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09. März 1961: Wenig Platz für mehr Wohnungen

Lebensprobleme der Großstadt Nürnberg vorm Stadtrat: sie »eckt an« beim Wachstum - Der langerwartete »Plan zur Behebung der Wohnungsnot« wurde vorgelegt – »Alle Anstrengungen sind nötig!« – Die Stadt muß weiter in den Wald – Parkhäuser Ausweg aus Verkehrsdilemma? - Streit um Neptun: er kommt doch in den Stadtpark - 09.03.2011 06:00 Uhr

'Damit steht der Neptunbrunnen ab nächste Woche im Stadtpark', verkündete Oberbürgermeister Dr. Urschlechter nach einer lebhaften Debatte um den neuen Standort des Denkmals, das vom Marienplatz weichen muß. Der Stadtrat konnte sich nicht einhellig für den Stadtpark entscheiden, in den wir Neptun durch eine Photomontage verpflanzt haben (unser Bild); der Riß der Meinungen gng durch alle Parteien, denn beinahe alle Stadtteile hatten den Brunnen begehrt. Mit 13 Gegenstimmen sprach sich das Plenum aber schließlich doch für den Stadtpark aus. Dort wird die Bronzegruppe ohne ihre bisherige wichtige Steinumrandung aufgestellt werden.

'Damit steht der Neptunbrunnen ab nächste Woche im Stadtpark', verkündete Oberbürgermeister Dr. Urschlechter nach einer lebhaften Debatte um den neuen Standort des Denkmals, das vom Marienplatz weichen muß. Der Stadtrat konnte sich nicht einhellig für den Stadtpark entscheiden, in den wir Neptun durch eine Photomontage verpflanzt haben (unser Bild); der Riß der Meinungen gng durch alle Parteien, denn beinahe alle Stadtteile hatten den Brunnen begehrt. Mit 13 Gegenstimmen sprach sich das Plenum aber schließlich doch für den Stadtpark aus. Dort wird die Bronzegruppe ohne ihre bisherige wichtige Steinumrandung aufgestellt werden. © Hengmith


Wenn die Wohnungsbautätigkeit aber im bisherigen Umfang weitergeht, so verringert sich der Unterschied von Nachfrage und Angebot immer mehr. Nach einer genauen Rechnung der Stadt soll diese Differenz im Jahre 1965 „nur“ noch 23.400 Wohnungen ausmachen, und  es ist zu erwarten, daß sie sich ständig weiter verringert.

Ein anderes Problem aber wird dem Nürnberger Wohnungsmarkt gleichzeitig in stetig steigendem Maße zu schaffen machen, und das ist der Mangel an Grundstücken. Schon jetzt steht fest, daß dem errechneten Bedarf von insgesamt 63.326 Wohnungen, die bis zum Jahre 1965 gebraucht werden, nach dem Wirtschaftsplan eine Fläche gegenübersteht, auf der höchstens 53.000 Wohnungen gebaut werden können.

Deckung des Wohnungsbedarfs

Das ist das wesentliche Ergebnis des lange angekündigten und mit Spannung erwarteten „Gesamtplans“ zur Behebung der Wohnungsnot und zur Deckung des Wohnungsbedarfs in Nürnberg, die Oberbürgermeister Dr. Andreas Urschlechter dem Stadtratsplenum in seiner gestrigen Sitzung vorlegte. Er stellt das Fazit dar aus der neuen Situation, die von den jüngsten gesetzlichen Bestimmungen geschaffen worden ist, soll aber nach der Feststellung des Oberbürgermeisters keine „Widerlegung des Lückeplans“ (Zwischenruf aus der SPD-Fraktion: „Ist schon widerlegt!“), sondern „ein Hinweis auf die großen Aufgaben sein, die noch vor uns liegen“.

Die drei weiteren Punkte des ersten Teils der umfangreichsten Tagesordnung, die der gestrigen Sitzung wieder eine quälende Länge verlieh, standen mit dem Zentralproblem des Wohnungsbaues und des Wachstums der Stadt in ursächlichem Zusammenhang. Eine Illustration zu der geschätzten Baukapazität gab der Bericht von Baudirektor Anton Schorrmüller über den Wohnungsbau des Jahres 1960, der mit 6624 Wohnungen ganz geringfügig, nämlich um 29, gegenüber dem Ergebnis vor 1959 erhöht und die Gesamtzahl der Nürnberger Wohnungen von 145.000 auf 145.015 gebracht hat.

Bauüberschuß von 1959

Dieses erfreuliche Ergebnis ist jedoch von der Zahl her ein bißchen schief, weil es einem erheblichen „Bauüberschuß“ von 1959 zu verdanken ist. Nach der Anzahl der begonnenen – 1959: 7320, 1960: 5804 – und fertiggestellten – 1959: 6595, 1960: 6624 – Wohneinheiten schneidet das vergangene Jahr in Wirklichkeit etwas ungünstiger ab als 1959. Aus dieser Erkenntnis heraus kommentierte der Oberbürgermeister seine Denkschrift auch mit den besorgten Worten, es werden „alle Anstrengungen“ nötig sein, um die Zahl von 6500 Wohnungen pro Jahr zu halten, „vielleicht sogar zu steigern“.

Das immer brennendere Grundstücksproblem wird sich bei der Erweiterung Nürnbergs nur durch gewisse Eingriffe in den Reichswald lösen lassen. Hier hielt der Stadtrat die Zeit für gekommen, um nach einem ausführlichen Vortrag des Baureferenten Heinz Schmeißner den Angriffen besorgter Reichswaldfreunde mit einem klaren einstimmigen Beschluß entgegenzutreten.

Der Wald kann nicht die Baugrenze sein

Wie berichtet, hatte die „Schutzgemeinschaft Deutscher Wald“ und die Nordbayerische Landesgruppe der „Deutschen Gesellschaft für Gartenkunst und Landschaftspflege“ die Forderung erhoben, keine Waldflächen mehr für die Stadtentwicklung abzugeben, und dabei den Stadtrat sogar der „gröblichen Verletzung fundamentalster Bedürfnisse“ geziehen. Nun konstatierte das Plenum, bei aller Würdigung der „Vorzüge der Waldumrahmung“ könnten die derzeitigen Waldränder nicht als Begrenzung des Nürnberger Lebensraumes angesehen werden. Das würde „entweder zu einer sozialhygienisch nie vertretbaren überdichten Belegung der bisherigen Bauflächen oder aber zu einer vollkommenen Stagnation führen“.

Der Baureferent hatte zur Erläuterung dieses Problems zuvor ein ganzes Kolleg über die Entwicklung des Reichswaldes gehalten, in dem zum Ausdruck kam, daß von dessen ursprünglich 30.000 ha vom grauen Mittelalter bis hinauf in unsere Tage insgesamt 3000 ha für die Erweiterung der Stadt in Anspruch genommen worden sind. Was in der nächsten Zukunft dem Wald abgezwackt werden muß, gab Schmeißner mit insgesamt 841 ha an: 720 für das Kanalhafenprojekt mit dem Industriegelände, 70 für das Industriegelände östlich Langwasser, 50 für den Nordfriedhof und elf für das zweite Krankenhaus im Süden.

Bilder vom "Steckalaswald"

„Kein Zweifel, daß die Stadt bei ihrer weiteren Entwicklung... auf das große und reiche Waldgebiet angewiesen ist, das sie umgibt!“ - also zitierte Stadtrat Schmeißner listigerweise den höchsten Herrn des Reichswaldes, Bayerns Landwirtschaftsminister Dr. Dr. Alois Hundhammer, um damit darzutun, daß die Stadt bei den wirklich zuständigen Stellen Verständnis für ihre Nöte findet. Mit einigen Lichtbildern vom „Steckalaswald“, den er noch drastischer eine „Gerüststangenplantage“ nannte, suchte Schmeißner zu beweisen, daß es um manche Teile des Reichswaldes eigentlich gar nicht schade wäre.

Weil dieses Wachstum der Stadt auch immer stärkere Belastungen ihrer Verkehrsadern mit sich bringt, ließ der Oberbürgermeister den Baureferenten und den Kämmerer zum ersten Male eine Zusammenfassung über die Projekte vorlegen, die dem überlasteten Straßennetz in nächster Zeit wesentliche Erleichterung schaffen soll: die Parkhäuser, über die in den letzten Jahren schon so viel gesprochen worden ist, ohne daß bisher auch nur eines wirklich gebaut worden wäre. Stadtrat Schmeißner gab diesen Überblick als „mit einiger Vorsicht aufzunehmende Prognose über akute Pläne“.

Parkhäuser kurz vor der Realisierung

Eine ganze Reiche solcher Projekte ist nach diesem Bericht bereits geprüft worden; einige stehen „kurz vor der Realisierung“, was hauptsächlich der strengen Handhabung der Reichsgaragenordnung in der Innenstadt – es liegen inzwischen 2821 RGaO-Verpflichtungen bei der Stadt vor – zu danken ist.

So sollen Parkhäuser entstehen: zwischen Adler- und Kaiserstraße mit 300 Plätzen, Am Gräslein südlich vom Kornmarkt mit 230, an der Tafelhofstraße, am Carlton Hotel, mit 250, zwischen Findel- und Bankgasse mit 205, in der Breiten Gasse mit 270, neben dem Omnisbusbahnhof am Marientor mit 400, in der Gleißbühlstraße mit 200, am Bergauer Platz mit 78. Weitere Projekte sind am Sterntor, zwischen Lorenzer Straße und Katharinengasse, am alten Palmenhof und südlich der Breiten Gasse vorgesehen.

Nachdem sie diese schwerwiegenden Probleme verdaut hatten, mußten sich die Stadtväter erst einmal in einer Sitzungspause mit „Sauren Zipfeln“ und Bier kräftig stärken, ehe sie einen bunten Strauß weiterer Fragen anpackten. In der zweiten Sitzungshälfte ging es nicht so sehr um weltschauende Pläne, dafür jedoch mehr um Dinge des täglichen Großstadt-Lebens, denen die Bevölkerung besonderes Interesse entgegenbringt.

Zweite Wanderschaft des Neptunbrunnens

Die zweite Wanderschaft des Neptunbrunnens seit Ende des vorigen Jahrhunderts brachte die lebhafteste Debatte in sechseinhalb Stunden, zumal noch während der Sitzung Briefe von Bürgern beim Oberbürgermeister eintrafen, in denen gegen den neuen Standort Stadtpark opponiert wurde. Baureferent Heinz Schmeißner beklagte in beredten Worten das Schicksal des Friedensdenkmals.

Die Kunde vom wandernden Brunnen hat in der Bevölkerung ein riesiges Echo gefunden. „Alle Stadtteile wollten ihn haben“, sagte Schmeißner und zitierte aus der Fülle von Vorschlägen für den Standort, die vom Luitpoldhain bis zur Prateranlage, von der Wohnanlage Zollhaus bis zum Friedrich-Ebert-Platz und Kornmarkt reichen. Aber: „Bei der hohen künstlerischen Qualität des Denkmals muß es so aufgestellt werden, daß es von vielen Bürgern gesehen werden kann; nicht nur ein Stadtteil soll daran Freude haben!“ Der Baukunstbeirat hat schließlich vorgeschlagen, ihn im Stadtpark oder im Cramer-Klett-Park aufzustellen; der Bauausschuß hatte sich einstimmig für den Stadtpark ausgesprochen.

Oscar Schneider: Neptun gehört in den Park

Für die SPD-Fraktion, in der es bei der Diskussion des Planes Meinungsverschiedenheiten gegeben hatte, forderte Vorsitzender Willi Prölß eine neuerliche Beratung im Bauausschuß, weil der Stadtpark in seiner Architektur für den Neptun nicht geeignet scheine.  Der Fraktionschef meinte, daß der Brunnen gerade in einem Wohngebiet einen beruhigenden Akzent abgeben könnte und warf als Standorte den Annapark, Cramer-Klett-Park, Rathenauplatz und sogar Plärrer in die Debatte. CSU-Fraktionsvorsitzender Dr. Oscar Schneider hingegen erklärte: „Wir sind der Meinung, daß der Neptun in den Park gehört“, denn bislang sei keine günstige Alternative angeboten worden.

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„Der Arme kann nicht zur Ruhe kommen“, bedauerte Stadträtin Else Urlaub (FDP) und plädierte für den Stadtpark, während Stadtrat Schmidt (BHE) ebenfalls davor warnte, ihn an die Peripherie zu versetzen. Der Stadtpark sei der gegebene Platz, wie der Bauausschuß nach reiflicher Überlegung herausgefunden habe, versicherte Paul Uebel (SPD), bevor sich der Oberbürgermeister erkundigte: „Wann muß er denn weg?“

Nachdem der Baureferent erklärt hatte, daß man eigens den Abbruch bis heute aufgeschoben habe, setzte sich die Meinung durch, daß ein weiterer Aufschub von 14 Tagen nicht mehr möglich ist. Es wurde abgestimmt – und ein Riß ging durch alle Fraktionen. Gegen 13 Stimmen wurde der Neptun in den Stadtpark beordert, wo er fürderhin plätschern darf.

Aus den Nürnberger Nachrichten vom 9. März 1961 

A. S./W.S.

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