In einer viel beachteten Studie will der englische Wissenschaftler Nick Neave herausgefunden haben, warum es einen Heimvorteil gibt: Angeblich ist der Testosteronspiegel von Fußballern im eigenen Stadion deutlich höher als auswärts. Ursächlich hierfür sei vor allem die Unterstützung durch die eigenen Fans, heißt es - worauf unter anderem Dieter Hecking, der Trainer des 1. FC Nürnberg, Samstagnachmittag in der Partie gegen Freiburg setzt. Immerhin zwölf Zähler schaffte Hecking mit dem Club in der vergangenen Rückserie im Frankenstadion, was noch für den Relegationsrang reichen sollte. Wenn Hecking etwa an die Stimmung während und nach dem 1:0 gegen den FC Augsburg zurückdenkt, läuft es ihm noch heute eiskalt den Rücken hinunter. "Überragend" sei die Atmosphäre damals gewesen, erinnert er sich, 107 Tage später soll es so weitergehen. "Endlich wieder ein Heimspiel", schwärmt der Trainer, "die Vorfreude ist groß."
Die Vorfreude auf: Nürnberg. Dass unter den 18 Bundesligisten mittlerweile nur noch die Franken-Metropole eine Laufbahn in der Arena herumliegen hat, stört dabei kaum. Solange genug Zuschauer da sind, wovon man nicht nur gegen Freiburg (15.30 Uhr) ausgehen kann. Rund 27500 Dauerkarten (knapp 500 weniger als vergangenen Sommer) wurden verkauft, womit der Club auf Rang fünf liegt. Hinter Dortmund, Schalke, Bayern und dem HSV. Sportlich wäre man hingegen schon heilfroh, wenn spätestens in der Schlusstabelle drei Vereine hinter Nürnberg stünden. Es kann schließlich ziemlich schnell in die andere, die falsche Richtung gehen. Vor einem Jahr zum Beispiel setzte man den Start im Frankenstadion gehörig in den Sand. War das 1:2 gegen Titelanwärter Schalke 04 keine große Überraschung, taten die nachfolgenden Niederlagen gegen Hannover 96 und den VfL Bochum richtig weh. Auch der SC Freiburg durfte am 14. Spieltag drei Punkte mit nach Hause nehmen. Eine Heim-Hypothek, die die überwiegend jungen Nürnberger bis zur letzten Saisonminute mit herumschleppten. Gegen direkte Konkurrenten im Kampf um den Klassenverbleib sollte man zu Hause tunlichst nicht verlieren, wo seit Menschengedenken das Fundament für Platz 15 gelegt werden muss.
Das ist natürlich auch Hecking bewusst, der am liebsten jedes Spiel gewinnen würde - gegen den SC Freiburg aber besonders gerne. Nulleins, einszwo - die Breisgauer hätten den Club im Frühjahr fast in Liga zwei hinuntergestoßen. "Die sechs Punkte", sagt Hecking deshalb trotzig, "würden wir uns gerne zurückholen." Irgendwie. "Wir müssen nicht gewinnen, es ist ja erst der zweite Spieltag", meint Dominic Maroh, "aber wir sollten." Gegen Freiburger, die wohl noch ein paar Wochen Vorbereitung gebrauchen könnten. Etliche Verletzte, deshalb etwas überstrapazierte Stammkräfte und kurzfristig noch zwei Neue. Yacine Abdessadki wollte zum 1. Juli unbedingt weg, ist nun aber wieder da (und günstiger), gestern wurde zudem Japans Nationalstürmer Kisho Yano vorgestellt. Eilig vorgenommene Korrekturen - nach einem verlorenen Heimspiel. Dem ersten. Hecking hingegen hat weitere Verstärkungen in der aktuellen Transferperiode bereits ausgeschlossen. Die Gewissheit, "dass uns unsere Fans wieder den Rücken stärken werden", scheint ihm fast wichtiger zu sein, eventuell nämlich gleichbedeutend mit dringend erforderlicher Heimstärke. Gemäß der Gleichung: Stimmung plus Testosteron ergibt Punkte. Wen Fußball nur so einfach wäre.
