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Der Wiener Stürmer hatte sich den Ball zu weit vorgelegt, bis in den Strafraum hinein. Es wäre eindeutig an Max Grün gewesen, die Gefahr für seinen Kasten zu bereinigen. Doch der Schlussmann zog seinen Sprint nicht durch, zögerte beim Herauslaufen, wirkte unsicher und hatte Glück, dass der Schussversuch des Österreiches an seiner Brust abprallte.
Am Ende schlug das Kleeblatt in diesem Testspiel Austria Wien, den Vierten der österreichischen Bundesliga und Euro-League-Teilnehmer, beeindruckend sicher mit 4:1.Ohne die Erinnerung an das letztjährige Wintertrainingslager in der Türkei wäre Grüns Patzer auf einem Hotel-Sportplatz im Nirgendwo bei Antalya, zwischen Gewächshäusern und hässlichem Brachland, nicht mehr als eine Randnotiz gewesen. So aber stellte sich die Frage, ob der 24 Jahre alte Schlussmann immer noch Angst hat. Angst vor einer erneuten schlimmen Verletzung. Im Januar 2011 brach sich Grün bei einer ähnlichen Aktion in der Türkei das Schienbein. Der Stuttgarter Cristian Molinaro war am Strafraumrand ohne Rücksicht auf Verluste in den Zweikampf gegangen. Als Zuschauer glaubte man, den Knochen Grüns bersten zu hören. Selbst abgebrühte Profis wendeten sich schockiert ab.
Hinterher rief mehrmals VfB-Trainer Bruno Labbadia bei Grün an, um sich nach seinem Befinden zu erkundigen. Das Stuttgarter Präsidium schickte Genesungswünsche. Nur von Molinaro kam nichts. „Das spricht für seinen Charakter“, sagt Grün sarkastisch. Es ist der einzige Moment, in dem Max Grün erkennbar bitter zurückblickt.
Grün war nie ein herausragender Strafraumbeherrscher. Seine Vorzüge lagen und liegen eher auf der Linie, in seiner Reaktionsschnelligkeit. „Er ist ja noch ziemlich jung“, sagt Trainer Mike Büskens. Will heißen: Auch Max Grün lernt noch. Dafür analysiert der gebürtige Unterfranke die jüngsten Wendungen seiner noch kurzen Karriere erstaunlich klar und nüchtern. „Man nimmt viel aus einer solchen Sache mit, die Reha war eine prägende Zeit.“
Der Max Grün vor der Verletzung, sagt Grün, sei ein Fußballprofi gewesen, der „mit Leichtigkeit von null auf hundert“ durchgestartet war, „alles war im Fluss“. Im Rekordtempo stieg der in der Nachwuchsabteilung des FC Bayern München ausgebildete Profi im Rekordtempo vom Ersatzmann zum laut kicker besten Torhüter der Liga auf.
Grün mag solche Ranglisten nicht, man erkennt es an seinem süffisanten Lächeln, sie erscheinen ihm zu ungefähr, zu beliebig. Außerdem weiß er genau, dass er stark von der außergewohnlich guten Defensivarbeit seiner Vorderleute profitiert. Dennoch ist es eine interessante Klammer um das vergangene Jahr, dass ihn der kicker kürzlich erneut als Nummer eins der Zweitligatorhüter führte. Dazwischen lag, so Grün, „ein täglicher Kampf“.
Es war ja nicht nur die schwere Verletzung an sich und die Ungewissheit, wie die Heilung verlaufen würde. Zudem verpflichtete das Kleeblatt vor einem Jahr auch noch einen Ersatzmann, der auf Anhieb überzeugte. Auch in Sachen Strafraumbeherrschung. Nicht wenige wünschten Ende der vergangenen Saison, dass Alexander Walke bleiben würde. Als neue Nummer eins. Natürlich existierte das ungewöhnliche Versprechen, mit dem Büskens dem Rekonvaleszenten Grün eine Art Stammplatzgarantie zubilligte. Aber was sind solche Zusagen im extrem leistungsorientierten Profi-Fußball wert? Walke, dessen Kauf beziehungsweise weitere Ausleihe von Red Bull Salzburg sich die Spielvereinigung letztlich nicht leisten konnte, ging, und zu Saisonbeginn stand wieder Grün zwischen den Pfosten. Nach einer 2:0-Führung der Fürther gegen Eintracht Frankfurt ließ er einen Distanzschuss von Alexander Meier zum Anschlusstreffer der Gäste passieren.
Man verlor noch 2:3, und der für gewöhnlich extrem verschwiegene Torwarttrainer Günter Reichold gestand: „Zum ersten Mal seit eineinhalb Jahren müssen wir wirklich ein Tor auf unsere Kappe nehmen.“
Grün blieb dennoch ruhig. „Für die Art der Verletzung ist er da eigentlich stabil durchgekommen“, sagt Trainer Büskens anerkennend. Mit der gleichen Zähigkeit, mit der er mühsam neu lernen musste, auf einem Bein zu hüpfen, gewann Max Grün Spieltag für Spieltag ein bisschen mehr von der alten Sicherheit zurück.
Noch immer stecken in seinem rechten Schienbein ein Nagel und drei Schrauben. Vor allem auf den ungewöhnlich harten Plätzen in der Türkei braucht es eine Viertelstunde Aufwärmtraining, bevor das operierte Bein schmerzfrei Dienst tut. Mental, meint Grün, habe er die leidige Verletzung völlig abgehakt. „Alles in allem hat mich das noch stärker gemacht.“
Di. 22.05.12
Di. 22.05.12
Di. 22.05.12
Mo. 21.05.12