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Schwärmerei für einen Mythos

Borussia Mönchengladbach verzaubert das Fußball-Land - 02.12. 13:20 Uhr

NÜRNBERG  - Die Geschichte kann romantisch veranlagte Menschen nicht unberührt lassen. In wenigen Monaten vom Abstiegs- zum Titelkandidaten - die Elf vom Niederrhein ist wieder da. Und wie.

Helden des Aufschwungs: Offensivstar Marco Reus (li.) und Trainer Lucien Favre (re.) sind die Erfolgsgaranten in Mönchengladbach.
Helden des Aufschwungs: Offensivstar Marco Reus (li.) und Trainer Lucien Favre (re.) sind die Erfolgsgaranten in Mönchengladbach.
Foto: dpa
Helden des Aufschwungs: Offensivstar Marco Reus (li.) und Trainer Lucien Favre (re.) sind die Erfolgsgaranten in Mönchengladbach.
Helden des Aufschwungs: Offensivstar Marco Reus (li.) und Trainer Lucien Favre (re.) sind die Erfolgsgaranten in Mönchengladbach.
Foto: dpa

Bevor die Schwärmerei beginnt: ein paar nüchterne Fakten. Manchem sind Schwärmereien ja wesensfremd oder sogar suspekt, sie fürchten sich davor, deshalb: Seit Lucien Favre die Borussia trainiert, kassierte Mönchengladbach nur zwei Mal mehr als ein Gegentor (je zwei im Februar in Wolfsburg und jüngst gegen Leverkusen). In 26 Bundesligaspielen mit dem Schweizer Trainer gelangen 15 Siege, zuletzt vier hintereinander; Borussia war Tabellenletzter, als Favre kam, am Freitagabend stand Mönchengladbach auf Platz eins – es war eine Bundesligatabelle, die sich jeder Mensch mit einem Herz für den Fußball ausgeschnitten hat. Jetzt legt man sie neben die vom 14. Spieltag der Saison 1976/77, und wer dann nicht ins Schwärmen gerät, müsste schon ein elend freudloser Phlegmatiker sein.



Man will auch beim Fußball wenigstens hin und wieder noch schwärmen können. Schwärmen macht das Leben schöner, und wovon könnte man jetzt schöner schwärmen als von Borussia Mönchengladbach? 29 Punkte aus 14 Spielen: Zuletzt vor 35 Jahren war Gladbach besser als jetzt. Heynckes, Simonsen, Stielike, Bonhof, Vogts oder Wimmer hießen die Fußballer, die die Spielzeit mit einem 2:2 beim FC Bayern München (mit Maier, mit zum letzten Mal Beckenbauer, mit Schwarzenbeck, Müller, Rummenigge und Hoeneß) abschlossen – als deutsche Meister.

Uli Hoeneß hat noch 35 Jahre später ein großes Herz für den Fußball, und wer den Präsidenten des FC Bayern jetzt von den Borussen schwärmen hört, versteht auch als Nachgeborener, warum Mönchengladbach der ewige Lieblingsklub der deutschen Fußball-Romantik bleibt. Eine Überraschungsmannschaft, sagt Hoeneß, könne Borussia bis zum Ende bleiben, sogar ein angehender Meister sein, und auch, wenn es wahrscheinlich nicht so kommt – so schön ist noch nicht einmal Fußball – ist das, was da gerade passiert am Niederrhein, wenn schon kein Wunder, dann eine wunderbare Demonstration der puren Lust am Spiel, wie man sie in den Siebzigern von Hennes Weisweilers Fohlen-Elf gesehen hat.

Reus, Dante, Daems, Arango, Herrmann, de Camargo – vor sechs Monaten retteten sie sich über die Relegationsspiele gegen den VfL Bochum gerade noch vor dem Abstieg, jetzt verzaubern sie die Bundesliga. „Die beste deutsche Mannschaft“ hatte Kölns Trainer Stale Solbakken beim Gladbacher 3:0 im rheinischen Derby gesehen. Natürlich wäre es unseriös, wie Favre es ausdrückt, sich diese Borussen als Meister auszumalen, aber die Vorstellung ist ja schon als solche ein bisschen elektrisierend geworden – ein Jahr, nachdem die Dortmunder Borussia sich aufgemacht hatte, alle Herzen im Fußball-Land zu erobern. Der nette Favre lächelt dazu; und man ahnt, was diese Liaison zwischen Gladbach und dem Trainer so besonders macht. In diesem genialen Praktiker steckt auch ein großer Fußball-Romantiker.

  



HANS BÖLLER

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