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Nicht jedem Fußballer steht stets der Sinn nach Plaudereien mit den Medien, aber mindestens einer muss immer vor die Mikrofone. Es gehört zum Service der Pressestelle des 1.FC Nürnberg, täglich einen mehr oder weniger berühmten Spieler abzuordnen, gestern wäre – eigentlich – Philipp Wollscheid an der Reihe gewesen. Vortags allerdings änderte man die Planungen kurzfristig und setzte einen Tag der geschlossenen Tür an. Training unter Ausschluss der Öffentlichkeit, so heißt das in der Fachsprache. Der Termin mit Wollscheid fiel aus.
Warum, ahnte man am frühen Vormittag. In Nürnberg wird man Philipp Wollscheid nur noch bis Anfang Mai sprechen können, danach wechselt einer der talentiertesten deutschen Abwehrspieler zu Bayer 04 Leverkusen. Ab 1.Juli 2012 trägt Wollscheid das Trikot des Werksklubs, bei dem er einen Fünfjahresvertrag unterschrieb. Er ist jetzt 22 Jahre alt – „und hat damit“, wie Nürnbergs Sportdirektor Martin Bader sagt, „für sein Leben ausgesorgt“.
Vom 1.FC Nürnberg wird man ähnliches wahrscheinlich nie behaupten können, aber die Ablösesumme ist immerhin geeignet, den Trennungsschmerz zu lindern. Rund sieben Millionen Euro überweist Bayer 04 – es ist der größte Transfer in der seit 111 Jahren währenden Nürnberger Vereinsgeschichte; in Leverkusen ist man sicher, das viele Geld gut angelegt zu haben. „Wir sind sehr froh, uns mit Philipp ein Juwel gesichert zu haben“, sagt Bayers Sportdirektor Rudi Völler, „ich bin fest überzeugt, dass er sich weiter sehr positiv entwickeln wird.“
Das ist man natürlich auch in Nürnberg, und viel lieber hätte man sich davon vor Ort überzeugt. Zwar steht das Diktat des Aufsichtsrates zum weiteren Schuldenabbau, „aber wir waren zu diesem Transfer nicht gezwungen“, versichert Bader, „wir wollten Philipp auch nicht abgeben“, nur: „Wir können – bei allem Bedauern über seinen Entschluss – auch verstehen, dass er den nächsten Schritt in seiner Karriere tun will.“
Es ist eine so ungewöhnliche wie erstaunliche und zuletzt steile Karriere. Philipp Wollscheid war, als man ihn kennenlernte, ein eher weniger berühmter Fußballer, aber einer, der auffiel – als ausgesprochen angenehmer, sehr interessierter Gesprächspartner, der im Interview selbst viele Fragen stellte. Er wolle, sagte der Abiturient mit einer Eins vor dem Komma, diese neue Welt, in der er auf einmal lebte, erst noch kennenlernen – nach einer Jugend in der saarländischen Provinz, die er unbeschwert nennt, frei von Profifußballträumen. Beim 1.FC Saarbrücken trauten sie diesem Wollscheid nicht einmal die Oberliga Südwest zu. Er sei, sagte er, aber sogar froh darüber, vergleichsweise spät in diesem Zirkus angekommen zu sein.
So spielte er auch, seit er vor einem Jahr den Sprung aus Nürnbergs Regionalligateam zu den Profis schaffte: erstaunlich erwachsen, trotzdem jederzeit lernbegierig – und beinahe verblüffend gut. Es dauerte nur ein paar Monate, ehe das der ganzen Liga auffiel. Der FC Bayern München begann das Werben, Borussia Dortmund und Leverkusen boten mit – und irgendwann konnte, wie im Fall des im Sommer nach Dortmund gewechselten Ilkay Gündogan, der 1.FC Nürnberg, bei dem Wollscheid einen Vertrag bis 2014 besaß, nicht mehr mithalten.
Auch als längst eher mehr berühmter Fußballer ist Wollscheid ein freundlicher, reflektierter Profi, dessen Entschluss, sich zu verändern, kaum überraschen kann. Wegen dieser Personalie hätte man die Türen gestern gar nicht schließen müssen, fernab aller schönen Fußball-Romantik wird Wollscheid auf einiges Verständnis hoffen dürfen – trotz des unglücklichen Zeitpunkts der Vollzugsmeldung. Jetzt, nach acht Spielen ohne Sieg, könnte ein solcher Transfer natürlich auch als Kapitulationserklärung aufgefasst werden. „Aber mir war es wichtig, offen mit dem Wechsel umzugehen und gegenüber den Verantwortlichen und Fans ehrlich zu sein“, teilte Wollscheid mit.
Der 1.FC Nürnberg wird, sollte der Klassenverbleib gelingen, schuldenfrei in die nächste Spielzeit starten – und, wie Martin Bader sagt, den Geldstrom reinvestieren. Bader weiß, dass man Anhänger mit Transfereinnahmen weniger beeindrucken kann als Aufsichtsräte; natürlich ahnt er, dass es wenig Applaus geben wird für diesen Transfer. Von verkauften Perspektiven zu reden, wäre aber in der Tat unsinnig; Nürnberg ist ein Verein, der sich seine Perspektiven im marktwirtschaftlichen Betrieb Bundesliga auch über Transfers erst erarbeiten muss.
Mittelfristig, sagt Bader, „wollen wir dahin kommen, dass wir solche Spieler halten können“ – und dazu will Wollscheid bis zum Ende der Saison noch einiges beitragen. Heute wird er es versprechen: Philipp Wollscheid ist abgeordnet zum Pressegespräch.

Mi. 23.05.12
Di. 22.05.12
Di. 22.05.12
Fr. 18.05.12