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„Wir werden beide weinen, Marek und ich“, hatte er vorher gesagt – nur halb im Ernst; manchmal hilft ein Späßchen ja gegen etwas Wehmut.
Andreas Wolf ist kein Fußballer, der öffentlich Emotionen zeigt, er sei auch kein großer Redner, sagt er von sich selbst. Das musste er nicht sein, um zu werden, was man beim 1.FC Nürnberg eine Legende nennt. „Legenden: Die besten Club-Spieler aller Zeiten“, so heißt ein vor einem Jahr erschienenes Buch – mit überwiegend Schwarzweiß-Fotos, die meisten legendären Nürnberger Spieler kickten in der Fußball-Steinzeit.
Aus der Gegenwart fanden drei Spieler Aufnahme: Raphael Schäfer, Marek Mintal – und Andreas Wolf, der Kapitän, der seit gestern ebenfalls Vergangenheit ist beim 1.FC Nürnberg. Am Nachmittag gab Wolf seinen sich seit Wochen abzeichnenden Abschied offiziell bekannt – in einem offenen Brief an die Anhänger des Vereins.
„Wir haben zusammen so viele schöne und bewegende Momente, aber auch einige Tiefschläge erlebt“, heißt es darin, und: „Ich möchte keinen dieser Momente missen, denn das alles hat uns zusammengeschweißt und geformt. Ich möchte mich einfach für die unvergleichliche Unterstützung in all den Jahren bedanken.“
Er habe, sagt Andreas Wolf am Telefon, einfach ein paar Sätze in Ruhe formulieren wollen – weil so viel zu hören und zu lesen gewesen sei in den vergangenen Monaten, in denen Wolf und sein Verein nicht mehr zueinander fanden. Der Kapitän hatte beträchtlichen Anteil an einer wider Erwarten herausragenden Saison, im neuen Vertragsangebot aber sah er das nicht gebührend gewürdigt. Während der Verein lange vergebens darauf wartete, über Wolfs Vorstellungen Klarheit zu bekommen, begann eine schleichende Entfremdung – und war es irgendwann zu spät. „Wirtschaftlich haben wir keinen Konsens mehr gefunden, leider“, sagt Nürnbergs Sportdirektor Martin Bader; Wolf meint, dass es dafür auch am unbedingten Willen gefehlt habe. Es gehe im Profigeschäft „auch um Geld“, schreibt er, man dürfe aber „glauben, dass für mich das Geld nicht der ausschlaggebende Punkt war“. „Eine gewisse Wertschätzung“ müsse „auf menschlicher Basis vorhanden sein“, die habe er „leider nicht vorfinden“ können: „Wenn ich das Gefühl gehabt hätte, dass mich der Trainer und der Verein wirklich weiter an Bord hätten haben wollen, wäre es nicht am Finanziellen gescheitert.“
Mehr, sagt Wolf, gebe es nicht zu erklären; auch im Gespräch hat man keinen Moment den Eindruck, es gehe ihm um das, was man dann gern eine Abrechnung nennt, im Gegenteil: Andreas Wolf formuliert seine Sätze vorsichtig. Er wirkt ein wenig gekränkt, aber nicht beleidigt – der Verein werde schließlich „immer ein Teil von mir bleiben“.
Wolf war 15, als er im Sommer 1997 von der Spielvereinigung Ansbach nach Nürnberg kam, jetzt ist er fast 29 und hat sein halbes Leben beim Club verbracht, für den er am 22. März 2002 beim 2:0 gegen Hertha BSC sein Bundesliga-Debüt gab. Der Trainer hieß noch Klaus Augenthaler, der später einmal sagte, dass ihn die Entwicklung dieses Innenverteidigers doch einigermaßen überrascht habe.
Andreas Wolf musste oft damit leben, unterschätzt zu werden; was ihm indes nicht einmal seine strengsten Kritiker je absprachen, waren Fleiß und Einsatzfreude. Damit ist er als Bub aus der Fankurve zum Kapitän auf dem Platz, zum kämpferischen Vorbild geworden – solche Geschichten sind es, die das Profigeschäft Fußball so fest verwurzeln als Volkssport, und Andreas Wolf, Kind einer Spätaussiedlerfamilie aus dem ehemals sowjetischen Tadschikistan, blieb immer weit davon entfernt, sich für etwas Besonderes zu halten.
Erfolg als Lohn für harte, ehrliche Arbeit: Wolf steht für das, was die Menschen in der Kurve aus ihrem Leben kennen. Mit seiner überragenden Leistung im DFB-Pokalfinale 2007 half er mit, sie glücklich zu machen und Vereinsgeschichte zu schreiben; aus der Sieger-Elf von Berlin sind künftig nur Raphael Schäfer und Javier Pinola noch dabei.
„Von uns wird man kein schlechtes Wort über Andreas hören“, sagt Martin Bader, „wir sind ihm dankbar für 14 Jahre, und die Tür beim 1.FC Nürnberg wird ihm immer offen stehen“ – die Tür, durch die er, am 7. Mai beim 1:2 gegen Hoffenheim, seinen Verein gemeinsam mit Marek Mintal verlassen hat.
Es war Wolfs letztes Spiel für Nürnberg; wohin ihn der Weg führt, sagt er, sei offen. Eintracht Frankfurt und der 1.FC Köln haben Interesse signalisiert, auch Red Bull Salzburg und Zenit Sankt Petersburg.
„Irgendwann“, sagt Wolf am Telefon, „komme ich zurück zum Club – Hand in Hand mit Marek.“ Andreas Wolf lacht – und sagt, dass das eine sehr schöne Vorstellung sei; jetzt, zum Abschied.

Mi. 23.05.12
Di. 22.05.12
Di. 22.05.12
Fr. 18.05.12