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Chris ist kein Eishockey-Spieler, Chris studiert Betriebswirtschaftslehre. Aber als es kurz so scheint, als würde er es nicht schaffen, als wären die hundert Hocksprünge zum Abschluss doch drei zu viel, da darf sich Chris so fühlen, als wäre er Teil einer Eishockey-Mannschaft, als wäre er ein Ice Tiger. „Come on, Chris“, ruft der Schwabe Tim Schüle dem Franken aus der anderen Ecke der Crossfit-Box zu. Und Chris schafft die Hocksprünge 98, 99 und 100. Dann bricht er zusammen.
Teamspieler wie Schüle, Vitalij Aab und Steven Rupprich wissen, dass die größten Herausforderungen gemeinsam leichter zu bewältigen sind, deshalb treffen sie sich von Montag bis Freitag um 7.30 Uhr mit Chris, dem Studenten mit der beeindruckenden V-Figur, und Jessin, einem der besten deutschen Mixed-Martial-Arts-Kämpfer, um sich vom einstigen US-Marine Drake Sladky und seiner Frau Ginger eine Stunde quälen zu lassen. Wobei Muckibude, Eishockey-Profis, MMA-Kämpfer und US-Marine zu sehr nach Klischee, nach Bootcamp klingen. Der Ton an diesem Montagmorgen ist bestimmt und fordernd, aber niemals respektlos. Drake ist selbstironisch und gnadenlos ehrlich. „Wir haben den Jungs hier schnell die Grenzen aufgezeigt. Ihre Rumpfkraft war mies, ihre Beweglichkeit ist es jetzt noch, aber daran arbeiten wir“, sagt er und erfüllt damit den Auftrag, den er von Jeff Tomlinson bekommen hat.
Der neue Trainer der Ice Tigers lässt seine über den gesamten nordamerikanischen Kontinent und ganz Deutschland verteilten Spieler nach den Prinzipien des Fitness-Trends 2012 trainieren. „Man benutzt seinen ganzen Körper, trainiert kurz, aber sehr intensiv — diese Art Training ist ideal für Eishockey-Spieler“, sagt Tomlinson, der in diesem Sommer in seiner kanadischen Heimat selbst erstmals Medizinbälle wuchtet, Liegestützen und Kniebeugen in allen Varianten macht, sich an Sprossenwänden hochzieht, Reifen schleppt, Sandsäcke trägt und sonst alles nutzt, was man seit Jahrzehnten aus Schulturnhallen kennt. Nur hieß es damals Zirkeltraining. „Neu ist das alles nicht“, bestätigt Drake. „Neu ist nur die Kombination — und dass es jeder machen kann: Meine 67 Jahre alte Schwiegermutter, mein fünf Jahre alter Sohn und ein passionierter Athlet.“ Ein Athlet wie Steven Rupprich, der neue Berliner in Diensten der Ice Tigers.
Als Rupprich noch für die Iserlohn Roosters tätig war, hat er auch den ganzen Sommer über trainiert — aber nicht so zielgerichtet. „Ich habe lange Läufe gemacht und Old-School-Pumpen für den Strand.“ Das sieht gut aus, Rupprichs Brustkorb ist tiefer als so manch andere Schultern, jetzt aber fühlt er sich besser vorbereitet auf die mindestens 60, hoffentlich 80 Eishockey-Spiele (bis zum insgeheim angepeilten Finale der Deutschen Eishockey-Liga), auf Hunderte Bandenduelle, auf Tausende Checks und Schlagschüsse. „Es ist spannend zu sehen, wie sich das auswirkt“, wenn sich im August alle Ice Tigers in Nürnberg treffen und es wieder aufs Eis geht.
Dann geht es auch wieder um das Wesentliche. „Es ist nicht der Fitnesszustand, der Deutschland von anderen Eishockey-Nationen unterscheidet“, sagt Tomlinson. „Es ist die Begabung und die Fertigkeit.“ Daran wird er höchstpersönlich arbeiten, die Mannschaft aber wird er trotzdem, auch während der Saison, noch in die Lenkersheimer Straße schicken. Chris darf sich schon einmal auf viel Unterstützung freuen.
Wie es dem Autor dieser Zeilen beim Training ergangen ist, lesen Sie in unserem Blog.

Mi. 08.05.13
Di. 07.05.13
Mo. 06.05.13
Sa. 04.05.13
Fr. 03.05.13