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Ganz fremd war ihnen die Situation allerdings nicht, mit Verspätungen kannte man sich ja spätestens seit dem Abend zuvor ganz gut aus. Erst nach 45 Minuten hatte Nürnberg da mit einem Fußballspiel begonnen, das bis dahin nur der Gastgeber ernst genommen hatte. Dabei hatten sie sich so viel vorgenommen. Der Auftritt beim Europa-League-Teilnehmer sollte zeigen, dass Nürnberg nach zuletzt zwei Siegen in Folge auch in diesem Jahr wieder entspannt durch die Rückrunde gehen kann, er sollte dem Rest der Bundesliga außerdem beweisen, dass der 1. FCN im Jahr 2012 mit zwei Angreifern spielen und dadurch endlich mehr Tore schießen kann — es klappte beides nicht.
Nach 90 Minuten sagte Philipp Wollscheid deshalb das, was man in dieser Saison schon häufiger einen Nürnberger Berufsfußballer hatte sagen hören: „Ich kann mir das nicht erklären.“ Wollscheid meinte die erste Halbzeit im Niedersachsenstadion, die praktisch ohne Beteiligung der Gäste vorübergegangen war. Knapp drei Minuten lang zeigte Nürnberg, dass die Erfolge in Leverkusen und gegen Berlin das Selbstvertrauen hatten wachsen lassen, Almog Cohen und Christian Eigler vergaben Halbchancen — dann machte Nürnberg Pause vom Spiel. „Das war leidenschaftslos und ohne Kampfkraft“, sagt Wollscheid, „so können wir uns nicht präsentieren.“ Sie taten es trotzdem.
Ohne große Anstrengung kontrollierte Hannover, zuvor 96 Tage ohne Sieg, die Partie und ging nach einem dreifachen Nürnberger Missgeschick in Führung: Adam Hlousek hinderte Lars Stindl nicht an einer Hereingabe, Philipp Wollscheid und Dominic Maroh Hannovers treffsicheren Angreifer Mohammed Abdellaoue nicht am 1:0. Es war die Entscheidung nach 18 Minuten, weil Nürnberg sich in der zweiten Halbzeit nicht mehr für einen System- und Mentalitätswechsel belohnen konnte.
Dieter Hecking verbrachte die Pause ja nicht nur damit, seine Mannschaft für eine blutleere Vorstellung zu schimpfen, er beendete auch das Experiment mit Alexander Esswein und Christian Eigler Seite an Seite und ganz vorne. „Wir haben keinen Zugriff gefunden, sind überhaupt nicht ins Gegenpressing gekommen“, sagte Hecking später über die ersten 45 Minuten, ließ aber Milde walten und wollte nicht alles auf die fehlende Einstellung schieben. „Ich glaube, dass uns die taktische Umstellung geholfen hat“, meinte Hecking. Fortan durfte sich wieder Tomas Pekhart (der Tscheche wurde am Samstag am Daumen operiert) ganz vorne versuchen, unterstützt von einem Fünfer-Mittelfeld, in dem nun Jens Hegeler und Daniel Didavi tatsächlich so etwas wie Spielfreude entwickelten.
„Die Systemumstellung“, sagte Hannovers Trainer Mirko Slomka, „hat uns große Schwierigkeiten bereitet.“ Ahnen, dass es an diesem Abend doch noch ein wenig anstrengend werden würde für seine Mannschaft, konnte es Slomka nach knapp 56 Minuten, als Nationaltorwart Ron-Robert Zieler einen Kopfball von Pekhart mit Mühe entschärfte. Hannovers gefälliges Spiel aus der ersten Halbzeit war nur noch vage Erinnerung, Nürnberg bestimmte das Geschehen, wurde aber nach Pekharts Möglichkeit für lange Zeit nicht mehr gefährlich.
„Wir sollten uns von der zweiten Halbzeit nicht zu sehr blenden lassen“, durfte deshalb später Torwart Raphael Schäfer völlig zu Recht sagen, „die Chancen für den Ausgleich hatten wir nicht.“ Nun, eine Chance zum Ausgleich hatten sie schon noch. Adam Hlousek trat kurz vor dem traurigen Ende einen Freistoß in den Strafraum, fand Hegeler, der den Ball freistehend am Fünfmeterraum in Richtung Tor beförderte — und doch nur das Bein von Daniel Didavi traf.
„Wenn Didavi nicht zum Ball geht, geht er sogar rein“, sagte Hecking. Didavi aber ging zum Ball; als er merkte, dass das keine gute Idee ist, war es schon zu spät. „Man kommt da nicht mehr weg“, sagte der Mittelfeldspieler zu seinem Missgeschick. Immerhin: Am Morgen danach ist ihnen das dann doch noch gelungen — mit tatsächlich 45 Minuten Verspätung ging es wieder zurück Richtung Nürnberg.
Hannover: Zieler; Cherundolo, Eggimann, Pogatetz, Pander – Schmiedebach, Pinto (90.+2 Chahed) – Stindl, Rausch – Schlaudraff (83. Stoppelkamp), Abdellaoue (89. Sobiech).
Nürnberg: Schäfer; Feulner, Maroh, Wollscheid, Hlousek – Didavi, Simons, Cohen (46. Pekhart), Hegeler – Eigler (73. Bunjaku), Esswein (82. Frantz).
Schiedsrichter: Fritz (Korb). – Zuschauer: 35400. – Tor: 1:0 Abdellaoue (18.). – Gelbe Karten: Abdellaoue (2), Schlaudraff (2), Pinto (8) – Wollscheid (3), Eigler (3).

Mi. 23.05.12
Di. 22.05.12
Mo. 21.05.12
Fr. 18.05.12