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Unbekümmert bleiben und auf das Herz hören

Mit 19 Jahren ist der angehende Abiturient Ilkay Gündogan schon ein Schlüsselspieler beim 1.FC Nürnberg - 19.10. 19:09 Uhr

NÜRNBERG  - Ilkay Gündogan, als Sohn türkischer Einwanderer in Gelsenkirchen geboren, ist beim 1.FC Nürnberg innerhalb eines Jahres zu einem begehrten Fußballer gereift. Es war ein erstaunlich gerader Weg – und Gündogan will sich vor den nächsten Schritten nicht irritieren lassen von einer stetig steigenden Erwartungshaltung.


Filigranfußballer mit Kämpferherz: Nürnbergs 19 Jahre alter Mittelfeldspieler Ilkay Gündogan (gegen St. Paulis Bastian Oczipka, rechts).
Filigranfußballer mit Kämpferherz: Nürnbergs 19 Jahre alter Mittelfeldspieler Ilkay Gündogan (gegen St. Paulis Bastian Oczipka, rechts).
Foto: dpa
Filigranfußballer mit Kämpferherz: Nürnbergs 19 Jahre alter Mittelfeldspieler Ilkay Gündogan (gegen St. Paulis Bastian Oczipka, rechts).
Filigranfußballer mit Kämpferherz: Nürnbergs 19 Jahre alter Mittelfeldspieler Ilkay Gündogan (gegen St. Paulis Bastian Oczipka, rechts).
Foto: dpa

In einer Zeitung stand gerade die schöne Bemerkung nachzulesen, es sei noch gar nicht sicher, dass Ilkay Gündogan für die deutsche Nationalmannschaft spielen werde. Es ging darum, dass er sich ja auch die Auswahl der Türkei entscheiden könnte. Es werben beide Verbände um ihn; nur die eigentlich vordringlichere Frage, ob Ilkay Gündogan überhaupt Nationalspieler wird, stellt sich für Beobachter offenbar gar nicht mehr. Spätestens, seit sein Marktwert auf sieben Millionen Euro taxiert wird, hat Gündogan Begehrlichkeiten geweckt, die bis ins Schwindelerregende abdriften können.

Sieben Millionen Euro oder mehr: Sein Verein, der 1.FC Nürnberg, wäre über Nacht saniert, und wer solche Debatten nur an der Oberfläche verfolgt, könnte auf die Idee kommen, dieser Ilkay Gündogan sei nicht nur die personifizierte Lebensversicherung für Nürnberg, sondern sogar schon ein bisschen die Zukunft des deutschen Fußballs. Oder des türkischen.

Talent mit Persönlichkeit

Ilkay Gündogan wird am Sonntag erst zwanzig Jahre alt, er bestreitet gerade seine zweite Saison in der Bundesliga, und wahrscheinlich ist es ein großes Glück, dass er ein intelligenter, netter und höflicher junger Mann ist, der nicht dazu neigt, sich den Kopf verdrehen zu lassen – „denn spurlos geht das ja alles nicht an einem vorbei“, sagt er selbst. „Er hat diesen Hype überragend gemeistert“, sagt sein Trainer Dieter Hecking. Man findet niemanden im Club, der nicht ein bisschen schwärmen würde von diesem Ilkay Gündogan – natürlich von seinem auffälligen fußballerischen Talent, aber genauso von einer erstaunlich reifen Persönlichkeit, wie Rainer Adrion, der Trainer der deutschen U21-Nationalmannschaft, sagt.

„Ein richtig sauberer Junge“, findet Adrion, sei der vom damaligen Trainer Michael Oenning Anfang 2008 aus Bochum nach Nürnberg geholte Spieler; „in seinem Charakter“, sagt Hecking, „hat er sich nie geändert – Ilkay ist eher noch gewissenhafter geworden“. Hecking hat immer versucht, dieses Talent öffentlich nicht zu sehr zu loben; Gündogans überragende Veranlagungen waren sowieso nicht zu übersehen – und einmal geweckte Erwartungen können in einem Geschäft der schrillen Schlagzeilen, in dem es von Schmeichlern und Profiteuren nur so wimmelt, eine gefährliche Eigendynamik entwickeln.

Dass die Kritiken inzwischen schlechter ausfallen, wenn Ilkay Gündogan nur ganz normal Fußball spielt, hat er schon erfahren. „Wenn du als 19-Jähriger mit einer Sechs benotet wirst, ist es gut, jemanden zu haben, der einen aufbaut – auch wenn man eigentlich weiß, dass man nicht so auf diese Noten schauen muss“, sagt Gündogant: „Aber die Erwartungshaltung ist wirklich groß geworden.“

Er will da jedoch nicht missverstanden werden, Gündogan beklagt sich nicht: „Ich habe ja auch Erwartungen an mich“ – bloß sei es „nicht immer leicht, in meinem Alter als Persönlichkeit zu wachsen, wenn man manchmal schon so im Mittelpunkt steht“. Wenn er davon erzählt, ist ohne jede Spur falscher Bescheidenheit viel vom Lernen die Rede. „Ich habe den Anspruch zu zeigen, was ich drauf habe“, sagt er, „ich will Verantwortung übernehmen und weiter in eine Führungsrolle hineinwachsen.“ Gündogan ist, das erschließt sich in jedem Gespräch, ein anspruchsvoller Sportler von großer Ernsthaftigkeit im Ausbildungswillen, und das erklärt wahrscheinlich, warum er längst viel mehr ist als ein Talent mit Perspektive. Sein entschlossenes Solo zum 1:0 im Relegationsrückspiel beim FC Augsburg machte im Mai den Weg zu Nürnbergs Klassenverbleib endgültig frei.

„Jeder lernt von jedem“

Als „sehr lernwillig“ bezeichnet sich Gündogan selbst, „jedes Spiel hilft mir weiter“, und darüber ist er erstaunlich schnell vom Fußball-Azubi zu einem Mittelpunkt der Nürnberger Mannschaft geworden. „Jeder kann von jedem etwas lernen“, beschreibt er den teamdynamischen Prozess, der es ihm erleichtert habe, höhere Ansprüche zu erfüllen; „das geht nur miteinander, als junger Spieler will man ja immer eher zu viel“. Darüber ist Gündogan ein immer besserer Spieler geworden, ohne dass er seine Rolle grundsätzlich neu hätte definieren müssen. „Spaß haben, unbekümmert sein, das ist mein Spiel“, sagt er, und das will er sich erhalten.

Sein Trainer setzt darauf, dass es gelingt – trotz „der Gefahr, dass man ihm von außen zu viel aufbürdet“, wie Dieter Hecking sagt, der die Mechanismen kennt: „Was vor ein paar Monaten normal war, ist heute schlecht, was gut war, wird überragend gemacht – aber damit wird man einem jungen Spieler nicht gerecht“; Gündogan sei „doch längst nicht ausgereift“ und dürfe Fehler machen: „Weil er ein Junge ist, der daraus lernen will – und er soll gar nicht das Besondere machen, er soll so bleiben, wie er ist.“

Dass seine Eltern seinen Weg begleiten, ohne Ansprüche zu stellen, die der Sohn nicht selbst hätte, helfe ihm sehr, sagt Ilkay Gündogan. „Klar im Kopf bleiben“ will er, wenn die nächsten Entscheidungen anstehen. Die weitere Karriere, die Nationalmannschaft – „meine Eltern sagen, ich soll auf mein Herz hören“. Im Mai steht aber zunächst das Abitur an der Bertolt-Brecht-Schule an, in Mathematik, Sport, Englisch und Ethik/Philosophie – das ganz normale Schülerleben. Man vergisst es ja manchmal: Ilkay Gündogan ist erst 19 Jahre alt. 





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