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87 Minuten, in denen der FC Bayern den Gast aus London kontrollierte – mit Leidenschaft, manchmal sogar mit Witz. 87 Minuten, nach denen Bayern München 1:0 führte, weil Thomas Müller vier Minuten zuvor ein Tor erzielt hatte, wie es nur Thomas Müller kann.
Eine Flanke von Franck Ribery hatte Müller mit dem Kopf auf eine so groteske Flugbahn in Richtung Tor geschickt, dass Chelseas Keeper Petr Cech, einer der besten seines Fachs, fast ein wenig blamiert aussah. Müllers Kopf hatte aber nicht nur den Ball auf eine seltsame Reise geschickt — er veränderte ein ganzes Spiel, das spätestens in der 88. Minute selbst den Dreh ins Groteske schaffte. Mit der ersten Möglichkeit des Spiels für Chelsea gelang Didier Drogba der Ausgleich. Und noch einmal 30 Minuten später musste Bastian Schweinsteiger zu einem Elfmeter antreten: vier Schritte, ein Schuss. Stille.
Schweinsteiger war in dieser Spielzeit lange verletzt, er hatte gegen Chelsea nach zwei Minuten die Gelbe Karte gesehen und nach fünf Minuten erstmals angedeutet, dass es um seine körperliche Verfassung immer noch nicht zum Besten bestellt ist. Aber Schweinsteiger hielt durch, er war nicht brillant, aber er arbeitete Fußball 120 Minuten lang. Dann sollte er eine Hauptrolle spielen in einem Elfmeterschießen, das so gut begonnen hatte für den FC Bayern: Lahm hatte getroffen, Manuel Neuer zuerst gegen Mata gehalten und dann selbst Cech bezwungen.
München sah aus wie der Sieger — nicht zum ersten Mal an diesem Abend, aber zum letzten Mal. Als Olic an Cech scheiterte, herrschte wieder Gleichstand. Zwei Schützen blieben noch, Schweinsteiger und Drogba. Schweinsteiger hatte den FC Bayern mit einem Elfmeter in Madrid ins Finale geschossen. Jetzt lief er an, vier Schritte, die nicht leicht aussahen, aber das hatte noch keiner der Schweinsteiger-Schritte an diesem Abend. Dann der Schuss, Pfosten und Stille. Stille, die den Jubel der Chelsea-Fans auf der anderen Stadionseite übertönte.
Schweinsteiger hatte nicht getroffen, Drogba danach schon. Eine Partie war entschieden, von der man vorher dreimal gedacht hatte, dass sie nun entschieden sei. Erst traf Müller, der sich in der zweiten Halbzeit zu einem Protagonisten eines Spiels aufschwang, mit dem sie beim FC Bayern so viele Hoffnungen verbanden. Müller quälten schon eine Viertelstunde vor seinem Tor Wadenkrämpfe, aber er rannte einfach weiter an gegen die Wand aus Beinen, die Chelsea im eigenen Strafraum aufgebaut hatte. Chelsea verteidigte so, wie man das hatte erwarten können, der FC Bayern aber hatte viel mehr Gelegenheiten, als man das gegen diese Defensivspezialisten hatte erwarten dürfen. Müllers Tor aber war nicht die Entscheidung, weil Drogba mit jener Wucht traf, die ihn berühmt gemacht hat.
München und Schweinsteiger waren verzweifelt, man rettete sich in die Verlängerung, angeschlagen, ein bisschen beleidigt davon, dass wie vor zwei Jahren gegen Mailand wieder der destruktive Ansatz des Gegners zumindest nicht bestraft wurde. Arjen Robben war es, der seine Kollegen in der kurzen Pause noch einmal daran erinnerte, worauf es nun ankommen würde in zweimal 15 Minuten Verlängerung. Robben deutete auf seinen Kopf, mental sollten sie stark bleiben. Blieben sie — bis auf Robben. Fünf Minuten waren vorbei, als Drogbas Wucht ein falsches Ventil fand. Im Strafraum foulte er Ribery. Der Franzose musste ausgewechselt werden, was aber nicht weiter schlimm war, weil die Partie ja ein zweites Mal entschieden schien. Robben, der mit der mentalen Stärke, nahm sich den Ball, lief an — und scheiterte an Cech, so wie er in diesem Jahr schon einmal gescheitert war: an Roman Weidenfeller, dem Torwart aus Dortmund.
Bastian Schweinsteiger sah Robbens Elfmeter nicht, er hatte am anderen Ende des Spielfelds zu tun. Schweinsteiger kniete vor Manuel Neuer. Am Torwart war es, Schweinsteiger von Robbens Scheitern zu erzählen. Schweinsteiger ist dann weitergerannt bis zum Elfmeterschießen. „Nach der Verlängerung“, sagte später ein sehr souveräner Jupp Heynckes, „waren sich einige meiner Spieler nicht sicher, ob sie sich einen Elfmeter zutrauen.“ München war gerannt, hatte gekämpft — aber jetzt schien München müde, die Chelsea-Fans sangen; in der Südkurve, wo sie in ihren roten Trikots standen, versuchten sie sich schon an der Stille.
Fünf Spieler fand Heynckes dann noch, die sich einigermaßen sicher waren mit Blick auf das Elfmeterschießen. Und wieder schien alles gut zu werden für den FC Bayern. Als Neuer traf, stand es 3:1, zweimal hätte München noch treffen müssen. Sie trafen nicht mehr, nicht Olic, nicht Schweinsteiger. Stattdessen war es Drogba, der für die Entscheidung sorgte, es war die vierte an diesem Abend. Es war die einzig wirkliche.
Nie zuvor hatte der Chelsea Footballclub die Champions League gewonnen. Chelsea war eine tragikomische Figur des englischen Fußballs: beliebt, aber nur selten erfolgreich. Das änderte sich, als sich vor einigen Jahren ein russischer Milliardär des Klubs annahm. Roman Abramowitsch steckt viel Geld in den Verein, Chelsea war bei den Puristen des Spiels nun nicht mehr beliebt, aber endlich wieder erfolgreich, wenn auch nur auf nationaler Ebene. Der große Triumph in der Champions League war ihnen bislang versagt geblieben, oft fehlten nur Zentimeter, etwa als John Terry im Endspiel von Moskau 2008 den entscheidenden Elfmeter an den Pfosten setzte. Am Samstag, kurz vor Mitternacht, ist Abramowitsch belohnt worden, er stand auf der Haupttribüne inmitten seiner Spieler und durfte den Pokal hochhalten. Abramowitsch lächelte so, wie er immer lächelt. Er sieht dann sehr nett aus.
Wir haben nicht gesprochen“, sagte später Roberto di Matteo, „aber er hat sehr glücklich ausgesehen.“ Di Matteo sah auch sehr glücklich aus, ihn hat das Glück unverhofft getroffen. Seit drei Monaten erst ist er, geboren im schweizerischen Schaffhausen und ehemaliger italienischer Nationalspieler, Trainer bei Chelsea. Eigentlich ist er sogar gar kein Trainer, sondern eine Übergangslösung. Di Matteo weiß immer noch nicht, ob er Chelsea weiterhin trainieren darf. Fürsprecher allerdings gibt es längst. „Ich würde ihm einen Dreijahres-Vertrag geben“, sagte Jupp Heynckes.
Das würde bedeuten, dass Chelsea vielleicht in den nächsten drei Jahren einen eher destruktiven Spielstil pflegt. Solange es erfolgreich bleibt, stören sie sich nicht daran. Auch nicht an kritischen Nachfragen. Nein, entschuldigen wolle er sich nicht für diesen Abend, sagte di Matteo auf die Frage eines Journalisten: „Ich kann aber verstehen, dass man vom Fußball auch eine andere Meinung haben kann.“ Dazu lächelte er noch ein wenig freundlicher. Er wusste ja, dass die mit der anderen Meinung an diesem Abend längst in der Stille der Nacht verschwunden waren.
Sa. 25.05.13
Sa. 25.05.13
Sa. 25.05.13
Sa. 25.05.13
Fr. 24.05.13