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Nach dem Endspiel ist vor dem Endspiel

Der FC Bayern versucht, aus der Niederlage gegen Dortmund für das Finale gegen Chelsea zu lernen - 15.05.2012 07:00 Uhr

Der erste Pokal ist schon anderweitig vergeben: Philipp Lahm darf in Berlin nur gucken, nicht anfassen.

Der erste Pokal ist schon anderweitig vergeben: Philipp Lahm darf in Berlin nur gucken, nicht anfassen. © dpa


Mario Gomez hatte einen Vorschlag. „Abhaken und schnell vergessen“, sagte der Stürmer des FC Bayern München, müsse man das 69. deutsche Pokalfinale und „kein Wort mehr reden“ über das beinahe historische 2:5 gegen Borussia Dortmunds Meisterteam. Bloß wie? „Es wird schwer, das jetzt aus den Köpfen zu bekommen“, vermutete Kapitän Philipp Lahm; und Jupp Heynckes sah es ohnehin ein wenig anders. Einigen Gesprächsbedarf, monierte der Trainer, sehe er nach dieser Nacht, und Heynckes’ Wangen waren dabei so gerötet, als spüre er am eigenen Leib, was Karl-Heinz Rummenigge sprachbildnerisch auszudrücken versucht hatte. „Jedes Dortmunder Tor“ hatte der Vorstandsvorsitzende „wie eine Watschn“ empfunden.

„Schmerzhaft“, sagte auch Gomez, sei der Abend natürlich gewesen, und wer sie, verlegen und verunsichert, durch den riesigen Keller des Olympiastadions zum Bus schleichen sah, konnte sich tatsächlich sorgen um die Verlierer eines spektakulären Finales. Arg derangiert geht der FC Bayern jetzt in eine Woche, an deren Ende das größte Spiel seit elf Jahren steht. Damals, 2001 im Mailänder San-Siro-Stadion, gewannen die Münchner im Endspiel gegen den FC Valencia die Champions League, jetzt soll das wieder gelingen – am Samstag zu Hause gegen den FC Chelsea.

„Unerklärliche Dinge“

Wie es schiefgehen kann, wussten alle in der Nacht zum Sonntag. „Nächste Woche dürfen wir uns solche Fehler nicht erlauben“, erklärte Lahm, und ein leidlich verschämtes „So nicht“ vergaß keiner der wortkargen Münchner bei der Antwort auf die Frage, wie es gelingen könnte gegen die Londoner. Wie dann? Eben anders, lauteten die Vorschläge, und Heynckes wurde nicht müde herauszustreichen, das kleine Trauma von Berlin sei als völlig singuläres Ereignis zu betrachten.

Nur 22 Gegentore, rechnete der Trainer vor, habe man in der Bundesliga zugelassen, drei weniger als Dortmund; „atypisch gespielt“ habe seine Elf also in Berlin und „unter Druck unerklärliche Dinge gemacht“. Aber die ganze Wahrheit war das – abgesehen davon, dass der Druck gegen Chelsea kaum geringer ausfallen wird – nicht.

Wie die Münchner Defensive ins Wanken geraten kann, hatte man nicht zum ersten Mal gesehen. Jerome Boateng pflegt eine stete Neigung zur Leichtfertigkeit, seine ungeschickte Grätsche gegen Robert Blasczcykowski, die Mats Hummels den Elfmetertreffer zum 2:1 bescherte, war ganz und gar nicht die erste dieser Art. Seinem Nebenmann Holger Badstuber, der gegen Dortmund kaum ein Bein auf den Boden bekam, unterlaufen immer wieder auffällige Stellungsfehler – und entlastende Argumente helfen auch nicht weiter, denn dass beide Innenverteidiger gelegentlich arg allein gelassen werden, wenn es gilt, Schlimmeres zu verhüten, spricht gegen die Defensivarbeit des ganzen Kollektivs.

Schneller, kompakter, besser: Die Dortmunder (rechts der im DFB-Pokalfinale überragende Ilkay Gündogan) sind den Bayern derzeit überlegen.

Schneller, kompakter, besser: Die Dortmunder (rechts der im DFB-Pokalfinale überragende Ilkay Gündogan) sind den Bayern derzeit überlegen. © dpa


Den signifikanten Unterschied zwischen der besten deutschen Mannschaft und der Mannschaft, die jetzt Deutschlands beste in Europa werden will, hatte das Pokalfinale aufgezeigt. Eine überragende Defensivarbeit, die mit Mittelstürmer Robert Lewandowski beginnt, nennt Dortmunds Trainer Jürgen Klopp „die Grundlage für alles“; in Berlin hat er es in einem sehr Klopp’schen Satz schön formuliert: „Meine Jungs können richtig gut kicken, aber wenn sie den Ball nicht haben, spielen sie, als könnten sie nicht kicken – dann wollen sie einfach nur verteidigen.“

Dass sich die Münchner trotz des erschütternden Resultates insgesamt gar nicht so schlecht fanden, mutete zwar im ersten Moment etwas absurd an, war aber nachvollziehbar. Richtig gut kicken können sie auch, bloß war Dortmund in allen Schlüsselsituationen besser, kompakter, handlungsschneller – und deshalb war es keine schöne Vorstellung, nun auf ein Team zu treffen, dass es ähnlich versuchen könnte. „Es war sehr interessant, das Spiel zu sehen“, sagte Chelseas Coach Roberto Di Matteo als Augenzeuge des deutschen Finales, es habe ihn „auf ein paar Ideen“ gebracht. Wie gut der FC Chelsea verteidigt, weiß man spätestens seit dem Halbfinalsieg der Londoner über die beste Offensive der Welt, auch wenn Chelsea viel Glück benötigte gegen den FC Barcelona. Mit dem Austausch von Personal wird es deshalb kaum getan sein. Aus der bayerischen Abwehrreihe von Berlin sind Badstuber und David Alaba gegen Chelsea gesperrt, ebenso wie Luiz Gustavo, der vor der Viererkette ähnlich irrlichterte wie hinter ihm die Innenverteidigung (und neben ihm Bastian Schweinsteiger).

Option van Buyten?

Mit Anatoli Timoschtschuk und Diego Contento sieht die Viererkette für den Samstag auf dem Papier nicht besser aus; ob Daniel van Buyten doch eine Option wird, scheint offen. Der 34 Jahre alte Belgier hat nach viermonatiger Verletzungspause am Freitag im Regionalligateam sein Comeback gegeben und meldete sich (nach einem 0:3 gegen Ingolstadt) einsatzbereit.

Immerhin: In der Ahnung, dass es einiger Aufmunterung bedarf, bekamen die Bayern allseits gute Wünsche mit. „Ich bin mir sicher, dass sie eine Riesenreaktion zeigen und die Saison mit einem Titel abschließen“, sagte Bundestrainer Joachim Löw in Berlin, Dortmunds Kapitän Sebastian Kehl versprach, „ihnen kräftig die Daumen zu drücken“. Bayern-Fan, erklärte Jürgen Klopp, sei er jetzt selbstverständlich, und so gut wie Dortmund sei Chelsea ja kaum, sagte Klopp – natürlich nicht. Aber darin könnte allemal eine große Hoffnung liegen. 

VON HANS BÖLLER

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