mittlerweile gute 20 Jahre her und seitdem ist die Skigymnastik auf dem absteigenden Ast. Aerobic war die neue Zaubersportart und auch die ist heute schon lange abgelöst durch Zumba, Tae Bo oder Powerblade. Klingt halt auch alles viel moderner.
Wieder laufen wir durch die Halle, mal in der Hocke, mal im Froschgang, um das Kantenfahren zu trainieren. Ich muss ziemlich fertig aussehen. Eine Teilnehmerin bietet mir zur Stärkung ein Kirschbonbon an. „Ziemlich anstrengend“, hechle ich Betz im Vorbeilaufen zu. „Das muss so sein“, gibt er zurück. Zu Beginn habe ich ein oder zweimal zum Fotografen gegrinst.
Aus Nervosität selbstverständlich, ich stehe ja nicht jeden Tag vor der Kamera. Ich glaube, Betz hat das auf sein Training bezogen und will mir jetzt zeigen, was eine Harke ist. „Ist es heute schärfer, weil ich dabei bin?“, frage ich die nette Dame mit dem Kirschbonbon. „Nein, das ist immer so“, lächelt sie zurück.
Ich fluche innerlich und ein bisschen lauter, als es auf die Matte geht. Bauch, Beine, Po: In einer Frauenzeitschrift wäre jetzt von einem Core-Workout zu lesen. Linkes Bein und rechten Arm ausstrecken, mit dem Bein kreisen: Uiuiui. Auf dem Bauch liegend die Fersen zum Hinterkopf ziehen: Schmerzen. Wenigstens in einer Übung kann ich als Katholik gut mithalten: Im Knien den Oberkörper nach hinten fallen lassen. Haben die jahrelangen Ministrantendienste doch was gebracht.
Wie damals im Gottesdienst wandert mein Blick jetzt immer öfter zur Uhr. Aber Betz hat noch eine Überraschung auf dem Programm. Um den Stockeinsatz zu trainieren, sollen wir auf dem Rücken liegend die Ferse
des überschränkten Beines berühren. Klingt kompliziert, ist aber nur schwer. Besonders für Snowboarder wie mich, die nie einen Stock in der Hand halten. Irgendetwas verkrampft sich unter meinem Schulterblatt. Hallo, unbekannter Muskel. Ich schicke Willi Lange ein stilles Dankeschön für sein Versicherungsangebot.
Der Schulgong durchbricht Bryan Adams „All for love“ und erlöst mich. Ich staune nur noch, was die Trainingsgruppe auf dem Kasten hat. Und warum sich niemand mehr für Skigymnastik interessiert. Ist doch genauso sportlich und fordernd wie jedes andere Gymnastiktraining. Nur den Namen umweht das Flair vergangener Zeiten. Wer sich daran nicht stört: Zwischen 12 und 15 Teilnehmer treffen sich jeden Montag um 18.30 Uhr. Und fragen zurecht: „Wo kriegen denn alle anderen Skifahrer ihre Beweglichkeit her? Etwa vom Sitzen auf den Geräten im Fitnessstudio?“
Ich soll Ihre Sportart ausprobieren? Buchen Sie mich unter 0911-2162422 oder per E-Mail: Stefan.Bergauer@pressenetz.de
Di. 22.05.12
Mo. 21.05.12
Mo. 21.05.12